Freiheit als Unterwerfungsprogramm

Ronald Pohl , 21. Oktober 2011, 17:07
  • Henriette Vogel (Miniatur um 1802) war Heinrich von Kleists Todesgefährtin.
    foto: theatermuseum

    Henriette Vogel (Miniatur um 1802) war Heinrich von Kleists Todesgefährtin.

  •  Er selbst blieb Miniatur (Kopie um 1831).
    foto: theatermuseum

     Er selbst blieb Miniatur (Kopie um 1831).

Auf verblüffende Weise knapp und deutlich illustriert das Österreichische Theatermuseum das Leben des unglücklichen Dichters Heinrich von Kleist

Eine famose Aufforderung, endlich zu lesen und zu verstehen.

Wien - Für eine allererste Kleist-Beschäftigung gibt es keinen Ersatz: keine Ausflüchte in den Halbbildungsraum der Wikipedia-Forschung, kein schnurriges Geschichtenerzählen rund um eine charismatische Person.

Wer die Schau Heinrich von Kleist 1777-1811 im Österreichischen Theatermuseum als Dienstleistung begreift, muss sich dem neben Goethe und Hölderlin wichtigsten Textautor an der Jahrhundertwende 1799/1800 stellen. Das heißt zum Beispiel: Kapieren, dass Kleists Briefzeugnisse - 235 Schreiben sind erhalten, 63 nur in Kopie - das irrwitzigste Selbstfindungs-, nein: Selbsterfindungsprogramm enthalten, das ein Dichter an der Schwelle zum 19. Jahrhundert verwirklicht hat.

Die Wiener Schau ist nicht reich, aber besonders sinnreich mit Artefakten aus Frankfurt/Oder bestückt. Denn Kleist, dem Potsdamer Gardesoldaten, werden durch die lose Schlachtordnung der französischen Republikaner genau jene Kriegserlebnisse zuteil, die seine Maßlosigkeit im Keim begründen: dieses Auftrumpfen, dieses Überhandnehmen von gewaltsamen Lösungen.

In Kleists Literatur massakrieren bekanntlich die Sätze die Meinungen: Die Wörter sind Gewichte, die alles Menschliche von vornherein um- und unterwerfen. Es sind daher auch die Lesetafeln, die das Ausstellungsprojekt im Palais Lobkowitz zunächst dominieren: die unermüdlichen Appelle an die Adressen der Schwester und der Verlobten, auszuhalten im Glauben an einen Dichter ohne Werk, ohne inneren Halt, ohne äußere Bestimmung.

Die Schönheiten liegen demgemäß im Detail: Wird der Blick auf die unmenschliche Exerzierordnung des preußischen Militärs geworfen, so liegt daneben eine Klarinette in der Vitrine, um anzuzeigen, dass sich Kleist hervorragend auf das ornithologische Gefiepe auf diesem neuen, höchst friedfertig singenden Instrument verstand.

Noch auf engstem Raum entsteht das Bild eines unruhigen Projektemachers, der in dem einen Jahr preußischer Ministerialrat, im nächsten ein Schweizer Bauer, im übernächsten ein Buchmacher und Zeitungsherausgeber war.

In dem Reizwort Kleist laufen die Bedeutungsstränge einer modernen, höchst unsteten und in keiner Weise "seriösen" Existenz zusammen. Wer möchte, kann in dem Offiziersspross bereits einen legitimen Vorläufer von E.T.A. Hoffmann oder Charles Baudelaire erblicken, dessen nervöse Reizbarkeit den Schock ("Choc", wie es bei Walter Benjamin heißt) durch das Getriebe der Großstadt als umwerfende Erfahrung für künftige Generationen bereithält.

Erschütternd sind denn auch die Zeugnisse eines exzentrischen Wanderers, der über das Schlachtfeld von Aspern (1809) hinstrich. Der sozusagen Feldforschung betrieb im Großraum von Stockerau, als geschworener Napoleon-Gegner aber bereits das Wissen um den modernen Kriegsterror mit sich herumschleppte und wie durch ein Wunder 1810 doch noch Zeitungsverleger in Berlin wurde. Als solcher übte er den Spagat zwischen Rupert Murdoch und der Unterhaltung eines piekfeinen Kunstalmanachs.

Die Pistolen, die den gemeinschaftlichen Suizid mit Henriette Vogel 1811 abbilden, sind Erzeugnisse der Zeit. Mit dem sinnfälligsten Mordinstrument erschoss der Dichter der Penthesilea die Gefährtin, mit dem nächstgrößeren, einer gemeinen Volksausgabe des Vorderladers, sich selbst. Ein drittes Terzerol diente der Versicherung gegen Ladehemmungen. Ein gehemmter Mensch war es, der einige der größten Texte deutscher Zunge schrieb. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 22./23. Oktober 2011)

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14 Postings
und wer die schau gestaltet hat, wird nur bei mir gesagt:

cit. "Die Ausstellung wurde von Anette Handke und Andreas Kugler kuratiert, von Gerhard Veigel gestaltet ... "

(und noch ein bonus:

link:
http://www.theatermuseum.at/de/ausste... 1777-1811)

Das schoenste Stueck deutscher Dichtung (Katechismus fuer die Deutschen):

Frage. Sprich, Kind, wer bist du?

Antwort. Ich bin ein Deutscher.

Fr. Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen geboren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen!

Antw. Ich bin in Meißen geboren und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist Deutschland, und dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.

Heinrich von Kleist

Mehr davon hier:
http://tinyurl.com/6xh8erf

Frage: Und deine Enkel, Kind, sprich!

Antwort: Deusch-Deutsche wurden sie, Vater, denn Sachsen, dem Meißen angehört, lag in dem einem, mein Vaterland aber in dem anderen Deuschland.

Frage: Sprich, Kind, was sind sie geworden, meine Enkel? Deutsche oder Deutsche?

Antwort: Europäer wurden sie Vater, denn wie Meißen Sachsen, Sachsen Deutschland, so angehört Deutschland Europa. Deine Enkel, Vater, sind Europäer.

Frei nach Heinrich von Kleist

BetenS Deutsch an, wennS wolln. Is eh Ihr Religion. Für mi is Deitsch a Sprach und nix nationalistisch-rassistisches. Übrigens: nationalistisch sollte man klein schreiben, noch dazu in der passenden Verbindung mit dem Nichts, wo es es hingehört. Ebenso wie Chauvinismus und Rechvanchismus.

Sie hörten einen Beitrag der Reihe

"Pawlow antwortet Pawlow"!

Falls mein Beitrag auch Ihr deutsches Weltbild störte od. gar auch Ihren Glauben, wie toll Nationalismus sei, gibt's viele blutige Ereignisse, die Zeugnisse für das Gegenteil bilden.

Wenn e. der größten Kulturnationen den ns. Perversionen nicht Einhalt gebieten konnte, sind alle Kulturleistungen von vorher + nachher gleich viel wert. Doch zw. 1918 und 33 ist die Entwicklung aus dem Ruder gelaufen, und dann kommandierten chauvinist. Verbrecher 12J. bis ans Ende des wahns. 2. WK.

Der Vorposter begründete schon Vieles mit "deutschen" Werten, stellt De-Tümelei aufs Podest und Anderes tiefer. Er hat das Recht zu erfahren, dass sein aufgeregter DE-Nationalismus
als undifferenzierte Huldigung von Nationalismus wahrgenommen wird. Cui bono?

Der gute Kleist würde wahrscheinlich im Grab rotieren, wenn er wüsste, wie sehr er heute von Menschen mit Ihrer Ideologie missverstanden wird!

Kleist hat seine Hymne an die Deutsche Nation vor dem Hintergrund der Fremdbeherrschung durch Napoleon geschrieben und als Durchhalteparole an das Deutsche Habsburgerreich (vgl. dazu auch die Kleist-Briefe nach Wien). Es gibt heute viele Parellelen zu dieser Zeit:

Die Bevormundung der beiden deutschen Staatn (BRD, Oe) durch Bruessel, die Ausbeutung der deutschen Steuerzahler durch die PIIGS-Staaten, der Angriff auf die deutsche Werteordnung durch Multikulturalismus und Masseneinwanderung.

Aber bestimmt werden Sie uns jetzt erklaeren, weshalb der Verfasser der Hermannschlacht ein verkappter Multikulti-Pazifist und der Verfasser der Marquise von O. ein genderaffinier Feminist war.

Wann werden Sie kapieren, dass Kleist am preussischen Drill und Philistertum zugrunde gegangen ist.

Ein deutsches Habsburgerreich hat es nie gegeben, die Case d'Austria umfasste ( zu unterschiedlichen Zeitpunkten) Länder wie Spanien, Portugal, Mexiko (mit einem großen Teil Südamerikas), Mailand, Sizilien, Venezien, Ungarn Böhmen, Slawonien, Galizien, Burgund (inklusive der heutigen Staaten Belgien und Niederlande), Kroatien, Bukowina, ....
Das sieht man auch schon dadurch, dass die Mutter Ludwigs XIV, eine spanische Prinzessin Anna von Österreich und Ludwig XIV Frau, ebenfalls eine spanische Prinzessin "Maria Theresia von Österreich" genannt wurde.

Ich sehe Österreich nicht als deutschen Staat. Es ist ein europäisches Nachbarland von Deutschland. Aber Sie können gern weiterhin den Oberdeutschen geben. SeinS halt ned zu enttäuscht, wennS auf österr.+europ. Österreicher treffen. Der Deutschnationalismus verstarb auf den Schlachtfeldern des 2. WK, unter dem Fallbeil der Volksgerichtshofhenker und in Konzentrationslagern.

"Ich sehe Österreich nicht als deutschen Staat"

Wenn ich durch Ottakring oder Favoriten gehe, sehe ich auch nicht mehr viel davon übrig.

"Der Deutschnationalismus verstarb auf den Schlachtfeldern des 2. WK".

Richtig! Und der deutsche Nationalliberalismus wird niemals sterben, zumindest nicht solange es Deutsche gibt, die liberal denken und national empfinden, wie einst Heinrich von Kleist.

Vor 140-100 J. gabs in Wien ... zB Ziegel-Böhmen + andere Zugereiste. Ganz Eu hat sprachl. + kultur. Durchmischungen erlebt. Selbst german. Stämme, die sesshaft wurden, durchmischten sich mit keltischer, kelto-romanischer od. slaw. Bevölkerung. Viele Österr. haben sich schon in den 1970er Jahren nicht als Deutsche gefühlt. Ö + Europa haben ihnen gereicht. Ich werd den Verdacht nicht los, dass viele Umvolkungs-Ängstliche noch immer ähnliche nationalist. Scheuklappen haben wie die Ideologie-Mitträger bis 1945, als "Lebensraum für Deutsche" erobert werden sollte. Ein Teil des Danks für Vertreibungen gilt dem DE-Nationalismus samt seinen Perversionen von 1993-45. Der andere Teil übrigens den Nationalisten der jew. and. Seite.

Wenn Sie das Beispiel für einen "deutschen Staat" sind, dann sag ich nur: Danke!, dass Sie in Ottakring oder Favoriten davon nichts sehen ...

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