Freiheit als Unterwerfungsprogramm

21. Oktober 2011, 17:07
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Auf verblüffende Weise knapp und deutlich illustriert das Österreichische Theatermuseum das Leben des unglücklichen Dichters Heinrich von Kleist

Eine famose Aufforderung, endlich zu lesen und zu verstehen.

Wien - Für eine allererste Kleist-Beschäftigung gibt es keinen Ersatz: keine Ausflüchte in den Halbbildungsraum der Wikipedia-Forschung, kein schnurriges Geschichtenerzählen rund um eine charismatische Person.

Wer die Schau Heinrich von Kleist 1777-1811 im Österreichischen Theatermuseum als Dienstleistung begreift, muss sich dem neben Goethe und Hölderlin wichtigsten Textautor an der Jahrhundertwende 1799/1800 stellen. Das heißt zum Beispiel: Kapieren, dass Kleists Briefzeugnisse - 235 Schreiben sind erhalten, 63 nur in Kopie - das irrwitzigste Selbstfindungs-, nein: Selbsterfindungsprogramm enthalten, das ein Dichter an der Schwelle zum 19. Jahrhundert verwirklicht hat.

Die Wiener Schau ist nicht reich, aber besonders sinnreich mit Artefakten aus Frankfurt/Oder bestückt. Denn Kleist, dem Potsdamer Gardesoldaten, werden durch die lose Schlachtordnung der französischen Republikaner genau jene Kriegserlebnisse zuteil, die seine Maßlosigkeit im Keim begründen: dieses Auftrumpfen, dieses Überhandnehmen von gewaltsamen Lösungen.

In Kleists Literatur massakrieren bekanntlich die Sätze die Meinungen: Die Wörter sind Gewichte, die alles Menschliche von vornherein um- und unterwerfen. Es sind daher auch die Lesetafeln, die das Ausstellungsprojekt im Palais Lobkowitz zunächst dominieren: die unermüdlichen Appelle an die Adressen der Schwester und der Verlobten, auszuhalten im Glauben an einen Dichter ohne Werk, ohne inneren Halt, ohne äußere Bestimmung.

Die Schönheiten liegen demgemäß im Detail: Wird der Blick auf die unmenschliche Exerzierordnung des preußischen Militärs geworfen, so liegt daneben eine Klarinette in der Vitrine, um anzuzeigen, dass sich Kleist hervorragend auf das ornithologische Gefiepe auf diesem neuen, höchst friedfertig singenden Instrument verstand.

Noch auf engstem Raum entsteht das Bild eines unruhigen Projektemachers, der in dem einen Jahr preußischer Ministerialrat, im nächsten ein Schweizer Bauer, im übernächsten ein Buchmacher und Zeitungsherausgeber war.

In dem Reizwort Kleist laufen die Bedeutungsstränge einer modernen, höchst unsteten und in keiner Weise "seriösen" Existenz zusammen. Wer möchte, kann in dem Offiziersspross bereits einen legitimen Vorläufer von E.T.A. Hoffmann oder Charles Baudelaire erblicken, dessen nervöse Reizbarkeit den Schock ("Choc", wie es bei Walter Benjamin heißt) durch das Getriebe der Großstadt als umwerfende Erfahrung für künftige Generationen bereithält.

Erschütternd sind denn auch die Zeugnisse eines exzentrischen Wanderers, der über das Schlachtfeld von Aspern (1809) hinstrich. Der sozusagen Feldforschung betrieb im Großraum von Stockerau, als geschworener Napoleon-Gegner aber bereits das Wissen um den modernen Kriegsterror mit sich herumschleppte und wie durch ein Wunder 1810 doch noch Zeitungsverleger in Berlin wurde. Als solcher übte er den Spagat zwischen Rupert Murdoch und der Unterhaltung eines piekfeinen Kunstalmanachs.

Die Pistolen, die den gemeinschaftlichen Suizid mit Henriette Vogel 1811 abbilden, sind Erzeugnisse der Zeit. Mit dem sinnfälligsten Mordinstrument erschoss der Dichter der Penthesilea die Gefährtin, mit dem nächstgrößeren, einer gemeinen Volksausgabe des Vorderladers, sich selbst. Ein drittes Terzerol diente der Versicherung gegen Ladehemmungen. Ein gehemmter Mensch war es, der einige der größten Texte deutscher Zunge schrieb. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 22./23. Oktober 2011)

  • Henriette Vogel (Miniatur um 1802) war Heinrich von Kleists Todesgefährtin.
    foto: theatermuseum

    Henriette Vogel (Miniatur um 1802) war Heinrich von Kleists Todesgefährtin.

  •  Er selbst blieb Miniatur (Kopie um 1831).
    foto: theatermuseum

     Er selbst blieb Miniatur (Kopie um 1831).

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