"Viele Filme zu machen ist meine Überlebenstaktik"

Interview21. Oktober 2011, 17:40
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US-Filmemacher Joe Swanberg kommt mit "Silver Bullets" zur Viennale, in dem ein Filmemacher zwischen kreativen und privaten Krisen im Mittelpunkt steht

Isabella Reicher traf ihn zum Gespräch.

STANDARD: Die Dialoge in "Silver Bullets" sind aus Improvisationen entstanden - arbeiten Sie immer so, und betrifft das auch noch andere Aspekte des Films?

Swanberg: Bei Silver Bullets war das zur Gänze so, weil ich zu Beginn nur wusste, dass ich mit bestimmten Schauspielern arbeiten will. Wir haben angefangen zu drehen und den Film währenddessen entwickelt. Generell möchte ich, dass ein Film möglichst lange veränderbar bleibt. Mich interessieren auch weniger meine eigenen Ideen, als jene Ideen und Dynamiken, die in der Gruppe entstehen.

STANDARD: Entspricht Ihr Vorgehen am Set dem, wie der Regisseur im Film agiert - schauen Sie auch sofort das Material an, nachdem eine Szene gedreht ist?

Swanberg: Das hat sich allmählich als Methode entwickelt. Anfangs wohl aus Angst, dass mir meine Darsteller abhanden kommen könnten und ich später keine Möglichkeit hätte, eine Szene noch einmal zu drehen. Also habe ich mir immer gleich alles angeschaut, um zu sehen, ob ich damit im Schnitt arbeiten könnte. Aber ich gebe meinen Darstellerinnen und Darstellern nie Anweisungen, während ich filme. Ich bin sehr ruhig, wenn ich Regie führe.

STANDARD: Und Sie schneiden schon, während Sie noch drehen?

Swanberg: Idealerweise wäre ein Film an dem Tag fertig, an dem der Dreh zu Ende ist. Aber das funktioniert natürlich nicht immer.

STANDARD: In "Silver Bullets" gibt es viele bildliche Analogien, Spiegelungen - Ihre Vorgehensweise kommt solchen Bezugnahmen entgegen, oder?

Swanberg: Silver Bullets war ein Projekt, das durch viele Phasen gegangen ist. Das belichtete Material, das der Protagonist des Films durchsieht und bearbeitet, stammt eigentlich aus einem anderen Projekt mit derselben Schauspielerin. Erst später ist die Horrorfilmidee dazugekommen. So läuft das nicht immer. Meine früheren Arbeiten waren eher naturalistisch, zu der Zeit, als ich mit Silver Bullets angefangen habe, bin ich aber kreativ irgendwie angestanden. Ich habe ein Jahr lang Dinge geändert, rausgeschnitten, wieder reinmontiert.

STANDARD: Haben Sie eigentlich eine Filmschule besucht? Ihre Arbeitsweise scheint sehr effektiv zu sein, klingt aber überhaupt nicht nach dem, was man an einer Schule beigebracht bekommt.

Swanberg: Ja, ich habe eine Ausbildung abgeschlossen. Aber es entspricht meinem Naturell, jede Regel oder Methode sofort infrage zu stellen. Ich habe an der Uni viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, weshalb alle alles unbedingt auf die gleiche Weise machen wollen. Als ich fertig war, hat mich nur interessiert, alles anders zu machen. Dabei habe ich dann herausgefunden, weshalb man sich auf bestimmte Dinge geeinigt hat - nämlich, weil es dann einfacher wird, Geld aufzutreiben, Schauspieler zu finden, den Film zu vertreiben. Aber das ist nicht mein Ansatz, also habe ich anders weitergemacht. Mittlerweile habe ich es zum Glück auch oft genug gemacht, um mich dabei wohlzufühlen, zu wissen, was geht und was nicht.

STANDARD: Hat sich seit der Veröffentlichung Ihres dritten Films "Hannah Takes The Stairs" 2007 etwas geändert?

Swanberg: Das war eine beunruhigende Erfahrung. Ich hatte mich an eine überschaubare Öffentlichkeit gewöhnt, und dann wurde der Film in New York gezeigt, viele Leute haben darüber geschrieben, und mein Eindruck hat sich dahingehend verkehrt, dass meine Filme dieser großen Aufmerksamkeit gar nicht gerecht würden. Leute sind dann auch mit falschen Erwartungen ins Kino gegangen und waren letztlich davon enttäuscht, wie bescheiden die Filme sind. In gewisser Weise erhole ich mich davon immer noch. Es war eine zwiespältige Erfahrung. Ich versuche inzwischen, jeden Hype zu vermeiden.

STANDARD: Ist es leichter geworden, Ihre Projekte zu finanzieren?

Swanberg: Mein Publikum wächst ja nur langsam, in jedem Fall nicht schnell genug, dass es entscheidend mehr Geld einbrächte. Meine Antwort darauf ist, möglichst viele Filme zu machen: Wenn das Publikum ungefähr gleich groß bleibt, ich dieses Publikum aber jedes Jahr mit mehr Filmen versorge, dann ist das doch ein allmählicher Zuwachs. Das ist sozusagen meine Überlebenstaktik. Außerdem wird man nur besser, wenn man etwas regelmäßig praktiziert. Das ist gute alte Handwerkstradition, und es gilt auch für die meisten Künste - nur Filmregisseure machen bloß alle drei Jahre einen Film und verbringen dabei wahrscheinlich insgesamt ein Monat am Set mit den Darstellern. Das ist doch eigenartig.

STANDARD: Im Unterschied zum klassischen Studiosystem, wo das Filmemachen mehr einem 9-to-5-Job entsprach?

Swanberg: Ein bisschen ist das die Idee, die ich verfolge. Hoffentlich werde ich dann mit fünfzig wirklich tolle Filme machen. Zumindest theoretisch müsste ich bis dahin ja laufend besser werden.

STANDARD: Ihre Filme haben mich stellenweise an Larry David erinnert - sind Sie ein Fan?

Swanberg: Jaaaaa! Larry David und Ricky Gervais haben mich mindestens genauso sehr beeinflusst wie diverse Filmemacher. Sehr schön, dass man das merkt. Bei Curb Your Enthusiasm wird, glaube ich, auch ziemlich viel improvisiert. Diese Art von Humor spricht mich seit jeher wahnsinnig an. Ich mag ungemütlichen Humor, wenn man lachen muss, weil man sich wiedererkennt. Außerdem schätze ich, dass sich Larry David selbst zum Ziel seiner Witze macht. Ich lache nicht gern über Schmähs, die auf Kosten von anderen gehen, aber ich mag Leute, die sich selbst so aussetzen. Unmöglich finde ich, wenn Regisseure sich in der Hauptrolle besetzen und sich auch noch zum Helden stilisieren.

STANDARD: Sie selbst engagieren oft andere Regisseure als Darsteller - weshalb?

Swanberg: Regisseure sind auf einem Filmset entspannter, sie kennen diese Umgebung und stehen weniger unter Stress als Schauspieler. Außerdem können sie sich für gewöhnlich gut verständlich machen - gerade beim Improvisieren ist das wichtig. Da machen sich geborene Geschichtenerzähler gut. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 22./23. Oktober 2011)

  • 24. 10., Stadtkino, 20.30
  • 25. 10., Künstlerhaus, 23.30
  • Der Regisseur spielt einen Regisseur, und auch sonst werden in "Silver 
Bullets" die Ebenen schön verwirrt: Joe Swanberg (im Spiegel) und Kate 
Lyn Sheil.
    foto: joe swanberg

    Der Regisseur spielt einen Regisseur, und auch sonst werden in "Silver Bullets" die Ebenen schön verwirrt: Joe Swanberg (im Spiegel) und Kate Lyn Sheil.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Joe Swanberg, geboren 1981, machte an der Southern Illinois University einen Abschluss in Filmproduktion; 2005 drehte er seinen ersten Spielfilm Kissing on the Mouth, seither hat er neun weitere veröffentlicht, vier davon allein in diesem Jahr. Swanberg wurde zunächst zur "Mumblecore"-Generation gezählt: unabhängige junge Filmemacher, die aus und mit ihrem erweiterten Umfeld und geringen Mitteln alltagsnahe Filmerzählungen entwickelten; sein dritter Spielfilm Hannah Takes The Stairs (mit Greta Gerwig) wurde jedoch bereits als eigenständige Weiterentwicklung gesehen. Mit seiner Frau Kris Williams entwickelte Swanberg auch die Web-Serie Young American Bodies. Seine Filme, bei denen er meist als Darsteller, Regisseur, Kameramann, Cutter und Produzent aufscheint, vertreibt er neuerdings per Abo über das New Yorker Label Factory 25, für 2012 sind bereits zwei neue Filme angekündigt. (irr)

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