Was tu ich am Sonntag?

    22. Oktober 2011, 15:43
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    Es ist schön draußen, ich hätte wandern gehen können einen richtigen Ausflug machen können, könnte noch immer, kann gleich jemanden anrufen, was sie denn machen, ob sie Lust haben, ob sie etwas unternehmen?

    Vielleicht liegt es am Wort. Da steckt die Sonne drinnen, und wir wollen sie auch herauskriegen; es macht uns nervös, wenn wir fürchten müssen, sie zu versäumen, besonders in unserer geografischen Lage. Und trotzdem haben wir Glück. Lebten wir südlicher, in Rom zum Beispiel oder an der Côte d'Azur, würde nicht die Sonne drinstecken, sondern ein Herr, und den herauszukriegen ist eine viel größere Herausforderung, "domenica" würden wir sagen, Tag der Woche, den die Christen der Religion und der Feiertagsruhe widmen, wie es im Etymologischen Wörterbuch von Zanichelli heißt, oder "dimanche" und sogar in Griechenland dem hehren Helios zum Trotz:

    Die Tage wüssten so viel, wenn sie Interesse daran hätten; sie wüssten, was wir aus ihnen herausgeholt haben, was wir hineinstecken. Nach der ISO-Norm ist der Sonntag der siebte Tag der Woche, in den Vereinigten Staaten von Amerika ist er der erste, obwohl auch dort die Sonne drinsteckt. Wir wollen uns erholen. Etwas zurückholen, das uns vorgestern oder vorvorgestern oder erst gestern abhanden gekommen ist. Die Sonne verspricht Erholung. Am besten ist sie - und der Sonntag -, bevor sie anfangen. Vierundzwanzig Stunden sind ganz schön lang und tausendvierhundertvierzig Minuten und hundertzehntausendachthundertachtzig Herzschläge noch viel länger. Wenn wir nur von Wochen sprächen, würde es mir kaum etwas ausmachen, dass die Zeit vergeht; sie würden sich aneinanderreihen in relativer Ähnlichkeit und mir unendlich vorkommen, hätten keine Namen, hießen schlicht Woche, weil einst die Planeten oder Götter der ersten Stunde des Tages über die restlichen wachten und die Woche eine Einheit war: wie lange es dauerte, bis man als Gott wieder zum Wacheschieben drankam, sechs Tage.

    Jetzt ist es so weit. Morgen ist Sonntag. Ich habe ihn schon tausendneunhundertacht Mal erlebt und trotzdem kein Rezept dafür. Ich könnte Palatschinken machen, eine Eierspeise, "sunny side up". Ich habe öfter einen Sonntag erlebt als Eier gebacken. Trotzdem weiß ich, wie man Eier bäckt. Aber der Sonntag? Fein wäre, wenn man zur Not einen bestellen könnte, es einen Katalog gäbe, eine bebilderte Liste, auf der man ankreuzt, wie er sein soll. Der Sunday-Delivery-Man liefert ihn zur gewünschten Zeit oder legt ihn auf den Fußabstreifer.

    Du musst einen Plan machen, sagt er, und er war früher Pilot.

    Mitte der Woche glänzt der Sonntag noch, jede einzelne der 1440 Minuten prall gefüllt mit 60 Sekunden. 86.400 Sekunden. Freitags hängt er fast greifbar im Abendlicht zwischen rötlich schimmernden Wolken, wie ein zeitgefüllter Zeppelin. Wo der einen überall hintragen wird!

    Der Samstag ist einfach, am Samstag stelle ich den Wecker. Unpünktlichkeit verträgt der Samstag nicht, das ist die Chance, sich um die vernachlässigte Freundin zu kümmern, den stiefmütterlich behandelten Körper, joggen im Prater, Tennis spielen, Jiu-Jitsu bei Sonnenaufgang, Möbel holen bei Ikea, eine seit Monaten im Abstellraum liegende Bücherwand basteln, das Bad putzen, Kleider zur Caritas bringen und eine abmontierte Wäschespinne, mit den Kindern auf den Spielplatz, mit der Mutter zum Friseur, Klopapier kaufen, Bettwäsche, Vorhänge, eine Pheromonfalle für Motten. Ermattet, aber befriedigt sinke ich am Samstagabend in einen Kinosaal; vor mir liegt ein gänzlich leerer Tag.

    Wo ich wohne, ist der Sonntag der einzige Tag ohne Müllabfuhrwägen um sechs Uhr in der Früh, ohne mit laufendem Motor vor dem Haus parkende Lieferautos, ohne federlose Nachtvögel auf zwei Beinen, die sich im Morgengrauen kreischend mitten auf die Straße legen.

    Unten ist es ganz still. Ich beuge mich aus dem Fenster, nichts rührt sich. Es ist sieben, aber so hell, dass es mindestens neun sein müsste oder zehn, eine Verschwendung all dieses Licht, das niemand sieht. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht, und die Welt kannte es nicht, würde man vielleicht ab und zu am Sonntag vorgelesen bekommen, wenn man das täte, womit meine Großeltern einen Teil dieses Tages verbrachten: in die Messe gehen (bzw. eigentlich hörten sie sich die Messe oft lieber im Radio an). Ist womöglich auch Luther an Sonntagen oft früher aufgewacht, früher als an anderen Tagen, an denen er eigentlich nicht ausschlafen hätte dürfen, und hat dann weiter an seiner Bibel übersetzt?

    Einen Augenblick lang bin ich allein mit allen für den Sonntag noch verbleibenden 79.540 Herzschlägen, den Rest habe ich bereits verschlafen. Zuvorkommenderweise sind Herzschläge nicht so unerbittlich wie Sekunden und verlangsamen sich im Schlaf; dann, bevor ich dazu komme zu frühstücken, ist es auf einmal Mittag. Ich gerate in (leichte) Panik, habe total verabsäumt zu planen. Die Sonne ist da, der Sonntag ist da, der Pilot fliegt bestimmt schon über den Wolken, und ich habe gar nichts getan, 43.200 Sekunden lang nichts.

    Panisch schütte ich Kaffeebohnen in die Kaffeemühle, am Sonntag kann man schon einmal frischen Kaffee mahlen ... Aber - hätte ich nicht lieber brunchen gehen sollen, am Sonntag geht man doch brunchen, das hat den Kirchgang abgelöst, ist eine Tradition geworden, zumindest eine Gewohnheit. Und ich habe nirgendwo einen Tisch reserviert, wo es Buffet gibt, alles aus biologischem Anbau, verschwende den Sonntag, den kostbaren. Falle der Gesellschaft zur Last, der Allgemeinheit, dem Staat!, weil ich den Sonntag, den kostbaren, ungenützt verstreichen lasse. Mich nicht erhole und schon gar nicht entspanne, weil mir einfällt: Ich hätte mich verabreden sollen. Es ist so schön draußen, ich hätte wandern gehen können, ins Schwimmbad, hätte einen richtigen Ausflug machen können, könnte noch immer, kann gleich jemanden anrufen, was sie denn machen, ob sie Lust haben, ob sie etwas unternehmen? Wir könnten ins Grüne fahren oder in den Wald, an einen See, eventuell sogar in ein Museum gehen, weil das Wetter so schön ist, wären dort weniger Leute ...

    Die Antimaterie der Woche

    Ich beneide die Physiker und zitiere hier den Philosophen Damiaan Denys, weil sie schon lange mit der Materie abgeschlossen haben, sich mit der Leere beschäftigen, der Abwesenheit, ernsthafte Aufsätze schreiben über flache Wesen, die unsere Dimension ignorieren, parallele Welten, elf oder sechsundzwanzig Dimensionen an zitternden Saiten. Der Sonntag erscheint mir wie die Antimaterie der Woche, Teilchen, Stücke von Tagen, treffen aufeinander und vernichten einander unter Freisetzung von Energie.

    Diese Energie würde ich brauchen und beschließe, nirgendwo anzurufen, Rad fahren zu gehen. Ich gehe zu meinem Fahrrad, entdecke, dass zu wenig Luft in den Reifen ist, ein Nichts in den Reifen ist, ich keine Pumpe besitze und auch an allen anderen Rädern im Fahrradraum absoluter Pumpenmangel herrscht. Wo kann ich mir eine Pumpe ausborgen? Im Haus ist es ruhig, noch stiller als auf der Straße. Alle sind schon lange unterwegs, bei Sonntagsgeschäftigkeiten, haben den Brunch hinter sich, sind mittlerweile oben am Leopoldsberg, auf der Hohen Wand, am Dachstein, haben bereits den Anflug eines Sonnenbrands, können am Montag beweisen, dass sie alles aus dem Sonntag herausgeholt haben, jeden Strahl.

    Wenn ich eine Pumpe finde, kann ich noch geschwind fünfzig Kilometer Rad fahren und habe womöglich noch eine Chance auf einen klitzekleinen Sonnenbrand, zumindest auf den Armen, den Abdruck von T-Shirt-Ärmeln auf der Haut. Ich läute bei meinen Nachbarn, obwohl ich überzeugt bin, dass sie außer Haus sind. Genau, sie sind nicht da. Hinter ihrer Tür rührt sich nichts. Ich versuche es in einem anderen Stockwerk, ganz oben - inzwischen ist es drei, meine Sonntagspanik nähert sich ihrem Höhepunkt. Ich klingle, nach mehrmaligen Versuchen - ich bin überzeugt, dass niemand zu Hause ist, sonst würde ich gar nicht so lange klingeln - höre ich eine Stimme: "Wer ist da?" Die Tür geht auf, und ich sehe eine Frau ungefähr in meinem Alter, im Pyjama. "Leider, ich hab kein Rad", sagt sie; hinter ihr kommt ein Mann zum Vorschein, ebenfalls so bekleidet, dass man davon ausgehen kann, er hat die Wohnung heute noch nicht verlassen. "Nein, leider, Pumpe haben wir keine", sagt er bedauernd. Ich fasse Mut, klappere alle Wohnungen meiner Stiege ab, finde die meisten Bewohner zu Hause und alle im Schlafanzug, und keiner hat eine Fahrradpumpe.

    Ich stelle mir vor, wie es wäre, keinen Sonntag zu haben. Wenn ich eine Wespe wäre zum Beispiel, um nur zufällig ein Wesen zu nennen, dem ich keinen Sonntag zutraue. Auch wenn ich eine Gelse wäre, hätte ich keinen, nicht einmal, wenn ich ein Reh wäre, hätte ich einen. Als Kuh da schon, auch als Katze.

    Wir sind, was wir sind, wegen dem, was wir nicht sind, sagt Damiaan Denys.

    Der Sonntag ist der Sonntag, wegen dem, was er nicht ist, sage ich. Wegen dem, was man nicht macht. Und fühle mich vollkommen erholt.

    Noch hundertvierundfünfzig Herzschläge bis Montag. Ich lasse es einfach schlagen. Eine herrliche Leerstelle zwischen zwei Wörtern. (Andrea Grill, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 22./23. Oktober 2011)

    Andrea Grill, geboren 1975 in Bad Ischl, absolvierte ihr Biologiestudium in mehreren Ländern Europas. Sie hat in der Schweiz gelebt, in Italien, Holland, Griechenland und Albanien. Promoviert hat sie an der Universität Amsterdam, über die Evolution endemischer Schmetterlinge Sardiniens. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, eigene Literatur und Über- setzungen aus dem Albanischen. Zuletzt erschien ihr Roman "Das Schöne und das Notwendige" (Otto-Müller-Verlag, 2010).

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      Raus oder nicht raus? Der Sonntag ist der Sonntag, wegen dem, was er nicht ist, sage ich. Wegen dem, was man nicht macht. Und fühle mich vollkommen erholt.

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