Marathon in Brüssel

Gipfel des Chaos

Kommentar | Sigrid Schamall, 21. Oktober 2011, 13:09
  • Artikelbild
    foto: www.pixelio, kurt f. domnik

    Die Furcht vor einem Dominoeffekt wächst.

    Foto: www.pixelio, Kurt F. Domnik

Langer Anlauf, kurzer Sprung - der kommende EU-Gipfel ist nur eine weitere Jammergestalt und zum Scheitern verurteilt

Wie schlimm muss es um ein Land stehen, wenn das französische Staatsoberhaupt die Geburt seiner Tochter versäumt? Le Parisien brachte es auf den Punkt und titelte: "Carla Bruni-Sarkozy à la clinique de la Muette, son mari en Allemagne" - flapsig übersetzt: Sie im Spital, er in Deutschland. Nahezu fluchtartig flog Nicolas Sarkozy zu einem Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Im Gepäck die überstrapazierte Frage: Darf's ein bisserl mehr sein? Mit anderen Worten: Kommt er nun der Schuldenschnitt oder kommt er nicht? Neuerliche Conclusio der Reise: Außer Spesen nichts gewesen.

Denn weil sich - das wirtschaftlich stärkere - Deutschland und - das politisch bedeutsamere - Frankreich nicht auf Instrumente zur Hebelung des erweiterten Rettungsschirms EFSF einigen können, kann darüber auch beim Brüsseler Treffen am Sonntag nicht entschieden werden. Damit droht der Gipfel erneut zur Farce zu werden.

Heute lässt Merkel mit einem Sinneswandel aufhorchen. Ein Schuldenschnitt Griechenlands von 21 Prozent stand bisher im Raum, nun sollen es deutlich mehr werden - von 40 bis gar 60 Prozent ist die Rede. Gleichzeitig versucht Frau Merkel, Frankreich munter von den deutschen Rettungsplänen zu überzeugen. Dass diese Notoperation zum Scheitern verurteilt ist, ist klar, denn die französischen Geldinstitute sind in Griechenland besonders engagiert - ihnen drohen Milliardenverluste.

Eigentlich sollte der EU-Gipfel ein deutliches Signal aussenden - der große Wurf werden, wie die Politiker immer noch frech behaupten. Doch niemand weiß, wie der Finanzspielraum des Euro-Rettungsschirms auf ein bis zwei Billionen Euro aufgeblasen werden soll - es wird also wieder nichts herauskommen. Für kommenden Mittwoch ist schon der nächste Gipfel, das nächste Scheitern, anberaumt. Kooperation ist seit Monaten ein viel missbrauchter Begriff. Angela Merkel kann selbst in ihrem eigenen Haus derzeit nicht damit rechnen: Der überraschende CDU-FDP-Vorstoß gestern, der inmitten der Schuldenkrise Steuersenkungen bis zu sechs Milliarden Euro in Aussicht stellt, war mit der CSU nicht abgesprochen.

Griechenland ist längst nicht mehr das Problem. Das Land hat sich selbst weggestorben, ist im Prinzip schon abgeschrieben  und kann sich nicht mehr gesundschrumpfen. Alles andere ist Hinhaltetaktik. Die Gefahrenzonen liegen in Italien, Spanien, aber auch Frankreich. Zur Rettung gibt es nur zwei Lösungen: Inflation oder Revolution. (derStandard.at, 21.10.2011)

  • 18.5.2012
    • Facebook macht blau [13]

      TitelbildTrotz der 421 Millionen ausgegebenen Aktien ist Facebook ein knappes Gut. Noch. Denn für ein langfristiges Investment taugt die Aktie nicht

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
Europa geht pleite, wer geht mit?
 
00
23.10.2011, 19:41
@ "Wirtschaftsregierung"

Wirtschaftswachstum entsteht dadurch, dass Menschen mit Leidenschaft und Ideen die Ärmel hochkrempeln und eine Idee anpacken. Es ist mir ein Rätsel, was eine "Wirtschaftsregierung" dazu beitragen soll. Diese wäre ja nichts weiter als ein Haufen verbeamteter Sesselfurzer, die Steuergeld kosten und dem potentiellen Unternehmer mit Vorschriften und sinnlosen Regulierungen das Leben schwer machen.

her wig
00
23.10.2011, 19:06
Stimmungsbarometer

Es ist in den Zeitungskommentaren so wie an der Börse: wenn alle pessimistisch sind, geht es wieder bergauf. Die Aussichten sind sozusagen blendend!

le_concierge
00
23.10.2011, 19:05
"Zur Rettung gibt es nur zwei Lösungen: Inflation oder Revolution."

Wie wahr - unsere Politiker haben es verbockt...

3ch0
10
23.10.2011, 19:15

nein nein, sie waren durchaus erfolgreich!

Immerhin haben sie mittels Krisen-Panik durchgesetzt, eine Revolution von oben zu starten, die bald -durch die Transferunion- vollzogen sein wird, und nicht ohne Inflation vonstatten gehen dürfte.
(es gibt also beide Lösungen zum Preis von einer;)

Danach gibt es für uns Einzelne wenig zu lachen - es sei denn man ist EU-Beamter.

CL
02
23.10.2011, 15:08

Wenn "dieses Ding" nicht so dramatisch und tragisch wäre, könnte man feststellen, dass das hier dargestellte Gebahren zumindest kurzweilig ist!

johnsp
00
23.10.2011, 19:10
...die "Bahre"...

war sicher Absicht, oder?

CL
00
23.10.2011, 19:12
Sicher! ;-)

cannery row
01
23.10.2011, 14:05
eigentlich lustig..

war es bis vor kurzem in der cafe-latte-fraktion noch en vogue, jeden, der kritik an der eu, am euro oder an sonst einer der bescherten gnaden übte, ins rechte, kleinformatlesende eck zu stellen, ist jetzt alles anders.
nämlich umgekehrt. vernunft und fundierte diskussion haben hier ohnehin noch nie regiert, doch ist es doch eindrucksvoll zu sehen: wenn das eigene eingemachte in gefahr ist, dreht sich der überzeugte europäer schneller im wind, als man piep sagen kann.

Bruno Flex
10
23.10.2011, 08:36
Dieses Gejammer

über "zu langsame" Entscheidungen ist realitätsfremd.

Es geht um weitreichende Entscheidungen: bekämpft man die Schuldenkrise mit dem Drucken von Geld oder mit noch mehr Schulden und / oder verknüpft man die akute Hilfestellung mit Reformen, die ähnliche Situationen in Zukunft nicht mehr möglich machen ("Wirtschaftsregierung").

Wer jetzt drängt, will vermutlich eine einfache, aber nicht nachhaltige Lösung zu alleinigen Lasten der Steuerzahler v. a. in Deutschland.

M. C. Escher
00
23.10.2011, 02:58
aber, aber!

Ich bin recht zuversichtlich, dass es unserem europäischen Spitzenpersonal gelingen wird, diesmal den Sarg zuzunageln!

Hans Vogel
13
22.10.2011, 21:05
Zieht

Vranitzky und Eder jetzt zur Verantwortung. Sie haben die Österreicher belogen!

cannery row
00
23.10.2011, 14:08
und es gab ja scheinbar..

genug narren, die es geglaubt haben.

M. C. Escher
01
23.10.2011, 03:00
ein bisschen Geduld!

ihr Tausender ist in der Post!

José Atento
04
22.10.2011, 20:06
Inflation oder Revolution

Ich schätze wir werden in näherer Zukunft beides erleben.
Zuerst noch eine neuerliche Deflationsangst, dann steigende Inflation und schließlich eine politische Revolution der Indignados.

Heribert Pilch
 
04
22.10.2011, 14:12

es entbehrt nicht einer gewissen ironie, dass gerade ein luxenburger (jean claude junker) in dieser krise als chef der eurogruppe ein gewichtiges wort mitzureden hat. die steueroase luxenburg hat er früher wortreich verteidigt (finanzminister!) http://www.zeit.de/online/20... teinbrueck

Peter_23
03
22.10.2011, 19:48
Dieser Hr. Junker ist so ein Fähnchen was sich munter im Wind dreht

Alleine seine Aussagen vor einigen Monaten keinen "Plan B" (zur Pseudo-Rettung von GR) zu haben, und 5 Wochen später bejubelt er den Plan-B als "die Lösung".

Tipp: Zurücklehnen und das Schauspiel geniessen. Diese kopflosen EU-Poltikmarionetten sind besser als jeder Schmalspurkrimi. Leider kostet dieser EU-Wahnsinn deutlich mehr.

He du, nicht einschlafen!
16
22.10.2011, 12:36
Hallo hallo. Jetzt macht mal halblang.

Schuld sind die Griechen. Die allermeisten eher nicht.
Schuld sind die Banken. Die allermeisten eher nicht.
Schuld sind die Politiker. Die allermeisten eher nicht
Schuld sind die Konstrukteure des Geldsystems. Schon viel eher.
Ist bloß ewig aus und diese Schlawiner haben sich längst durch Tod entzogen.

Jetzt müssen wir nur rausfinden, wie wir vom jetzigen Geldsystem wegkommen.

Es ist das Zinsproblem. Weniger wenn ich jemandem Geld leihe. Aber massiv, bei der Erzeugung von Geld.
Das zwingt uns zu Konkurrenz statt Kooperation. Das zwingt uns zu Wachstum und immer mehr Leistung für immer weniger Lohn.
Das zwingt uns zu Inflation.

Das zwingt uns letztendlich irgendwann in den Crash.

Karl Krammer
00
22.10.2011, 11:27
Inflation wie in den 70er Jahren

ja, wird so kommen müssen, wird auch von weitsichtigen Ökonomen wie Kenneth Rogoff schon seit Jahren gefordert. Und? Was war in den 1970ern schlecht? Die Arbeitslosenraten von damals würden sich heute alle wünschen. Die Wirtschaft war weit stärker vom Öl abhängig, was in Europa Realeinkommen gekostet hat. Das wird heute nicht mehr der Fall sein. 6% Inflation wird keine Straßenschlachten auslösen, 20% Arbeitslosigkeit aber schon.

José Atento
00
22.10.2011, 20:07
No way!

Schon geringe Zinserhöhungen würden die Schuldner heute sofort ruinieren.

Andreas Prucha
00
22.10.2011, 12:26

Dabei gibts aber nur ein Problem: Inflation lässt sich unter den gegebenen Regeln nicht erzwingen, wenn sich die Staaten nicht stark weiter verschulden wollen: Irgendwer muss sich ja verschulden damit zusätzliches Geld in Umlauf kommt. Bleibt also nur die Möglichkeit der Zentralbank Geld billigst anzubieten. Wenn das Geld aber niemand nimmt, oder es in schwindlige Wetten "investiert", wirds schwierig. Japan stemmt sich jetzt schon seit Jahren mit gegen die Deflation. Und trotz 0-Zinsen und hoher Staatsverschuldung mit nur geringem Erfolg.

Aguirre74
 
13
22.10.2011, 10:30

Warum verstaatlicht man nicht einfach 20% des Vermögens der reichsten 10%? Die würden es nicht spüren und die Staaten wären ihre Probleme los. Da die aber zu gierig sind, gibts das volle Programm: Unruhen, Revolutionen, Zusammenbruch.

flotter denker
01
22.10.2011, 09:33
Der letzte Satz ist so apodiktisch

sollte aber eigentlich heissen:
Inflation oder offene Enteignung

lessismore
00
22.10.2011, 20:53

Wenn man so viel Geld (Verfügung über die Arbeit Anderer) akkkumuliert, dann sollte man vielleicht auch schauen, daß die Anderen Arbeit HABEN.

Nur so ein Gedanke.

carl guggelhupf
010
21.10.2011, 22:25
flotter denker
00
22.10.2011, 09:29
Grossartig - you made my day

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.