"Haarausfall ensteht durch Yin-Mangel"

Interview
  • Ching-Ling Tan-Bleinroth ist Ärztin für Allgemeinmedizin, Akupunktur und TCM in Wien und Lehrbeauftragte an der Schule für TCM in Wien.
    foto: standard/matthias cremer

    Ching-Ling Tan-Bleinroth ist Ärztin für Allgemeinmedizin, Akupunktur und TCM in Wien und Lehrbeauftragte an der Schule für TCM in Wien.

In der TCM werden Akupunktur und Kräuter gegen Haarausfall eingesetzt, sagt Ching-Ling Tan-Bleinroth

In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden Akupunktur und Kräuter gegen Haarausfall eingesetzt, sagt Ching-Ling Tan-Bleinroth. Aber auch Ruhe sei wichtig, erzählte sie Konstanze Wagenhofer.

Standard: Kann TCM bei weiblichem Haarausfall helfen?

Tan-Bleinroth: Ich gebe Patientinnen gern das Bild von einem Feld, auf dem Getreide wächst. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Erde fruchtbar, feucht und nährstoffreich ist. Bei Hitze, Dürre und Trockenheit wächst nichts. Haarausfall entsteht aus Sicht der TCM durch Yin-Mangel.

Standard: Wie wird das behandelt?

Tan-Bleinroth: Mit chinesischen Kräutern und einer Akupunktur. Meist verschreibe ich auch eine Haarspülung aus Heilkräutern. Bei der Akupunktur werden sowohl Nadeln am Körper, aber auch lokal im Bereich der Kopfhaut gesetzt. Zu Beginn steht eine komplette TCM-Anamnese.

Standard: Was ist Yin-Mangel?

Tan-Bleinroth: Mit Yin bezeichnet die TCM den kühlenden, nährenden, befeuchtenden Aspekt des Körpers. Man könnte es auch als "Jugendelixier" beschreiben. Mit zunehmendem Alter wird das Yin verbraucht, dann überwiegt das Yang mit Symptomen, die mit Trockenheit oder Hitze verbunden sind. Sehr häufig verursachen Stress und Überarbeitung einen Yin-Mangel. Auch schlechte Ernährung, Schlafmangel und Belastungen wie emotionaler Stress schwächen unser Yin.

Standard: Welche Frauen sind dafür besonders anfällig?

Tan-Bleinroth: Typischerweise Frauen, die alles gleichzeitig machen: Kinder, Haushalt, Beruf, Ausbildung. Auf gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf wird kaum geachtet. Wobei Stress sehr subjektiv ist. Manche fühlen sich schon von weit weniger überlastet als andere. Was sie oft gemeinsam haben, ist, dass sie kaum Zeit für sich selbst oder Zeit zum Ausatmen haben.

Standard: Was kann man generell tun, um das Yin zu stärken?

Tan-Bleinroth: Generell sollte man bei Yin-Mangel besonders viel Wasser trinken und auf genügend Schlaf achten, insbesondere vor Mitternacht. Auch ein Powernap von zehn bis 20 Minuten ist gut. Vor allem für Frauen ab der Menopause ist das wichtig, denn über die Jahre wird das Yin natürlicherweise verbraucht. Es geht aber auch darum, einfach nett zu sich zu sein, Grenzen zu setzen und den Alltag so zu gestalten, dass täglich ein Moment der Ruhe möglich ist.

Standard: Welche Ernährung stützt das Yin?

Tan-Bleinroth: Gestärkt wird das Yin durch Reis sowie Obst, Gemüse und Tofu. Zu meiden sind scharfe Gewürze, zu viel Kaffee und Alkohol, ebenso Lammfleisch. Auch zu viel Zucker schwächt.

Standard: Wie sind die Behandlungsaussichten?

Tan-Bleinroth: Je früher man kommt, umso besser die Chancen auf Erfolg. Außerdem kommt es auch auf die schulmedizinische Diagnose an. Man kann viel, aber nicht alles mit TCM behandeln.

Standard: Sollen Frauen, die unter Haarausfall leiden, mehrere Therapien kombinieren?

Tan-Bleinroth: Ich schicke Patientinnen zur schulmedizinische Abklärung. Für mich ergänzen und unterstützen TCM und Schulmedizin einander. (Konstanze Wagenhofer, DER STANDARD Printausgabe, 24.10.2011)

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