"Die erste Weltrevolution der Geschichte"

21. Oktober 2011, 10:20
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Adbusters-Chefredakteur und Revolutionsvater Kalle Lasn über die Mystik einer Bewegung, die er ins Rollen gebracht hat

Kalle Lasn hat keine Verschnaufpause dieser Tage. Eine Revolution ist im Gange und er ist an vorderster Front. Ständig klingelt das Telefon in den Redaktionsräumen seines Magazins "Adbusters" in Vancouver, Kanada. Im 20 Minuten Takt erklärt der 69-jährige Chefredakteur was es mit den Besetzern der Wall Street auf sich hat. "Wir haben einen Urknall in New York erwartet, aber nicht die Geburt einer Bewegung", gesteht er im Telefongespräch mit derstandard.at. Er ist zufrieden.

Seit mehr als einem Monat besetzen Demonstranten den Zuccotti Park im Finanzzentrum New Yorks. Sie protestieren gegen ein System, das für sie ausgedient hat. Längst beschränkt sich der Protest nicht mehr nur auf Lower Manhattan. Tausende haben sich weltweit mit den Besetzern solidarisiert und es ihnen gleich getan.

Begonnen hat alles mit einem Email, gesendet am 13. Juli an 90.000 Unterstützer des Adbusters Magazins. Inspiriert von dem arabischen Frühling, beschlossen Kalle Lasn und seine Belegschaft die zahlreichen Sympathisanten ihres Konsumverweigerungsmagazins wachzurütteln. Mit dem Aufruf "# Occupy Wall Street. Bist du bereit für einen Tahrir Moment?" forderten sie Tausende auf am 17.September in "Amerikas Finanz-Gomorrha" zu pilgern, Zelte und Küchen aufzustellen und friedlich die Wall Street zu besetzen. "Die Bewegung hat etwas Mystisches an sich, weil sie keinen Führer, keinen Forderungen und kein Manifest hat. Das ist der Grund, warum alles so großartig läuft", sagt Lasn. Als Vater der Revolution will sich der gebürtige Este nicht verstanden wissen, höchstens als jemand, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Bereits zuvor hat das kanadische Nischenmagazin Adbusters mit diversen Kampagnen für Medienwirbel gesorgt wie etwa den "Buy Nothing Day" oder "Digital Detox Week." Doch jene sind nicht zu vergleichen mit der Wall Street Besetzung. Für Lasn liege der Geist der Sechziger Jahre in der Luft. Nur heute wolle man es richtig machen. "Ich denke diese gewaltlose globale Revolution könnte die erste Weltrevolution in der Geschichte der Menschheit werden", sagt er euphorisch.

Er macht sich bereit für den nächsten Großkampftag, den 29. Oktober. Im Vorfeld des G20 Gipfeltreffens in Cannes Anfang November, sollen Millionen weltweit auf die Straße gehen - und dieses Mal mit einer konkreten Forderung: "der Robin Hood Steuer." In Zukunft soll eine Steuer von einem Prozent auf alle Finanztransaktionen erhobenen werden. Ziel sei es den Handel von schnellem Geld zu verlangsamen und damit Spekulanten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und Lasn wird nicht müde die Steuer jedem zu erklären, der es hören will. Er ist stolz auf die Bewegung, darauf, dass sie in den USA einen nationalen Diskurs über die Zukunft des Landes ausgelöst habe. Nun stellt sich die Frage welche Rolle die Wall Street Besetzung bei den US Präsidentschaftswahlen 2012 spielen werde. Beobachter prognostizieren, dass Demokraten und Präsident Barack Obama die Proteste als linke Alternative zur konservativen Tea Party Bewegung vereinnahmen könnten.

"Die Tea Party hat einen Fehler gemacht, als sie sich mit den Republikanern ins Bett gelegt hat. Aber wir werden uns nicht mit den Demokraten ins Bett legen" ist Lasn überzeugt und fügt düster hinzu: "Das wäre der Todeskuss für die Bewegung." (Solmaz Khorsand, derStandard.at, 21.10.2011)

  • Die "Revolutionsbewegung" kam schon über den großen Teich - der Revolutionsvater - ein Este - kann sich noch viel vorstellen.
    foto: epa/dedert

    Die "Revolutionsbewegung" kam schon über den großen Teich - der Revolutionsvater - ein Este - kann sich noch viel vorstellen.

  • Für Gründungsvater Lasn liegt der Geist der Sechziger Jahre in der Luft.
    foto: occupy

    Für Gründungsvater Lasn liegt der Geist der Sechziger Jahre in der Luft.

  • Heute wird auch vor der St. Paul's Cathedral in London protestiert.
    foto: epa/nash

    Heute wird auch vor der St. Paul's Cathedral in London protestiert.

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