Zungengold ist Mangolds Sache

20. Oktober 2011, 18:53
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Mit Doris Prieschings Aufzeichnung der Erinnerungen von Schauspielerin Erni Mangold entsteht das komplexe Porträt einer allezeit Unbeugsamen

 Eine vergnügliche Buchlektion in Sachen Emanzipierung.

Wien - Ihre Geburt fiel mit einer Sauschlachtung zusammen, die am Hof der Großeltern 1927 im niederösterreichischen Großweikersdorf stattfand. Die kleine Erna Goldmann erblickte das Licht der Welt allzu früh, weshalb ihre lebenslustige Mutter trotz abrupter Niederkunft kaum von dem Plan abzubringen war, den Kirtag zu besuchen, um dort das Tanzbein zu schwingen.

Die Beiläufigkeit der Geburt hat sich auf Erni Mangolds ganzes Leben übertragen: Mit einem Achselzucken quittiert die große Schauspielerin die Glücksumstände, aber auch die Zumutungen ihres an Erfahrungen ungewöhnlich reichen Künstlerinnenlebens. Der Titel ihres soeben bei Amalthea erschienenen Erinnerungsbuches ist bezeichnenderweise rot unterlegt. Den Satz Lassen Sie mich in Ruhe mag auch Standard-Medienredakteurin Doris Priesching öfter an den Kopf geworfen bekommen haben. Priesching übertrug Mangolds knochentrockene Erzählprosa auf Papier.

Mit der zierlichen Person war niemals zu spaßen. Kaum war Mangold dem Chaos der Wiener Nachkriegszeit enttaucht, putzte sich der Nachkriegsboulevard mit der unbekümmerten Anmut einer frechen Emanzipierten. Auf den Mund gefallen war die platonisch, aber innig mit Helmut Qualtinger Befreundete nie. Sie passte sich dem Josefstädter Plüsch an, und sie machte auch in halbseidenen Theatern bella figura. Vor allem aber erwehrte sich die Mangold wahrer Heerscharen von zudringlichen Verehrern: Sie wies Russen und Amerikaner von der reinlichen Schwelle und stürzte ganze Jahrgänge sabbernder Theatermachthaber in schwere Versagungsdepressionen.

Als groß orchestriertes Generalthema dominiert das männliche Potenzgehabe Mangolds gesammelte Reflexionen. Vielleicht sind gerade deshalb die Passagen, die von Gustaf Gründgens und ihrem Engagement am Hamburger Schauspielhaus handeln, die plastischsten: Bis tief in die 1960er-Jahre sammelte Mangold, zwischenzeitlich mit dem Kieler Kollegen Heinz Reincke verheiratet, Ruhmeslorbeeren als gedankenschnelle, scharfzüngige Schönheit, die sich neben Joana Maria Gorvin oder Elisabeth Flickenschildt problemlos behauptete. Wie überhaupt das norddeutsche Klima der unbeugsamen Einzelgängerin behagt haben muss.

Mangolds spätere Heimkehr nach Wien muss man schon deshalb begrüßen, weil sie bis heute - und hoffentlich weit, weit über diese Tage hinaus - ihre couragierte, detailversessene und verbindliche Theaterarbeit vorantreibt. Mag Erni Mangold auch beim Sauschlachten zur Welt gekommen sein: In ihrem famosen Erinnerungsbuch, das einige treffliche Sätze über die reale Verfassung Österreichs enthält, schlachtet sie vor allem heilige Kühe.  (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2011)

Erni Mangolds "Lassen Sie mich in Ruhe" wird am Montag, 24.10., um 11.00, in der Roten Bar des Wiener Volkstheaters vorgestellt.

  • Erni Mangold, hier als Eleonore Duse im Auftrag des Volkstheaters im 
vergangenen Herbst.
    foto: jodlbauer

    Erni Mangold, hier als Eleonore Duse im Auftrag des Volkstheaters im vergangenen Herbst.

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