Bulgarisches Panoptikum

Blog20. Oktober 2011, 18:34
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Die Wahlspots der Präsidentenkandidaten. Völlig erklärt und kommentiert. (Teil 1)

Frühmorgens ist es, Ivailo Kalfin tritt vor die Tür seines Hauses in der Altstadt von Sofia und ist schon adrett im Anzug. "Guten Morgen", wünscht er höflich den schlaftrunkenen Passanten. Добро утро. Was gibt es nicht alles zu entdecken in dieser Stadt, und da kommt auch schon Stefan um die Ecke gebogen. "Grüß dich, mein Freund", sagt Stefan Danailov. So viele nette Leute auf der Straße, was machen wir jetzt eigentlich hier, ah ja, Präsident werden. Dann stehen Kalfin, der Kandidat, und sein Vize irgendwo oben und gucken auf die bulgarische Hauptstadt, in der es jetzt hell geworden ist. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.

Sonntag ist Wahltag in Bulgarien. Ein Nachfolger für Georgi Parvanov, dem seit 2001 amtierenden sozialistischen Staatspräsidenten, muss bestimmt werden und Kommunalwahlen sind auch gleich, was Kosten spart und eine bessere Wahlbeteiligung verspricht. Zuerst gibt es aber noch Wahlspots. Durchschnittlich zweieinhalb Minuten bulgarisches Panoptikum, eine sehr gute Momentaufnahme des Landes.

Die sozialistische Oppositionspartei BSP hat nun noch einen letzten Spot gestartet, um Ivailo Kalfin und Stefan Danailov ins rechte Licht zu rücken. Es ist ein ungleiches Paar: Kalfin, ein früherer Außenminister in der Drei-Parteien-Skandal-Koalition von Sergej Stanischew (2005-2009) und jetziger EU-Parlamentsabgeordneter, ist ein grauer Mensch. Danailov aber, ehemals Kulturminister in eben jener Koalition, wärmt als langjähriger Schauspieler immer noch viele Herzen in Bulgarien. Der "Gute Morgen"-Wahlspot soll natürlich die alte sozialistische Klientel aus der Zeit der Volksrepublik ansprechen, aber auch alle jene im Land, denen die hemdsärmelige Politik von Regierungschef Boiko Borissov auf die Nerven geht.

Kalfin hat in seinem Hauptwerbespot lieber gleich gar nichts gesagt und tritt nur am Ende stumm ins Bild. Dafür hört man die sonore Stimme von Danailov. Er spricht über Bilder von Bulgaren, die an der sozialen Lage im ärmsten Land der EU verzweifeln. Es ist ein polemisches, geschickt geschnittenes Stück, das ohne Zweifel viele anspricht:

"Ich schäme mich. Ich schäme mich jeden Abend, wenn ich die Nachrichten anschaue. Ich schäme mich morgens, wenn ich die Zeitung aufschlage. Ich schäme mich, dass sie auflisten, was der Premierminister tut, und dass er sich nicht dafür schämt. Ich schäme mich, dass genau so viel Geld für das Abhören von Telefonen ausgegeben wird wie für die Kultur. Ich schäme mich, dass das Budget für die Gesundheitsvorsorge halb so groß ist wie das Budget des Innenministers. Ich schäme mich, dass wir über SMS Geld sammeln, um unseren Kindern eine Operation zu ermöglichen (eine Anspielung auf TV-Shows in Bulgarien). Ich habe es satt, mich zu schämen. Ich will stolz sein, Bulgare zu sein." (Auftritt Ivailo Kalfin)

Kalfin dürfte es zwar in die Stichwahl am 30. Oktober schaffen, wird dann aber allen Umfragen zufolge gegen den Kandidaten der Regierung, den smarten Rosen Plevneliev, verlieren. Auch Meglena Kuneva, der früheren EU-Kommissarin, werden keine Chancen mehr gegeben. Sie bestritt als parteiunabhängige Kandidatin den Wahlkampf mit ungleich geringeren Budget als Plevneliev oder Kalfin. Ihre eigentliche Schwäche: ein bisschen konfus. Das merkt man auch dem Text ihres Wahlspots an, einer bulgarischen Adaption von "Yes we can" und Lebenshilfe aus dem Buchregal:

"Wann haben wir das letzte Mal gesagt, etwas hängt von uns ab? Wann haben wir das letzte Mal geglaubt, dass wir es sind und nicht jemand anders, der unser Leben entscheidet? Es ist zu lange her. (Kuneva ist 2007 aus der bulgarischen Regierung ausgeschieden und nach Brüssel gewechselt. Hm) Und wir alle sind bereits Gewinner. Wie müssen es nur glauben und unseren Sieg sehen - so wie zum Beispiel die Violine wieder in die Hand zu nehmen, nach 23 Jahren, und wieder zu spielen, als ob man nie aufgehört hätte. Es ist wie aufs Meer hinauszufahren, jeden Morgen um vier Uhr früh seit 40 Jahren. Es ist wie, alles beim Training zu geben, als ob es das letzte wäre, das entscheidende. Es ist wie eine Frau zu sein, die der Boss ist von 27 Männern in einer Aluminiumfabrik (27 EU-Staaten? Hm). Es ist wie Kommissarin des Jahres zu sein, Parteiloyalitäten den Rücken zu kehren und allein zu stehen, aufrecht, als eine Persönlichkeit. Wir alle sind bereits Gewinner. Wir müssen es nur glauben und unseren Sieg sehen. Eigentlich haben wir nur immer auf uns selbst gewartet, um unsere Probleme zu lösen. Es gibt kein weißes Pferd und erst recht keinen Ritter, der es reitet. Also noch einmal: Wann haben wir das letzte Mal gesagt, etwas hängt von uns ab? Lasst uns dieses Mal zusammen sagen: Jetzt!" (Abspann: "Die Stimme des Volkes")

Fortsetzung garantiert!

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    screenshot: derstandard.at
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