Ratingverbot

Gut für die Fantasie

Kommentar | Günther Oswald, 20. Oktober 2011, 18:18

Ungewissheit heizt die Fantasie an

In der breiten Öffentlichkeit wird der Vorschlag von EU-Kommissar Michel Barnier wahrscheinlich auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen. Den Ratingagenturen soll es verboten werden, Bewertungen von Ländern zu veröffentlichen, die gerade um ein Rettungspaket verhandeln. Barnier möchte verhindern, dass ein ohnehin schon angeschlagener Staat an den Finanzmärkten noch zusätzlich unter Druck kommt.

Sein gut gemeinter Vorschlag könnte in der harten Finanzwelt aber ganz leicht das Gegenteil von gut bewirken. Ungewissheit heizt die Fantasie an. Warum wird der Bericht nicht veröffentlicht? Ist die Lage des Landes X vielleicht noch schlimmer als befürchtet? Braucht es noch mehr Kapital als gedacht? Weist die Ratingagentur auf etwas hin, das den Anlegern noch nicht bekannt ist? Oder um es anders auszudrücken: Steht ein Staat am Abgrund, wird die Lage nicht besser, wenn man nicht mehr drüber spricht.

Viel wichtiger als die Diskussion über das Verbot ist daher eine zweite, weniger öffentlichkeitswirksame Aussage Barniers: Die Abhängigkeit von den Bonitätsurteilen muss reduziert werden. In vielen Gesetzen wurden sie explizit verankert. Daher darf man sich nicht wundern, wenn sich alle Marktteilnehmer blind darauf verlassen.

Wer die Mühlen der Brüsseler Bürokratie kennt, muss aber ohnehin keine Angst haben, dass die Kommissionsvorschläge in dieser Form Realität werden. Zu oft wurden seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise gute Ideen präsentiert, die dann nach mehrfachem Hin und Her zwischen EU-Parlament und Nationalstaaten in einen windelweichen Kompromiss mündeten oder ganz verworfen wurden. So wurde nach der Lehman-Pleite viel von einem Bankeninsolvenzrecht gesprochen. Hätten wir heute eines, müssten wir nicht über Ratingverbote und neue Pakete zur Bankenrettung reden. (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2011)

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12 Postings
Demokrit 007
00
30.10.2011, 00:07
Wie wärs ...

... mit derABSCHAFFUNG privater Ratingagenturen. Es köen doch nicht von Banken gesponserte Institutionen über andere Banken oder gar Staaten urteilen !?!?! Da beißt sich doch die Katz in den bekannten eigenen Schwanz

-joB
00
21.10.2011, 20:23
Wie wär´s mit dem Rating von Ratingagenturen?

M. C. Escher
00
21.10.2011, 16:25
"In der breiten Öffentlichkeit wird der Vorschlag von EU-Kommissar Michel Barnier wahrscheinlich auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen"

herablassende Einschätzung eines Finanzmenschen!

Warum sollte er das?
Man muss die Ratingagenturen nicht mögen, man kann auch ihre Motivation und ihre Hintermänner hinterfragen. Aber ein Maulkorb ist nie eine gute Idee.
Im Internet (auf Youtube z.B.) kursieren zahlreiche mehr oder weniger seriöse "Einschätzungen" von tatsächlichen und selbsternannten Finanzexperten. Was kommt als nächstes? Sollte man dort jetzt kritische Beiträge zum Thema Euro löschen, weil diese zu "Panikreaktionen" führen könnten. Was, wenn eine Zeitung beschließt, gegen den Euro und die Finanzhilfe zu wettern? Maulkorberlass?
Menschen mit kritischer Haltung sind in der Regel gegen Zensurmaßnahmen. Auch Maden haben das Recht auf freie Meinungsäußerung - stimmt`s?

Fritz Meyer
00
21.10.2011, 15:54
Einfach neutrale Ratingagenturen einrichten.

Warum müssen die zumeist in den USA sitzen und eindeutig von der dortigen Politik beeinflussbar sein?

Wäre das z.B. in Island oder der Schweiz auch noch so einfach?

franz der freie
 
01
21.10.2011, 11:15
ICH PLÄDIERE FÜR EIN FIEBERTHERMOMETERVERBOT:

chaucer
00
21.10.2011, 10:54
Abgesehen davon,

dass ich die Gefahr, die in diesem Artikel beschrieben wird, durchaus sehe, möchte ich mal was sagen, was in der Debatte grundsätzlich untergeht: Staats"schulden" funktionieren grundsätzlich anders als bei Privathaushalten. Selbst Staaten, die per Quote keine "Verschuldung" haben, müssen Staatsanleihen platzieren, d.h. sie nehmen Geld auf den "Märkten" auf, um laufende Rechnungen zu zahlen. (Die entstehend dauernd, die Einnahmen kommen erst später) Die "Schulden" werden nach Auslaufen im Regelfall mit dem Geld aus dem Verkauf neuer Anleihen zurückgezahlt, dazwischen fallen Zinsen an. Gerät der Kreislauf ins Stocken (etwa krisenbedingt), geht ein Staat pleite, so reich er auch ist, weil laufende Zahlungen nicht bedient werden können.

Londo Mollari
 
01
21.10.2011, 10:42

ein rating ist im kern eine bonitätsaussage, also eine aussage über die leistungskraft am finanziellen sektor. der finanzielle sektor ist (u.a.) der bereich, der alle erdenklichen waren, dienstleistungen und ansprüche zusammen lötet, wobei er sich des geldes bedient, um das verhältnis der güter zueinander festzulegen. geld an sich gibt es in der natur nicht, es handelt sich um ein phänomen aus der welt des geistes, der vorstellung, welche dann auf papier oder metall symbolisiert wird.
das rating ist also ein urteil anderer darüber, wie elegant man sich in einer rein geistigen welt bewegt, eine währung ähnlich dem esprit am hofe des Louis XIV.
derlei verliert, so lehrt uns die geschichte, in aller regel über nacht rapidest an bedeutung.

noch dazu
01
21.10.2011, 08:18
der plan: ein spiegelbild der gehirne dieser sog. europ. "eilten"

insofern werden hoffentlich die letzten "gläubigen" ihrer illusionen beraubt:

der klartext dahinter (vgl. ddr bzw mittelalter...):

pleite/bonitätsverlust ist in unserer realität keine objektive tatsache
darüber reden: verboten ("herbeireden"..)
wenn wir sagen jemand ist nicht pleite dann ist er es nicht
und das geld das ihm kein (informierter) markt mehr gibt das geben wir ihm in demokratisch fragwürdig legitimierten prozessen vom steuerzahler durch die hintertür

so kann man sicher die 30 jahre exzessive öff. schuldenwirtschaft - in ganz europa - mit einem klugen soft-landing-plan hinbiegen

und die unverdrossenen linken pseudosozialen schuldenmacher haben noch immer nicht gelernt wer solche rechnungen im endeffekt immer zahlen wird

chaucer
01
21.10.2011, 10:48
Objektivität

gibt's gerade hier keine. Ob ein Staat in die Insolvenz schlittert, hängt von der psychologischen Verfasstheit der potentiellen Investoren ab. Was wiederum sehr stark davon abhängt, ob große Players eine Chance sehen, die Stimmung so zu drehen, dass sie mit einer (Beinahe-)Pleite noch mehr Geld machen als ohne. Darüber hinaus gibt's noch das altbekannte Beispiel der selffulling prophecy - wen prophezeit wird, dass jemand pleite gehen kann, wird er es auch. Schlicht weil - siehe oben - die psychologische Verfasstheit der Gläubiger sich entsprechend ändert. Auf einmal wollen alle ihr Geld zurück bzw. im Fall eines Staats geben sie keins mehr her.

Truth Digger
 
01
20.10.2011, 20:01
Der Vorschlag die Ratings zu verbieten ist ein Armutszeugnis fuer Europa!

Europa geht pleite, wer geht mit?
 
14
20.10.2011, 18:37
Nackte Panik in der EU! Mittlerweile kommen mir diese Herrschaften so vor:

http://www.youtube.com/watch?v=Q8A6V40LLrI

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