Ungewissheit heizt die Fantasie an
In der breiten Öffentlichkeit wird der Vorschlag von EU-Kommissar Michel Barnier wahrscheinlich auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen. Den Ratingagenturen soll es verboten werden, Bewertungen von Ländern zu veröffentlichen, die gerade um ein Rettungspaket verhandeln. Barnier möchte verhindern, dass ein ohnehin schon angeschlagener Staat an den Finanzmärkten noch zusätzlich unter Druck kommt.
Sein gut gemeinter Vorschlag könnte in der harten Finanzwelt aber ganz leicht das Gegenteil von gut bewirken. Ungewissheit heizt die Fantasie an. Warum wird der Bericht nicht veröffentlicht? Ist die Lage des Landes X vielleicht noch schlimmer als befürchtet? Braucht es noch mehr Kapital als gedacht? Weist die Ratingagentur auf etwas hin, das den Anlegern noch nicht bekannt ist? Oder um es anders auszudrücken: Steht ein Staat am Abgrund, wird die Lage nicht besser, wenn man nicht mehr drüber spricht.
Viel wichtiger als die Diskussion über das Verbot ist daher eine zweite, weniger öffentlichkeitswirksame Aussage Barniers: Die Abhängigkeit von den Bonitätsurteilen muss reduziert werden. In vielen Gesetzen wurden sie explizit verankert. Daher darf man sich nicht wundern, wenn sich alle Marktteilnehmer blind darauf verlassen.
Wer die Mühlen der Brüsseler Bürokratie kennt, muss aber ohnehin keine Angst haben, dass die Kommissionsvorschläge in dieser Form Realität werden. Zu oft wurden seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise gute Ideen präsentiert, die dann nach mehrfachem Hin und Her zwischen EU-Parlament und Nationalstaaten in einen windelweichen Kompromiss mündeten oder ganz verworfen wurden. So wurde nach der Lehman-Pleite viel von einem Bankeninsolvenzrecht gesprochen. Hätten wir heute eines, müssten wir nicht über Ratingverbote und neue Pakete zur Bankenrettung reden. (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2011)