"Ich hoffe auf einen schnelleren Heilungsverlauf"

Interview20. Oktober 2011, 18:18
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Timo Behr schildert die massiven Probleme beim Übergang Libyens in eine Demokratie

 Libyen-Experte Timo Behr glaubt nicht, dass Muammar al-Gaddafi sofort nach Den Haag überstellt worden wäre. Im Gespräch mit Gianluca Wallisch schildert er die massiven Probleme beim Übergang Libyens in eine Demokratie.

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STANDARD: Ist der Krieg zu Ende?

Behr: Auf jeden Fall stellt dieser Tag eine Zäsur dar. Der Libyen-Konflikt erhält zumindest eine neue Qualität, es wird etwas mehr Ruhe einkehren.

STANDARD: Nützt dem Übergangsrat Gaddafi tot mehr als lebend?

Behr: Ein langwieriger juristischer Prozess würde die Wunde im Volk länger am Bluten halten. Der Übergangsrat wird jetzt profitieren und zumindest kurzfristig ein wenig Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Im Prinzip hoffe ich - wenn die Ereignisse schon so abgelaufen sind - auf einen schnelleren Heilungsverlauf.

STANDARD: Was, wenn Gaddafi lebend gefangen worden wäre?

Behr: Ich bin mir ziemlich sicher, er wäre nicht sofort nach Den Haag überstellt worden. Der Druck in Libyen wäre zu groß gewesen, um den Diktator einzig und allein der internationalen Justiz, dem internationalen Strafgerichtshof, zu überlassen. Man hätte wohl mit allen Mitteln versucht, ihm in Tripolis den Prozess zu machen.

STANDARD: Wie sieht nun die Zukunft des Landes aus?

Behr: Der Übergangsrat bleibt bisher bei seiner Ankündigung, innerhalb eines Monats nach dem Fall von Sirte, das geschah offenbar heute, eine Übergangsregierung aufzustellen und dann selbst zurückzutreten. In der Folge soll es Wahlen und eine neue Verfassung für das Land geben. Seit August sind aber hinter den Kulissen bereits mehrere Versuche, eine solche Interimsregierung aufzustellen, gescheitert. Sollte diese Ankündigung nun aber nicht eingelöst werden, dann sieht es übel aus für das Land.

STANDARD: Droht das Land dann im Chaos zu versinken?

Behr: Nicht unbedingt im Chaos, das nicht. Aber die Regionen des Landes werden sich immer stärker von Tripolis lösen und verselbständigen. Sie werden immer stärker ihre ureigenen Interessen verfolgen. Es würde zu einem starken Dezentralisierungs- und Zerfallsprozess kommen. Daher müssen wirklich rasch eine zentrale Regierung und eine zentrale Verwaltung aufgestellt werden. Und je länger dieser Schritt dauert, umso schwieriger wird er sein.

STANDARD: Kann Libyen auseinanderfallen?

Behr: Die Landesteile werden mit Sicherheit selbständiger werden, das hat auch historische Gründe. Aber auch im Lauf der Revolution seit diesem Frühjahr haben sich Trennlinien ergeben: Wir sehen, dass die größten Probleme für die Bildung einer Übergangsregierung die Konflikte darstellen, die es zwischen Bengasi im Osten, dem Zentrum um Misrata und der Nafusa-Bergregion im Nordwesten gibt. Und in diesem Problem-Mix ist noch gar nicht der Süden des Landes dabei. Und außerdem: Was geschieht mit den Gaddafi-Getreuen? Es sind also schon ganz allein die Revolutionäre selbst, die sich da in den Haaren liegen. Vieles deutet darauf hin, dass es sehr, sehr schwierig sein wird, dass alle an einem Strang ziehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2011)


  • TIMO BEHR (34) ist Politologe am Finnish Institute of International 
Affairs in Helsinki und gilt als einer der führenden Libyen-Experten in 
Europa.
    foto: fiia

    TIMO BEHR (34) ist Politologe am Finnish Institute of International Affairs in Helsinki und gilt als einer der führenden Libyen-Experten in Europa.

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