Fälschungen bringen keine neuen Ideen

20. Oktober 2011, 18:16
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Umberto Eco präsentierte seinen neuen Roman "Der Friedhof in Prag" im Burgtheater

Wien - Umberto Eco, italienischer Vorzeige-Intellektueller und Schriftsteller von Weltformat, bittet, das Licht auf der Bühne des Burgtheaters etwas zu dämpfen. Der 79-Jährige, der eine stolze Bibliothek von 50.000 Büchern sein Eigen nennt, muss sein Augenlicht schonen.

Weich und scharfsichtig ist der Blick des glücklichen Büchersammlers und Alleslesers, der Mittwochabend seinen neuen Roman Der Friedhof in Prag (Hanser Verlag) im ausverkauften Burgtheater präsentierte.

Unter dem Titel "Umberto Eco und die Kraft des Falschen" luden Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid und Michael Kerbler (Ö1) zu einem Gespräch mit dem unglaublich belesenen und humorvollen Autor, der mit seinem Roman Der Name der Rose weltweit bekannt wurde.

Zunächst las Burgtheater-Schauspieler Peter Matiæ das erste Kapitel der deutschsprachigen Ausgabe, die innerhalb zweier Wochen auf Platz eins österreichischer Bestsellerlisten kletterte. Und sogleich war man im Sog der Geschichte gefangen.

Diesmal führt er den Leser ins widersprüchliche 19. Jahrhundert und erzählt die Entstehungsgeschichte der Protokolle der Weisen von Zion, eines antisemitischen Pamphlets, das unter anderem von Adolf Hitler in Mein Kampf zitiert wird. Der emeritierte Semiotik-Professor an der Universität Bologna, der über Berlusconi nicht reden wollte, sprach über die Lust, die er beim Schreiben über das Böse verspürte. Mit Simone Simonini, einer wirren Gestalt aus dem Reich der Finsternis, wollte er "die abscheulichste Figur der Literaturgeschichte" schaffen.

Der Friedhof von Prag wurde im deutschsprachigen Feuilleton mit gemischten Reaktionen aufgenommen, teils wegen der Wahl der Tagebuchform und teils aufgrund der möglichen Gefahr einer Missinterpretation, die Eco unterschätzt haben könnte. Antisemitische und rassistische Klischees könnten falsch verstanden werden. Ist er mit dem Thema, das als Begründung für den Holocaust herangezogen wurde, zu spielerisch umgegangen? "Nein", erwiderte Eco, der "keinen pädagogischen Roman schreiben" wollte und auf die Trennung von Fälschung und Fiktion verwies. Im Internet finde man mit ein paar Klicks dieselben Inhalte zu den Themen, Verkaufsbeschränkungen in Deutschland und Österreich sieht er als Zensur. "Fälschungen halten sich hartnäckig, weil sie nur Vorurteile bestätigen und keine neuen Ideen bringen", so der Autor.  (Sebastian Gilli / DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2011)

  • Umberto Eco (links mit Übersetzerin) im Gespräch mit Standard-Chefredakteurin Alexandra   Föderl-Schmid und Michael Kerbler (Ö1).
    foto: standard / newald

    Umberto Eco (links mit Übersetzerin) im Gespräch mit Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid und Michael Kerbler (Ö1).

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