Libyen hat gute Chanchen, nach dem Regimewechsel auch ökonomisch zu erblühen. Anders als Ägypten und Tunesien ist das Land reich an Erdöl
"Today finish, no more work. Gaddafi is dead, we all go home".
Das Arbeitsessen war für den österreichischen Wirtschaftsdelegierten in
Libyen, David Bachmann, am Donnerstag unerwartet kurz. Sein Gegenüber, ein
Geschäftsmann aus Libyen, hatte kurz nach 13 Uhr Wind davon bekommen, dass
Gaddafi gefunden worden ist.
"Dann gab es kein Halten mehr. Die Menschen sind auf die Straßen gestürzt -
ein Hupkonzert ohne Ende, Gewehrsalven allüberall. Dazwischen schreiende,
tanzende, feiernde Libyer." Bachmann selbst hat sich unter die feiernden
Menschen gemischt, wie er via Telefon dem Standard sagte. "Die Freudenfeiern
werden sicher drei bis vier Tage anhalten".
Bis das Land wieder halbwegs in die Gänge kommt, dürfte ebenfalls noch
geraume Zeit dauern. Zu groß ist die Unsicherheit, wie es weitergehen wird.
"Zuletzt gab es totalen Stillstand hier, nichts wurde mehr entschieden", sagte
Bachmann. "Es fehlt an Lebensmitteln, medizinischen Produkten. Man hat sich
gänzlich auf das Politisch-Militärische konzentriert, ökonomisch hingegen ist
nichts weitergegangen."
Dabei habe Libyen "beste Voraussetzungen, wirtschaftlich abzuheben". Anders
als Ägypten oder Tunesien, die bei internationalen Institutionen wie Weltbank
oder Währungsfonds um Übergangskredite anklopfen müssten, sei Libyen ein reiches
Land. "Viel libysches Geld liegt eingefroren auf ausländischen Konten. Und es
gibt sehr viel Öl", sagte Bachmann. Tatsächlich sitzt Libyen auf den weltweit
neuntgrößten Ölreserven.
Ölpreise kaum verändert
Der Ölpreis hat sich am Donnerstag nach Bekanntwerden von Gaddafis Tod kaum
bewegt. Die Nordseesorte Brent, Preisführer in Europa, legte nur leicht auf
knapp 110 Dollar je Fass (159 Liter) zu. "Es war klar, dass Gaddafi früher oder
später gefunden würde", sagte David Wech vom Energiehandelshaus JBC Energy in
Wien.
Der Ausfall libyschen Erdöls seit Frühjahr sei durch Lieferungen insbesondere
aus Saudi-Arabien recht gut kompensiert worden. Dass die Ölförderung in Libyen
selbst wieder die 1,6 Millionen Fass am Tag erreichen könne wie vor Ausbruch der
Unruhen, werde noch länger dauern.
"Das abrupte Zurückfahren der Produktion hat schwere Schäden verursacht",
sagte Wech. "Die Erneuerung von Anlagen und Pipelines geht nicht von einem Tag
auf den anderen." Schätzungen zufolge werden derzeit rund 300.000 Fass Rohöl am
Tag aus nicht zerstörten oder versiegelten Bohrlöchern in Libyen gefördert.
Die OMV, die seit 1985 in dem nordafrikanischen Land tätig ist, hat 2010 im
Durchschnitt täglich 33.000 Fass libysches Rohöl, das besonders schwefelarm ist,
produziert. Das entsprach rund zehn Prozent der vorjährigen Gesamtproduktion der
OMV von 318.000 Fass am Tag. Seit März 2011 ist die Produktion aus
Sicherheitsgründen eingestellt.
Geht alles gut, will die OMV die Produktion heuer wieder anfahren. Abhängig
von der Situation vor Ort geht man davon aus, das Produktionsniveau von vor
Beginn der Unruhen in ein- bis eineinhalb Jahren zu erreichen.
Erste Gespräche mit Vertretern des Übergangsrats haben schon stattgefunden.
Die OMV, die zwölf Explorations- und Produktionslizenzen in dem ölreichsten
nordafrikanischen Staat hält, erwartet, dass die bestehenden Verträge auch unter
neuen politischen Vorzeichen Bestand haben werden.
Für Österreich war Libyen noch im Vorjahr, gemessen am Handelsvolumen, das
wichtigste Land in Afrika. "Das Potenzial ist enorm", sagte der
Wirtschaftsdelegierte Bachmann am Donnerstag. Die Tatsache, dass sich binnen
eines Tages 45 Unternehmen aus Österreich für die jüngst abgehaltene
Wirtschaftsmission gemeldet hätten, zeuge vom Interesse. "Vieles ist noch
ungeklärt", sagte Bachmann. Die Frage der Altschulden sei "komplett offen",
ebenso, wie es mit neuen Verträgen weitergehe. (Günther Strobl, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 21.10.2011)