Investoren

"Beste Voraussetzungen, wirtschaftlich abzuheben"

Günther Strobl, 20. Oktober 2011, 18:21

Libyen hat gute Chanchen, nach dem Regimewechsel auch ökonomisch zu erblühen. Anders als Ägypten und Tunesien ist das Land reich an Erdöl

"Today finish, no more work. Gaddafi is dead, we all go home".

Das Arbeitsessen war für den österreichischen Wirtschaftsdelegierten in Libyen, David Bachmann, am Donnerstag unerwartet kurz. Sein Gegenüber, ein Geschäftsmann aus Libyen, hatte kurz nach 13 Uhr Wind davon bekommen, dass Gaddafi gefunden worden ist.

"Dann gab es kein Halten mehr. Die Menschen sind auf die Straßen gestürzt - ein Hupkonzert ohne Ende, Gewehrsalven allüberall. Dazwischen schreiende, tanzende, feiernde Libyer." Bachmann selbst hat sich unter die feiernden Menschen gemischt, wie er via Telefon dem Standard sagte. "Die Freudenfeiern werden sicher drei bis vier Tage anhalten".

Bis das Land wieder halbwegs in die Gänge kommt, dürfte ebenfalls noch geraume Zeit dauern. Zu groß ist die Unsicherheit, wie es weitergehen wird. "Zuletzt gab es totalen Stillstand hier, nichts wurde mehr entschieden", sagte Bachmann. "Es fehlt an Lebensmitteln, medizinischen Produkten. Man hat sich gänzlich auf das Politisch-Militärische konzentriert, ökonomisch hingegen ist nichts weitergegangen."

Dabei habe Libyen "beste Voraussetzungen, wirtschaftlich abzuheben". Anders als Ägypten oder Tunesien, die bei internationalen Institutionen wie Weltbank oder Währungsfonds um Übergangskredite anklopfen müssten, sei Libyen ein reiches Land. "Viel libysches Geld liegt eingefroren auf ausländischen Konten. Und es gibt sehr viel Öl", sagte Bachmann. Tatsächlich sitzt Libyen auf den weltweit neuntgrößten Ölreserven.

Ölpreise kaum verändert

Der Ölpreis hat sich am Donnerstag nach Bekanntwerden von Gaddafis Tod kaum bewegt. Die Nordseesorte Brent, Preisführer in Europa, legte nur leicht auf knapp 110 Dollar je Fass (159 Liter) zu. "Es war klar, dass Gaddafi früher oder später gefunden würde", sagte David Wech vom Energiehandelshaus JBC Energy in Wien.

Der Ausfall libyschen Erdöls seit Frühjahr sei durch Lieferungen insbesondere aus Saudi-Arabien recht gut kompensiert worden. Dass die Ölförderung in Libyen selbst wieder die 1,6 Millionen Fass am Tag erreichen könne wie vor Ausbruch der Unruhen, werde noch länger dauern.

"Das abrupte Zurückfahren der Produktion hat schwere Schäden verursacht", sagte Wech. "Die Erneuerung von Anlagen und Pipelines geht nicht von einem Tag auf den anderen." Schätzungen zufolge werden derzeit rund 300.000 Fass Rohöl am Tag aus nicht zerstörten oder versiegelten Bohrlöchern in Libyen gefördert.

Die OMV, die seit 1985 in dem nordafrikanischen Land tätig ist, hat 2010 im Durchschnitt täglich 33.000 Fass libysches Rohöl, das besonders schwefelarm ist, produziert. Das entsprach rund zehn Prozent der vorjährigen Gesamtproduktion der OMV von 318.000 Fass am Tag. Seit März 2011 ist die Produktion aus Sicherheitsgründen eingestellt.

Geht alles gut, will die OMV die Produktion heuer wieder anfahren. Abhängig von der Situation vor Ort geht man davon aus, das Produktionsniveau von vor Beginn der Unruhen in ein- bis eineinhalb Jahren zu erreichen.

Erste Gespräche mit Vertretern des Übergangsrats haben schon stattgefunden. Die OMV, die zwölf Explorations- und Produktionslizenzen in dem ölreichsten nordafrikanischen Staat hält, erwartet, dass die bestehenden Verträge auch unter neuen politischen Vorzeichen Bestand haben werden.

Für Österreich war Libyen noch im Vorjahr, gemessen am Handelsvolumen, das wichtigste Land in Afrika. "Das Potenzial ist enorm", sagte der Wirtschaftsdelegierte Bachmann am Donnerstag. Die Tatsache, dass sich binnen eines Tages 45 Unternehmen aus Österreich für die jüngst abgehaltene Wirtschaftsmission gemeldet hätten, zeuge vom Interesse. "Vieles ist noch ungeklärt", sagte Bachmann. Die Frage der Altschulden sei "komplett offen", ebenso, wie es mit neuen Verträgen weitergehe. (Günther Strobl, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 21.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 75
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palesa
 
00
25.10.2011, 12:31
USA & Europa schuldeten anscheinend 200Mrd. €

die beste lösung die schulden loszuwerden ist sich des geldgebers zu entledigen. und dann kann man wieder die wirtschaft "ankurbeln".

http://www.youtube.com/watch?v=XgMNqRIYxI0

Heavyweather
00
22.10.2011, 01:54

Man würde der Welt einen Gefallen tun wenn man alle Bohrlöcher versiegeln würde.

sauraumpfa
04
21.10.2011, 19:18
der Artikel hat das Zeug den Nobelpreis für Schwachsinnigkeiten zu gewinnen

Reversi
 
01
21.10.2011, 18:02
Wenn Libyen jetzt noch

die Gruppenbesteuerung einführt, macht Tripolis bald Wien Konkurrenz bei den Osteuropazentralen!

sociovation
01
21.10.2011, 17:19
Schlage "Investor" vor zum Unwort des Jahres

Jukarno
02
21.10.2011, 16:32
Beste Voraussetzungen, wirtschaftlich abzuheben

Achso, damit ist im Artikel Libyen gemeint?!
Dachte da eher an angelsächsische Spekulanten

Reservenick 12 von 25
114
21.10.2011, 14:39
Dieser Artikel verdient das Prädikat "Fehleinschätzung des Jahres"!

Libyen wird einen Dreck profitieren! Jetzt werden sich die Schafscherer-Clans einmal (mit Waffengewalt) um die sprudelnden Petrodollars streiten.

Ja, es wird Profiteure geben - die westlichen Ölfirmen. Der klare Verlierer steht jetzt schon fest: das libysche Volk!

Heavyweather
01
22.10.2011, 01:55

Schlau wären sie wenn sie keine ausländischen Firmen ins Land lassen würden...bzw. nur für ein paar Jahre und dann einfach alles verstaatlichen.

Asha P.
 
00
21.10.2011, 14:21
Excellente Zusammenfassung…

des mehrfach ausgezeichneten Journalisten, Filmemacher und Dokumentaristen John Pilger @
http://www.globalresearch.ca/index.php... &aid=27181
Pilgers Bio:
http://www.johnpilger.com/biography
Zum Weitersagen…

Gobi Todic
02
21.10.2011, 14:14
Wenn ich jetzt ein Diktator wäre

würde ich alles daran setzen übern Geheimdienst ein paar Drahtzieher als auch Gewinnler dieser Mordaktion zu liquidieren. Wall Street, Londoner City und auch diverse Regierungsviertel.

Zum Glück bin ich kein Diktator und sitz gerade in der Arbeit.

Wer will nochmal?
011
21.10.2011, 14:04
Gaddafi musste NUR wegen der Investoren und dem Öl Platz machen. NUR. NICHT oder ZUALLERLETZT wegen seiner tyrannischen Herrschaft!

Das ist keine demokratische Entwicklung.
Das ist eine ekelhaft moderne Form des Kolonialismus.

Shame on you kapitalistische Kolonialisten!

Grisu der kleine Drache
111
21.10.2011, 15:35

Sehr engagiert, dein Gebrüll gegen die bösen kapitalistischen Kolonialisten. Vor allem die tollen GROSSBUCHSTABEN.

Nur: Kannst du das auch begründen? Gibt´s vielleicht ein Argument? Ein ganz kleines zumindest?

G. B. Corner
00
21.10.2011, 14:53

Verstehe ich nicht - was soll sich jetzt ändern? Auch bisher waren es doch ausländische Konzerne (unter anderm auch die ÖMV)?

Cpt. Bligh
03
21.10.2011, 15:54
manche lernens nie

der unterschied ist einzig und allein, dass jetzt der prozentsatz den die öl-multis vom barrelverkaufspreis einstecken erheblich höher ist als zuvor.

fragen sie mal im irak wieviele dollar pro verkauftem barrel im lande bleiben, und wieviele ins ausland abfließen.

sie haben reicht, das öl ist immer geflossen, aber die gewinne werden jetzt auch sprudeln!

G. B. Corner
10
21.10.2011, 16:14

Also, bisher sind die Gewinne NICHT ins Ausland geflossen?

raibavorstand
00
21.10.2011, 17:35

nicht in dem umfang!

Cpt. Bligh
00
21.10.2011, 17:28
nicht in dem ausmaß,

weil die lizenzen und abgaben der ölmultis sehr hoch waren!
das dürfte wohl jetzt nicht mehr der fall sein, nachdem die ölmultis jetzt selber bestimmen in form von sarkozy, wieviel eine lizenz kostet....

G. B. Corner
10
22.10.2011, 00:25

Und wohin sind die Abgaben geflossen? Sorry, aber die Mär vom spendablen Gaddafi kommt mir unwahrscheinlich vor. Der Grasser war seinen Freunden gegenüber sicher auch kein Knauser, aber die Löwenbeträge dürften doch in die Schweiz geflossen sein. Wenn da jetzt eine breiter legitimierte Regierung an die Macht kommt, dann besteht imemrhin die Chance, dass sich auch die Einahmen breiter verteilen.

DavidBachmann
01
22.10.2011, 15:48
Ölverteilung in Libyen

Seit 2008 hat die libyschs staatliche Ölgesellschaft (National Oil Company) die Altvertraege nach und nach revidiert.
Die neuen Verträge (EPSA IV - Exploration and Profit Sharing Agreements) liessen den Ölkonzernen nur mehr den kleineren Teil der Gewinne, der Grossteil floss in den libyschen Staatshaushalt.
Wo denken Sie sind sonst die eingefrorenen Gelder und Vermögenswerte im Ausland (über 100 Millliarden Euro) hergekommen ? Sicherlich nicht vom Verkauf von Wüstensand.

G. B. Corner
10
22.10.2011, 21:32

Aber genau das wollte ich ja damit sagen, und Sie bestätigen es auch noch. Die gewaltigen Gelder und Vermögenswerte waren eben im Ausland (sonst hätten sie ja nicht eingefroren werden könenn) und nicht im lybischen Haushalt ... verstehen wir uns jetzt?

Cpt. Bligh
00
22.10.2011, 22:45
tja,

aber der libysche staatfond (unicredit,..) gehörte nicht gadaffi...
und auf den sind einige scharf...!

DavidBachmann
00
22.10.2011, 21:57

ja, da haben Sie recht! ich dachte sie meinten die gewinne fliessen alle zu den ausländischen Ölkonzernen. diese haben zwar auch nicht unter verlust hier gearbeitet, aber es war mit sicherheit kein ausbeuten.

Killer Bunny
00
23.10.2011, 09:24

Ruttensdorfer sprach von 80% die an das Regime flossen. In den 70igern waren es in S. Arabien ja nur noch 75%. Schauen Sie sich die verhagelte Quartalsbilanz der OMV an und Roiss meinte in der Süddeutschen, der Produktionsausfall in Libyen habe OMV bisher (1.September) etwa 200 Millionen Euro gekostet. Und das bei einer Förderung von 33000/Tag. Es war für manche Firmen eine Goldgrube - im Irak bekommen die Multis bei den großen Feldern überhaupt nur mehr 1,39 Dollar/Barrel.

Killer Bunny
00
23.10.2011, 09:26

Korrektur: schon 85% in Saudi Arabien

Cpt. Bligh
00
22.10.2011, 14:49
ähm,

gaddafi und seine korrupte clique war aber nicht teil der diskussion.

sie haben aber insofern recht, dass die einnahmen jetzt erheblich anderst verteilt werden.

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