Von Gaddafi jahrzehntelang brutal unterdrückt, entdecken Libyens Berber ihre alte Identität neu
Yahmed Slimen blüht auf, sobald er durch die niedrige Holztür den schmalen,
kühlen Gang betritt. "Willkommen im Ksar Lalut" - der Burg von Nalut -, sagt er.
"Hier spüre ich mein Wurzeln, hier fühle ich mich zu Hause", sagt der kleine
bärtige Mann, atmet tief durch und blickt das enge Gewölbe entlang. Das tausend
Jahre alte Bauwerk liegt auf einem Berg in Westlibyen, unweit der Grenze zu
Tunesien. "Hier kam ich die ganzen Jahre unter Gaddafi immer wieder her",
erzählt der 43-jährige Volksschullehrer. Das Ksar wurde von den Berberstämmen,
den Amazigh, was übersetzt so viel wie "freies Volk" bedeutet, errichtet. Ihnen
gilt es als Symbol ihrer kulturellen Eigenheit, mit Bräuchen und uralter
Sprache, dem Tamazight.
"Damals unter Gaddafi stellte mir die Polizei selbst hier oben nach",
erinnert sich Slimen. "Damals", das ist gerade einmal acht Monate her. Nalut,
die 30.000 Einwohner zählende neue Stadt neben der Burg Lalut, befreite sich am
ersten Tag der Proteste gegen den Diktator, am 17. Februar 2011. Trotz schwerer
Belagerung und Granatenbeschuss konnten die Truppen von Oberst Muammar
al-Gaddafi die Stadt nicht wieder einnehmen. Im Mai verjagten die Menschen die
Truppen schließlich ganz aus ihren Nafousa-Bergen. Verlassene Panzer rings um
die Stadt lassen erahnen, was sie hier erlitten haben. "Danke Nato, ihr habt uns
das Leben gerettet!", steht an einer Mauer.
"Es ist ein Gefühl der Freiheit, wie ich es nie gekannt habe", sagt Slimen
und rückt sich dabei seinen gelb-grün-blauen Schal zurecht. Es sind die Farben
der Amazigh-Kultur. Slimen hat sie als einer der wenigen all die Jahre über
offen verteidigt. Die Polizei bewachte ihn dafür rund um die Uhr, Kollegen auf
der Arbeit waren angehalten, ihn zu bespitzeln, er wurde des Öfteren abgeholt
und stundenlang verhört. "Gaddafi wollte unsere Kultur und Sprache auslöschen",
sagt Slimen.
"Unglaubliche Provokation"
Mit 15 Jahren, als Gymnasiast, sei ihm dies klargeworden. Damals wurde seine
Schule umbenannt. Zuerst hieß sie Khalifa Ben Askar - nach dem örtlichen
Berberfürsten, der die Bevölkerung gegen die italienischen Kolonialherren in den
Krieg geführt hatte. "Fortan hieß das Gymnasium Arabische Einheit und ein Kino
wurde nach Ben Askar benannt", beschreibt Slimen, was er als "unglaubliche
Provokation" empfand.
1996 gründete er zusammen mit rund 20 anderen aus der Stadt ein
Kulturkomitee. Es wurde nie zugelassen, die Mitglieder wurden verfolgt.
"Gleichzeitig siedelte Gaddafi arabischsprachige Libyer an, um unsere Kultur in
Bedrängnis zu bringen und Konflikte zu schüren. Es wurde uns sogar verboten, den
Kindern Namen in unserer Sprache zu geben", berichtet Slimen mit ernster Miene.
Das Namensverbot wurde erst 2004 gelockert. Fünf der sieben Kinder Slimens haben
deshalb arabische Namen.
Doch das war "damals". "Jetzt blüht unsere Kultur wieder auf", berichtet
Slimen. Er selbst hat nach dem 17. Februar einen neuen Kulturverein gegründet.
Dieser will eine Sprachschule errichten, um den Menschen Lesen und Schreiben in
Tamazight beizubringen. Und er kümmert sich natürlich um Slimens
Allerheiligstes, die Burg. Sein Traum: Das Bauwerk zur Touristenattraktion
werden zu lassen, wie die Ksar im benachbarten Tunesien.
Im September fand der nationale Berberkongress in Tripolis statt, der sechste
dieser Art, aber erste im Inland. Slimen selbst war zwar nicht dort. Aber er
weist ungefragt die oft erhobene Anschuldigung des Separatismus zurück: "Es geht
uns nicht um politische Autonomie, das libysche Volk ist ein Volk. Wir wollen,
dass unsere Sprache und Kultur in der künftigen Verfassung anerkannt wird, denn
eigentlich sind alle Libyer Amazigh, auch wenn sie ihre Kultur über die
Jahrhunderte verloren haben." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2011)