Internationale in Wien

Auspacken und anpacken

Ansichtssache | 20. Oktober 2011, 14:44

Studieren, forschen, lehren - und das im Ausland! Fünf Mutige erzählen, wie es ist, neu in Wien anzukommen

 

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Just K. Agbodjan Prince (37)

Ich komme aus Lomé, der Hauptstadt von Togo, und bin jetzt seit 2000 in Wien. Ich habe Elektrotechnik an der TU studiert und mich auf Telekommunikation spezialisiert. Jetzt schreibe ich meine Dissertation in diesem Bereich. Davor habe ich schon zwei Jahre Physik und Mathematik an der Uni Lomé studiert. Jedoch wollte ich immer ein technisches Studium machen - und da das in Lomé nicht möglich war und mein Bruder zu dieser Zeit schon in Wien gelebt hat, habe ich das Studentenvisum für Österreich beantragt. Anfangs war es schon eine große Herausforderung alles zu organisieren - vor allem ohne Deutschkenntnisse! Außerdem fiel es mir schwer, Freunde zu finden. In Lomé kann man mit jedem ins Gespräch kommen - hier geht das nicht. Dazu kommt das Klischee des Drogendealers. Ich werde in der U-Bahn oft blöd angeschaut und auch von der Polizei kontrolliert. Wenn ich aber auf der Uni bin, vergesse ich, dass ich schwarz bin. Mit dem Studium an sich hatte ich nie Probleme - eher mit der Arbeitssuche. Zu Beginn blieb mir, ohne Arbeitsbewilligung, nicht anderes übrig als: Babysitten. Meine finanzielle Situation ging schließlich durch ein Stipendium vom Afro-Asiatischen Institut wieder aufwärts. Inzwischen habe ich eine Freundin und auch mehrere Freunde in Wien. Vor allem die kulturelle Seite von Wien gefällt mir gut. Für einen Stehplatz in der Oper oder im Theater braucht man nicht viel Geld. Außerdem mag ich die zahlreichen Parks hier - um laufen zu gehen. Ich bin dieses Jahr schon drei Marathons gelaufen, und dafür muss ich natürlich regelmäßig trainieren. Als ich begonnen habe zu studieren, war für mich klar, dass ich nach Togo zurückgehen werde. Jetzt aber habe ich meine Freundin hier. Das ändert vieles.

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Anne Schild (26)

Seit sechs Jahren bin ich mittlerweile in Wien. Ich komme aus Ilmenau in Thüringen und habe Psychologie und Anglistik an der Haupt-Uni studiert. Jetzt bin ich Assistentin an der Fakultät für Psychologie und schreibe meine Dissertation. Für Österreich habe ich mich vor allem deshalb entschieden, weil es durch die gleiche Sprache leicht zu organisieren war und 2005 gerade die Zugangsbeschränkungen für EU-Bürger an den österreichischen Unis aufgehoben wurden. Noch vor der Aufnahmsprüfung bin ich hergezogen - ohne zu wissen, ob ich den Studienplatz auch bekomme.

Als Ausländerin in Wien zu studieren war eigentlich nie ein Problem für mich. Nur am Anfang war es unangenehm, weil 2005 eine Riesenschwemme von Studenten hierherkam und um die Studienplätze konkurrierte. Genau zu dieser Zeit kam der Begriff "Numerus-clausus-Flüchtling" auf. Die Bezeichnung hat mich persönlich immer gekratzt, weil es mir wichtig war zu zeigen, dass das bei mir gar nicht der Fall ist. Ich hätte auch in Deutschland studieren können und bin sozusagen aus freien Stücken nach Wien gegangen.

Rückblickend bin ich mit meinem Studium auch total zufrieden. Viele Rahmenbedingungen sind nicht ideal, aber im Vergleich zu einer kleinen Fakultät hat die Uni in Wien schon unheimliche Vorteile. Es ist zwar megaüberlaufen, aber durch die vielen Leute kann man fachlich auch sehr breit gehen. In Wien bleiben möchte ich, auch wenn es eine tolle Stadt ist, nicht. Nach meiner Dissertation werde ich weltweit nach einer Postdoc-Stelle suchen.

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Frédéric Pfalzgraf (27)

Ich komme aus Tours und bin jetzt das fünfte Jahr in Wien. Hier studiere ich Gesang und Gesangspädagogik an der Musik-Uni. In Frankreich hatte ich schon ein Journalismusstudium abgeschlossen, aber ich wollte immer schon auch etwas Künstlerisches machen. An Wien gefällt mir, dass es eine wirkliche Kulturstadt ist, die die Musik lebt.

Die Musik-Uni verfügt noch dazu über ein super Angebot, die Qualität des Unterrichts hat meine Erwartungen noch übertroffen. Manchmal hat man allerdings mit den ganzen Nebenfächern ein bissl zu viel zu tun. Ich muss sowohl singen als auch Klavier spielen und dirigieren - und das alles muss man auch üben. Wenn man es gut machen will, braucht es einfach sehr, sehr viel Zeit.

Meine berufliche Hauptbeschäftigung neben dem Studium ist momentan der Arnold Schoenberg Chor, in dem ich Bassbariton singe. Außerdem möchte ich ein kleines solistisches Engagement finden.

Was mir in Österreich nicht gefällt, sind die oft ausländerfeindlichen Titel gewisser Zeitungen. Das entspricht nicht meiner Weltsicht. In der Musik sind so viele Ausländer, sowohl im Chor als auch auf der Uni. Wir sind es gewohnt, unter uns gar nicht mehr zu schauen, woher der andere kommt. Persönlich fühle ich mich zum Glück überhaupt nicht von Ausländerfeindlichkeit betroffen. Wien oder Frankreich, für mich besteht da kein großer Unterschied. Auch wenn es mit der Sprache am Anfang etwas schwierig war, konnte ich mich schnell gut einleben. Ob ich in Wien bleibe, weiß ich noch nicht, das hängt von meinen Möglichkeiten ab.

 

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Jonas Simonis (22)

Ursprünglich komme ich aus Pfäffikon. Das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Zürich. Seit Herbst letzten Jahres studiere ich klassische Gitarre am Joseph-Haydn-Konservatorium in Eisenstadt - wohne aber in Wien. Ich habe mich prinzipiell immer für ein Auslandsstudium interessiert, und da meine Freundin Wienerin ist, hat es sich angeboten, hier zu studieren. Noch dazu komme ich aus einer ländlichen Gegend, da wollte ich jetzt in eine Großstadt.

Zuerst habe ich die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Wien probiert. Ein Professor dort hat mir dann versichert, dass ich fix einen Platz hätte. Ich habe mir also schon eine WG in Wien gesucht . Doch dann hieß es Monate später: Ich werde nicht aufgenommen. Deswegen bin ich auf gut Glück zur Aufnahmeprüfung nach Eisenstadt gefahren - und wurde angenommen. Jetzt würde ich aber nicht mehr wechseln wollen. Es gibt hier gute Lehrer, und der Instrumentalunterricht ist individuell gestaltet.

Wien ist für mich vor allem eine musikalisch interessante Stadt. Ich finde es hier auch weniger "gestresst" als in Zürich. Es gibt viele Möglichkeiten, um abends fortzugehen, und durch meine Freundin und das Studium hatte ich eigentlich schnell ein paar Freunde. Ich denke, das ist auch der Vorteil eines Musikstudiums: Die Musik ist gleichzeitig Hobby und Verbindung zwischen den Studenten. Gewöhnen musste ich mich allerdings an die unpünktliche Bahn - das ist in der Schweiz schon besser. Und dann gibt es auch noch ein paar Worte im Wienerischen, die ich anfangs nachschlagen musste. Insgesamt gefällt es mir recht gut in Österreich. Es ist also nicht so, dass ich nach dem Studium gleich wieder abhauen möchte.

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Tricia Tofte (22)

WG-Zimmer, Freunde, Bankkonto und ein Fahrrad - das alles kann Tricia innerhalb von drei Wochen vorweisen. "Es ging alles so schnell." Denn die junge Amerikanerin aus Wisconsin lebt erst seit kurzem in Wien und hat schon jetzt ihr Leben im Ausland im Griff. Dabei scheint das Fahrradfahren noch die größte Herausforderung für sie zu sein. "Ich bin immer voller Adrenalin, denn ich kenne die Regeln noch nicht", erzählt Tricia.

Die 22-Jährige arbeitet als Lehrassistentin für Englisch an der Vienna Business School. Ermöglicht wurde ihr das durch ein Fulbright-Stipendium der Austrian American Educational Commission. "Ich finde es schon komisch, dass ich jetzt eine Respektsperson für die Schüler bin. Denn eigentlich bin ich nicht viel älter als sie."

Dennoch: An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht. "Ich arbeite jeden Tag vier bis fünf Stunden an der Schule, nachmittags bereite ich mich vor, und dann sehe ich mir Wien an", sagt sie. Tricia ist dabei jedoch nicht der Typ, der die Stadt nach dem Reiseführer abklappert. "Ich mach gern Sachen, die echt sind und nicht so touristisch." Den Rest ihrer Freizeit verbringt sie am liebsten mit Freunden, beispielsweise im Kaffeehaus oder bei einem "Bierchen". "Am Wochenende gehen wir - wie ihr sagt - fort", erzählt sie. Als Fan elektronischer Musik hat sie das Fluc für sich entdeckt.

Wo sind die echten Wiener?

Dass sie nach so kurzer Zeit schon Anschluss gefunden hat, verdankt Tricia bereits vorhandenen Kontakten: Die österreichische Bekannte einer ehemaligen Kommilitonin ist in Wien eine Freundin geworden. "Sie hat mich vielen Leuten vorgestellt", freut sich die Amerikanerin. Außerdem verbringt sie Zeit mit Kollegen aus ihrem Programm. Echte Wiener kennt sie noch kaum, ihre Freunde stammen aus Klagenfurt, Deutschland, England und den USA. "Es ist schwer, Leute kennenzulernen. Ich habe Glück, dass ich schon jemanden kannte."

Erfolgreich verlief auch die Wohnungssuche: Schon am zweiten Tag in Wien begann sie, sich in WGs vorzustellen. Ihren Platz in einer Dreier-WG bekam sie überraschend schnell. "Es war sehr stressig, aber ich habe was gefunden. Darüber bin ich sehr froh."

Ihr beinahe fehlerfreies Deutsch eignete sich Tricia bereits in der Schule an. "Wir konnten zwischen Deutsch, Französisch und Spanisch wählen, ich fand Deutsch am coolsten." Bei einem Schüleraustausch in Sachsen-Anhalt vertiefte sie ihre Kenntnisse. Das Interesse an der deutschen Sprache schlug sich auch in ihrer Studienwahl nieder. "Ich habe Germanistik und Wirtschaft studiert und dabei ein Jahr in Freiburg verbracht." Da sie Deutschland bereits kennt, hat sie sich für die Assistenzstelle in Österreich beworben. Enttäuscht reagiert sie nur, wenn die Menschen mit ihr Englisch sprechen: "Ich bin hier, um besser Deutsch zu lernen!"

"Im Herzen bin ich Amerikanerin"

In Wien angekommen, sah sich Tricia mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert. "Die Menschen sind netter, als ich gedacht hätte", sagt sie, denn vor allem die Wiener hätte sie sich verschlossener vorgestellt. Positiv aufgefallen sind ihr auch so manche Details: "Die Leute sind hier besser gekleidet als in den USA, und mir gefallen die alten Gebäude. Wien ist anders als alles, was ich bisher gesehen habe. Der erste Eindruck ist echt gut." Dennoch gibt es Dinge, an die sie sich erst gewöhnen muss. "Alles ist am Sonntag zu", stellt sie genervt fest. "Und die älteren Leute auf der Straße schauen oft böse."

Hat sie sich erst einmal richtig eingelebt, will sie - "wenn es so was gibt" - einem Buchklub beitreten, noch mehr Freunde finden und im Winter auf jeden Fall Skifahren gehen. Was die berufliche Zukunft bringt, wird sich erst zeigen: Tricias Vertrag läuft bis Ende Mai. "Ich hoffe, dass ich länger bleiben kann, zumindest bis zum Ende des Sommers." Jedoch nicht für immer: Spätestens nach einigen Jahren will sie in die USA zurückgehen. Denn, sagt Tricia bestimmt, "tief im Herzen bin ich Amerikanerin". (Valerie Krb und Sabina Zeithammer, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2011)

Herbert Novak1
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4.11.2011, 22:52
Ich wünsche Herrn Just K. Agbodjan Prince Alles Gute

Ich wünsche Herrn Just K. Agbodjan Prince Alles Gute. Als Elektrotechniker ist man zwar angesehen, aber es gibt hier im Lande nicht sehr viele Jobs in der R & D. Nach Deutschland zu gehen schaut schon viel besser aus.

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