Tricia Tofte (22)
WG-Zimmer, Freunde, Bankkonto und ein Fahrrad
- das alles kann Tricia innerhalb von drei Wochen vorweisen. "Es ging
alles so schnell." Denn die junge Amerikanerin aus Wisconsin lebt erst
seit kurzem in Wien und hat schon jetzt ihr Leben im Ausland im Griff.
Dabei scheint das Fahrradfahren noch die größte Herausforderung für sie
zu sein. "Ich bin immer voller Adrenalin, denn ich kenne die Regeln noch
nicht", erzählt Tricia.
Die 22-Jährige arbeitet als
Lehrassistentin für Englisch an der Vienna Business School. Ermöglicht
wurde ihr das durch ein Fulbright-Stipendium der Austrian American
Educational Commission. "Ich finde es schon komisch, dass ich jetzt eine
Respektsperson für die Schüler bin. Denn eigentlich bin ich nicht viel
älter als sie."
Dennoch: An Selbstbewusstsein mangelt es ihr
nicht. "Ich arbeite jeden Tag vier bis fünf Stunden an der Schule,
nachmittags bereite ich mich vor, und dann sehe ich mir Wien an", sagt
sie. Tricia ist dabei jedoch nicht der Typ, der die Stadt nach dem
Reiseführer abklappert. "Ich mach gern Sachen, die echt sind und nicht
so touristisch." Den Rest ihrer Freizeit verbringt sie am liebsten mit
Freunden, beispielsweise im Kaffeehaus oder bei einem "Bierchen". "Am
Wochenende gehen wir - wie ihr sagt - fort", erzählt sie. Als Fan
elektronischer Musik hat sie das Fluc für sich entdeckt.
Wo sind die echten Wiener?
Dass
sie nach so kurzer Zeit schon Anschluss gefunden hat, verdankt Tricia
bereits vorhandenen Kontakten: Die österreichische Bekannte einer
ehemaligen Kommilitonin ist in Wien eine Freundin geworden. "Sie hat
mich vielen Leuten vorgestellt", freut sich die Amerikanerin. Außerdem
verbringt sie Zeit mit Kollegen aus ihrem Programm. Echte Wiener kennt
sie noch kaum, ihre Freunde stammen aus Klagenfurt, Deutschland, England
und den USA. "Es ist schwer, Leute kennenzulernen. Ich habe Glück, dass
ich schon jemanden kannte."
Erfolgreich verlief auch die
Wohnungssuche: Schon am zweiten Tag in Wien begann sie, sich in WGs
vorzustellen. Ihren Platz in einer Dreier-WG bekam sie überraschend
schnell. "Es war sehr stressig, aber ich habe was gefunden. Darüber bin
ich sehr froh."
Ihr beinahe fehlerfreies Deutsch eignete sich
Tricia bereits in der Schule an. "Wir konnten zwischen Deutsch,
Französisch und Spanisch wählen, ich fand Deutsch am coolsten." Bei
einem Schüleraustausch in Sachsen-Anhalt vertiefte sie ihre Kenntnisse.
Das Interesse an der deutschen Sprache schlug sich auch in ihrer
Studienwahl nieder. "Ich habe Germanistik und Wirtschaft studiert und
dabei ein Jahr in Freiburg verbracht." Da sie Deutschland bereits kennt,
hat sie sich für die Assistenzstelle in Österreich beworben. Enttäuscht
reagiert sie nur, wenn die Menschen mit ihr Englisch sprechen: "Ich bin
hier, um besser Deutsch zu lernen!"
"Im Herzen bin ich Amerikanerin"
In
Wien angekommen, sah sich Tricia mit ihren eigenen Vorurteilen
konfrontiert. "Die Menschen sind netter, als ich gedacht hätte", sagt
sie, denn vor allem die Wiener hätte sie sich verschlossener
vorgestellt. Positiv aufgefallen sind ihr auch so manche Details: "Die
Leute sind hier besser gekleidet als in den USA, und mir gefallen die
alten Gebäude. Wien ist anders als alles, was ich bisher gesehen habe.
Der erste Eindruck ist echt gut." Dennoch gibt es Dinge, an die sie sich
erst gewöhnen muss. "Alles ist am Sonntag zu", stellt sie genervt fest.
"Und die älteren Leute auf der Straße schauen oft böse."
Hat sie
sich erst einmal richtig eingelebt, will sie - "wenn es so was gibt" -
einem Buchklub beitreten, noch mehr Freunde finden und im Winter auf
jeden Fall Skifahren gehen. Was die berufliche Zukunft bringt, wird sich
erst zeigen: Tricias Vertrag läuft bis Ende Mai. "Ich hoffe, dass ich
länger bleiben kann, zumindest bis zum Ende des Sommers." Jedoch nicht
für immer: Spätestens nach einigen Jahren will sie in die USA
zurückgehen. Denn, sagt Tricia bestimmt, "tief im Herzen bin ich
Amerikanerin". (Valerie Krb und Sabina Zeithammer, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2011)