Wiener Experte fordert "Antibiotika-Steuer" statt "Reichen-Steuer" - Positive und negative Entwicklungen bei den Resistenzen
Wien - Provokante Aussagen im Vorlauf zum Europäischen Antibiotikatag (18. November) am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien: Ein Gutteil der Antibiotika-Verschreibungen ist unnötig, etwa ein Drittel falsch. Zur Bekämpfung von Resistenzen durch Übergebrauch der Medikamente sollte es eher eine "Antibiotika-Steuer" geben, sagte Florian Thalhammer, Spezialist von der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin an der Medizinischen Universitätsklinik I in Wien.
"90 Prozent der akuten Fälle von Bronchitis sind virale Infektionen. Drei Viertel der Antibiotika gehen in die respiratorischen Infektionen. (...) Man kann sich vorstellen, dass ein Drittel der Antibiotika falsch verschrieben werden", sagte Thalhammer. Bei Virusinfektionen wirken die gegen Bakterien gerichteten Medikament aber nicht. Der Fehl- und Übergebrauch führt bloß zu Resistenzen.
Hier gibt es laut dem Experten eine bedenkliche Entwicklung: Weil die ehemals so häufig verschriebenen Fluorchinolone bei Pseudomonas-Infektionen nicht mehr wirken, muss mit anderen Antibiotika behandelt werden. Thalhammer: "Eine Pseudomonasinfektion heißt ab sofort immer Krankenhausaufenthalt." Stationäre Aufenthalte sind deshalb erforderlich, weil noch zur Verfügung stehende Medikamente nur per Infusion verabreicht werden können und diese für die Ärzte in niedergelassener Praxis bisher nur in Ausnahmefälle von den Krankenkassen bezahlt wurden.
Antibiotika-Steuer statt Reichen-Steuer
"Finanzministerin Maria Fekter sollte statt einer "Reichen-Steuer" eher eine "Antibiotika-Steuer" einführen. Das würde die Häufigkeit der Verwendung der Medikamente - speziell der unnötigen - reduzieren und damit Geld herein bringen und Kosten (durch Vermeidung von Komplikationen etc.) reduzieren", formuliert der Fachmann seine Idee zur Lösung der Problematik.
In anderen Bereichen verläuft die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen eher positiv. So ist die Häufigkeit von Resistenzen gegen Makrolid-Antibiotika in Österreich von 15 auf zehn Prozent gesunken. Ebenso hat sich in den vergangenen Jahren sich das Auftreten methicillin-resistenter Staphylokokkus aureus-Infektionen reduziert.
Wesentliche Einsparungen, so Wolfgang Maurer vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien, könnten auch höhere Impfraten bringen: "Man hat errechnet, dass die Verhinderung eines Verkehrstoten rund 1,5 Millionen Euro kostet, eines Lawinentoten drei Millionen Euro. Bei über 65-Jährigen mit chronischer Herzkrankheit kostet die Verhinderung eines Todesfalls durch die Influenza-Impfung rund 1.000 Euro. Einen Todesfall bei einer Frau durch ein Zervixkarzinom könnte man über die HPV-Impfung mit einem Aufwand von 380.000 Euro verhindern." Ein Nutzen-Risiko-Verhältnis, das sich, so der Experte, lohnt. (APA)