Zuerst zogen Apple an Blackberry und dann Android an Apple vorbei
Zu Jahresbeginn hat Nokias neuer Chef Stephen Elop den finnischen Handymacher mit einem Mann auf einer brennenden Ölbohrplattform verglichen, der nur zwischen qualvollem Ende und Sprung ins dunkle Ungewisse wählen könne.
Windows-Phone-Fallschirm
Nachdem Elop mit Nokia den Sprung wagte und noch bangt, ob der Windows-Phone-Fallschirm rechtzeitig aufgeht, stellte sich heraus, dass noch ein Zweiter auf der brennenden Plattform stand: Blackberry-Hersteller RIM (Research in Motion).
Besonders ungemütlich ist es für die Kanadier vergangene Woche geworden, als ihr Maildienst - der Hauptgrund, warum sich User für Blackberrys entscheiden - und sonstige Onlinefunktionen gleich mehrere Tage lang kaputt waren.
Achillesferse
Der Blackout (nicht der erste) machte darauf aufmerksam, dass sich Blackberrys einstige Stärke in eine Achillesferse wandelte: Alle Mails werden von einer Art zentralen Poststelle, die RIM in Kanada betreibt, abgefertigt; fällt diese Schaltstelle aus, gibt es keinen Workaround.
Als Blackberry auf den Markt kam, füllte er damit die Lücke, die schlechte E-Mail-Clients auf Handys hinterließen. Damals telefonierte man noch mit den Dingern, Textnachrichten außer SMS waren ein Minderheitenprogramm. RIM erfand dafür eine Struktur, die Mail so prompt zustellte wie SMS, und der Erfolg war geboren.
Autoritäre Staaten
Daraus wurde eine zusätzliche Abhängigkeit: nicht nur von einem Gerät und einem Mobilfunker, sondern auch noch von RIM, dessen Service unentbehrlich ist. Und die Verschlüsselung der Mails, die Unternehmen schätzen, lässt sich gleichfalls immer schwieriger gegenüber autoritären Staaten aufrechterhalten, aber auch gegenüber den autoritären Reflexen demokratischer Staaten, wie das etwa bei den Unruhen vor einigen Monaten in London zu beobachten war.
Mit dem Blackout kommt eine der letzten Säulen ins Wanken, auf denen RIM seinen Erfolg aufgebaut hat: die Loyalität seiner Kunden. Diese haben bisher über andere Schwächen hinweggesehen, die schon seit längerem zur Stagnation Blackberrys führten. Jetzt ist auch noch das Vertrauen in die Verlässlichkeit des Anbieters erschüttert.
QNX
Wie Symbian bei Nokia ist auch RIMs Blackberry-Betriebssystem in die Jahre gekommen und kann mit den Anforderungen neuerer Smartphones nicht mehr mithalten. Mit seinem Tablet Playbook hätte RIM in eine neue Ära starten sollen, dazu wurde das Betriebssystem QNX zugekauft. Aber das Playbook ist ein Flop, was wiederum dazu führt, dass es keine Apps dafür gibt - die Währung, auf der heutige Tablet- und Smartphone-Erfolge aufgebaut sind.
Am Dienstag stellte RIM ein weiteres Betriebssystem vor, BBX, das künftig für Handys und Tablets verwendet werden soll. Aber abgesehen von einer Demo blieb RIM Auskünfte zu allen Details schuldig - etwa der nicht unerheblichen Kleinigkeit, wann es die ersten Blackberrys damit wirklich geben wird.
In der Zwischenzeit zogen zuerst Apple an Blackberry und dann Android an Apple vorbei
In der Zwischenzeit zogen zuerst Apple an Blackberry und dann Android an Apple vorbei, und vielleicht geht ja auch Nokias Rettungsschirm noch auf. Auf RIMs Plattform ist es jedenfalls bereits ziemlich heiß geworden. (helmut.spudich@derStandard.at, PERSONAL TOOLS HELMUT SPUDICH, DER STANDARD Printausgabe, 20. Oktober 2011)