Bankster, Heuchler und Empörte

Gastkommentar
20. Oktober 2011, 09:54

Die Politik schlägt sich im Angesicht der aktuellen Proteste auf die Seite der Demonstranten. Weil sie jedoch Mitschuld an der Lage trägt, ist dies nichts als heuchlerischer Populismus - Von Christian Böhme

Besetzt Seoul! Besetzt Buenos Aires! Besetzt Lissabon! Besetzt Frankfurt! In weltweit fast 1.000 Städten gingen am vergangenen Wochenende Hunderttausende auf die Straße. Vor allem junge Menschen, aber auch viele ältere Semester machten gemeinsam und überwiegend friedlich ihrem Unmut Luft. Über Bankster, die ihre Taschen nicht voll genug bekommen. Über ein Finanzsystem, das längst ein gleichermaßen regel- wie zügelloses Eigenleben führt und keine Grenzen mehr kennt, schon gar keine der Scham. Über mangelnde wirtschaftliche Gerechtigkeit, die dazu führt, dass 99 Prozent der Bevölkerung jeden Euro, jeden Dollar drei Mal umdrehen müssen, während sich eine Mini-Minderheit auf Kosten der großen Mehrheit bereichert. Über eine Politik, die nimmersatte Geldinstitute, rücksichtslose Hedgefondsmanager und gierige Spekulanten für systemrelevant erklärt und deshalb gewähren lässt - koste es, was es wolle. Bis zum absehbaren Untergang.

Der Feind ist ausgemacht

Doch die Empörten sind nicht mehr gewillt, das stillschweigend hinzunehmen. So ist eine Massenbewegung im Entstehen begriffen, die zwar mit ihrer Kapitalismuskritik linken Geist atmet, aber ansonsten erfrischend pragmatisch, spontan und unideologisch daherkommt. Keine Sozialismus-Rufe, nirgends. Auch die etablierten Parteien müssen draußen bleiben. Nach dem amerikanischen Vorbild "Occupy Wall Street" kommen diese Wutbürger zudem ohne nennenswerte Führung, Hierarchie und Programmatik aus. Im Kampf gegen die Macht des Geldes geht es basisdemokratisch zu. Der bislang einzig gemeinsame, offenbar jedoch sehr tragfähige Nenner ist der Protest gegen die Willkür an den Aktienmärkten, die Selbstherrlichkeit der global agierenden Banken und die Unfähigkeit der Regierenden, deren unseligem Treiben einen Riegel vorzuschieben.

Der Feind ist also ausgemacht. Fehlt nur noch ein Freund. Der allerdings entpuppt sich beim Aufstand gegen die Finanzindustrie als ein falscher, weil scheinheiliger, und nennt sich Politik. Es ist schon viel Verlogenheit und Heuchelei im Spiel, wenn Parlamentarier und Regierungsmitglieder jetzt versuchen, die Occupy-Bewegung zu vereinnahmen. Da lässt Bundeskanzlerin Angela Merkel über ihren Sprecher ausrichten, sie habe großes Verständnis für den Protest. Finanzminister Wolfgang Schäuble sekundiert, er verfolge die Demonstrationen "mit großer Aufmerksamkeit". Der künftige Chef der Europäischen Zentralbank legt noch eins drauf und bescheinigt den jungen Menschen großmütig ein Recht auf Empörung.

Plötzlich Volksversteher

Volksvertreter und ihre Emissäre geben die Volksversteher. Welch ein Theater! So absurd wie die Vorstellung, dass den Bankrotteuren mit unser aller Steuergeld aus der Patsche geholfen werden soll. Wieder einmal. Das kommt bei denen, die das bezahlen sollen, verständlicherweise schlecht an. Und deshalb machen die Politiker schnell mal populistisch auf Mitläufer. Schein hat einfach mehr Buchstaben als Sein (Karl Kraus). Denn die Staaten und deren Lenker haben die Finanzkonzerne erst richtig mächtig gemacht. Statt zu regulieren wurde dereguliert. All die nach der Lehman-Pleite vollmundig angekündigten Reformen waren nichts als Alibiveranstaltungen. Unwissenheit paarte sich auf unheimliche Art und Weise mit Unvermögen. Und die Banken zockten munter weiter.

Warum auch nicht, werden sich die Ackermänner dieser Welt gesagt haben. Schließlich sind sie inzwischen ein fester Bestandteil des Systems. Und das auf ausdrücklichen Wunsch der Politik, die den Banken zum Beispiel vermeintlich risikolose Staatsanleihen geradezu aufdrängte, ohne sonst übliche Eigenkapitalregeln einhalten zu müssen. Auch die Schuldenkrise ist zum nicht unwesentlichen Teil der Komplizenschaft von privaten Kreditgebern und Regierungen geschuldet. Die einen gaben viel und gerne, die anderen nahmen oft und gedankenlos. Hauptsache, der Staat konnte das Geld ausgeben, das er überhaupt nicht hatte.

Ein Umbau des Finanzsystems scheint unumgänglich

Nun ist die Krise da. Ein grundlegender Umbau des Finanzsystems scheint unumgänglich. Davon sind zumindest Anhänger und Aktivisten der "Occupy"-Bewegung überzeugt. Sie wollen mit friedlichen Mitteln die Macht der Märkte beschränken. Die Wirtschaft soll wieder den Menschen dienen. Das mag man für naiv und romantisch halten oder gar für „unsäglich albern" (Joachim Gauck). Man kann in den „Besetzern" jedoch ebenso ein Potenzial von ungewöhnlichem Engagement einfacher Bürger entdecken, die wenigstens den Wunsch haben, in die ungeordnete Welt möge wieder Ordnung einkehren.

Und täusche sich keiner: Der Anti-Banken-Aufstand begann mit einem paar Dutzend Leuten. Heute sind es Hunderttausende. Da tut sich was. Vielleicht ja etwas Gutes. Franz Josef Wagner, Kolumnist der "Bild"-Zeitung, hat es auf den Punkt gebracht: "Make love, not money" wäre ein großer Sieg. Für die Demonstranten in den Straßen von Seoul bis Frankfurt. Und für 99 Prozent der Menschen, denen die Börse und andere Götzen keinen Profit versprechen. (Christian Böhme, derStandard.at, 20.10.2011)

Autor

Christian Böhme, The European, ist Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung.

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Die Wirtschaft soll den Menschen dienen

Leider ein Paradoxon das nie aufgeht. Denn wer sollen "den Menschen" sein?
Die Gesellschaft als ganzes? Dann macht der Satz nur Sinn wenn der Staat ausschließlich die Wirtschaft betreibt.
Den Arbeitnehmern? Ist zwar ehrenvoll aber nur auf die Arbeitnehmer zu schauen würde niemanden einfallen ein Unternehmen zu gründen, außerdem hatten wir das schon einmal mit den Staatsbetrieben und man sah wohin das führte.
Den Arbeitgebern? Wäre der wirkliche freie Markt (den Turbokapitalismus und den "entfesselten Markt" gab es ja bis heute nicht) und ist sicher auch kein Ziel.
Daher der Markt sollte Regeln haben die allgemeingültig sind (und ihn selbst regeln lassen) und nicht einer Ideologie folgen, wem die Unternehmen dann dienen entscheiden sie.

Richtig erkannt, trotzdem blödsinn argumentiert: Ja, "die Menschen" sind die Gesellschaft als ganzes, und ja, deshalb muss der staat kontrolle über die wirtschaft ausüben, und nicht, wie im moment, umgekehrt. sonst kannst jegliche Demokratie vergessen. Aber ich geh mal davon aus, dass du es eh nicht so mit demokratie hast, gell?

Die Demokratie so wie sie jetzt ist ist aber auch nicht wirklich das wahre, außerdem sollte man Realist sein, dass die Demokratie nicht die absolute und einzige Regierungsform ist.

Was hat Demokratie mit Wirtschaft zu tun?
Das eine ist ein politischer Prozess (also wie wollen wir unsere Umwelt, Sozialsystem etc. gestalten) und das andere ist Wirtschaft (also ob das Unternehmen mehr tut als die Umweltgesetze machen, oder nur genau darauf hinzielt, ob sie karitative Einrichten etc. sponsorn).
Das natürlich bis zu einem gewissen Grad es sich überlappt gebe ich gerne zu dennoch darf man nicht den einen Prozess (wir wollen gut erhaltene Seen) mit dem anderen (das Unternehmen schaut/ schaut nicht ob das Gewässer sauber bleibt).

Da fehlen ein s, ein Verb und zwei Beistriche.

"die zwar mit ihrer Kapitalismuskritik linken Geist atmet, aber ansonsten erfrischend pragmatisch, spontan und unideologisch daherkommt. Keine Sozialismus-Rufe, nirgends"

Die Feigheit, die Dinge immer noch nicht beim Namen zu nennen, ist zum kotzen.
Wie lang wurde die Linke ignoriert, als weltfremde Spinner abgetan, wo sie immer gesagt haben dass die Ungerechtigkeit und ungleiche Vermögensverteilung zum Crash führen wird.
Jetzt so zu tun, als wollte man mit linkem Gedankengut nichts zu tun haben, ist reiner Anbiederungsversuch an den Gegner, um nur keine Angriffsfläche zu bieten, anstatt klar und bestimmt für die eigene Meinung einzustehen und die richtigen Forderungen zu stellen.

(sorry für den Ausbruch, im großen und ganzen wars ein guter Artikel, nur das gleich zu Beginn hat mich immens gestört)

Die linken sind noch immer weltfremde Spinner. Schauen sie sich doch die Lösungen an die diese Seite hat: Krise (die durch Schulden und nicht strenger Budgetdisziplin verursacht wurde) durch noch mehr Schulden aufzufangen.
Der staat sollte sich endlich mal etwas weniger direkt einmischen, klare Konkursregeln erstellen und dann den Markt sich selbst bereinigen lassen.

Das ist das bei weitem idiotischste statement, dass ich in diesem zusammenhang bis jetzt gelesen habe. Der neoliberale wahnsinn kann, wenn überhaupt, nur durch kontrolle der wirtschaft eingedämmt werden. Jetzt noch mehr privatisierung zu verlangen ist schlichtweg gemeingefährlich.

Es geht nicht um Privatisierung (oder in wie fern kann man private Banken noch weiter privatisieren?).
Nein ich meinte der Staat soll einen klaren Rahmen für die Wirtschaft aufstellen (also wie man eintreten kann, wie man agieren kann und wie man wieder austreten kann) und dann einfach die Wirtschaft in diesem Rahmen selbst werkeln lassen auch wenn das heißt, dass der Traum vom ewigen Wohlstand auch für Personen korrigiert werden muss (durch die Wirtschaft und nicht den Staat).

Politik und Banken sind mit Sicherheit keine Freunde

des Wutbürger, und Freund ist er wohl sich selbst der Allerbeste. Wutbürger aller Länder vereinigt euch!

Naomi Klein
Luftpost - Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein

"Eins weiß ich genau, das eine Prozent (das uns beherrscht) liebt die Krise. Wenn Menschen in Panik geraten, verzweifelt sind und keiner mehr zu wissen scheint, was getan werden muss, dann ist das die ideale Gelegenheit für die Herrschenden, ihre Wunschliste für eine noch konzernfreundlichere Politik durchzusetzen: die Privatisierung des Bildungssystems und der Sozialversicherung, die Beschneidung des öffentlichen Dienstes und die Beseitigung der letzten Einschränkungen der Konzernmacht. In dieser Wirtschaftskrise geschieht das auf der ganzen Welt."
Aus :
http://zmag.de/artikel/o... ewegung-de

In der Überschriftbfehlen noch die "DUMMEN"

Jene Dummen, die die heuchlerischen, verlogenen, diebischen Verschwendungspolitiker über Jahrzehnte gewählt haben, die ihr Geld noch immer bei den Bankstern liegen haben, und diesen damit das Zocken erlauben. Die sich mit mickrigen Zinsen zufriedengeben, damit eine Bank einem amtsmissbrauchenden, verfassungsbrechenden Exfinanzminister einen Versorgungsjob finanziert kann.

Die Bankster und Heuchler lachen sich doch krumm und dämlich über diese "DUMMEN".

20.10.2011, 16:14

Tatsache ist dass ohne Kapitalismus und ohne Banken (was auch immer das heißen soll!) genau jenen 99% DEUTLICH schlechter ginge. Ja, sie haben weniger Geld als das eine Prozent - aber das liegt doch bitte an ihnen selbst.

der zynismus war so dick aufgetragen, dass ihn alle für bare münze gehalten haben
:-)))

Na, dafür dürfen wir 99%

euch bei der nächsten Gelegenheit wieder mal retten.
Dafür sind wir immer gut.

Wir dummen.

Und wer bestimmt außer den Politikern dass 99% die anderen retten müssen?

99% von dem 1% sind altes Geld (in Europa noch mehr). Das ist der Grund, warum der Rest so hysterisch gehypt wird, die Steve Jobses, die Michael Jordans usw.

Soziale Mobilität ist ein Mythos, und das gilt heute wieder mehr als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Blödsinn, man muss nur mit Geld umgehen und halt in Generationen denken und nicht "was will ich noch alles am besten morgen ereichen".
Meine Eltern sind auch Arbeitereltern ohne Matura und haben es zu was gebracht.

Mich würde brennend interessieren, was man rauchen oder trinken muss, um so einen Schwachsinn von sich zu geben!

meinlkaffee in der cafeteria in der lichtenfelsgasse?

Oder ists RTL im Kinderzimmer ?

bin ich gespannt wie sie diese behauptung näher begründen können.

Selbe Frage.

Hier vielleicht ein paar Antworten ...

Geplante Obsoleszenz

http://www.youtube.com/watch?v=tI798T2tRrQ

Passend zum Thema: Wirtschaftskreislauf ... ?

http://www.youtube.com/results?s... tory+of+st

Wie die Wirtschaft funktioniert war mir schon klar. Auch erklärt es nicht die Aussage, das es uns ohne Kapitalismus und Banken deutlich schlechter ginge.

Wenn die Gewinne nicht ins System zurückfliessen, die Gelder stattdessen auf Jersey und Konsorten verschwinden, und nur ab und an zum zocken herausgeholt werden, kann das nicht für jederman gut sein.

Pardon, aber das stimmt so nicht. Ohne Banken welche dieses System unterstützen, sollte es uns also schlechter gehen?

Man muss schon zwischen der Idee und der Umsetzung unterscheiden.

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