Blind Date für Reisende

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Der private Haus- und Wohnungstausch 
verzeichnet rasante Zuwächse. Zahlreiche Online-Plattformen bieten 
Vermittung an, z. B.: www.homelink.at oder 
www.intervac-homeexchange.com. Üblicherweise zahlt man eine jährliche 
Mitgliedsgebühr, um die Datenbank einsehen und das eigene Angebot online
 zu stellen. Alles weitere regelt man mit dem Tauschpartner individuell.
 Die Agenturen stellen standardisierte Verträge zur Verfügung und werden
 im Konfliktfall eingeschaltet.
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    Der private Haus- und Wohnungstausch verzeichnet rasante Zuwächse. Zahlreiche Online-Plattformen bieten Vermittung an, z. B.: www.homelink.at oder www.intervac-homeexchange.com. Üblicherweise zahlt man eine jährliche Mitgliedsgebühr, um die Datenbank einsehen und das eigene Angebot online zu stellen. Alles weitere regelt man mit dem Tauschpartner individuell. Die Agenturen stellen standardisierte Verträge zur Verfügung und werden im Konfliktfall eingeschaltet.

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Wohnungstausch ist mehr als eine billige Art, Urlaub zu machen. Er erlaubt das Eintauchen in einen fremden Alltag. Selbstversuch zwischen Wien und Paris

Eigentlich ist es wie ein Blind Date. Mit ähnlichen Unsicherheiten und ähnlicher Nervosität. Je näher man dem vereinbarten Ort kommt, desto intensiver schaut man sich um. Was das wohl für eine Gegend ist? Was da für Leute wohnen? Wo man hier wohl morgens das Brot kauft?

Dann steht man vor einer unbekannten Haustür an einem unbekannten Ort. Zückt den Schlüssel, der ein paar Tage zuvor im Postkastl lag. Fremd fühlt er sich an in der Hand, aber wider Erwarten passt er auf Anhieb. Ein erster Blick ins Stiegenhaus. Verwitterter Stuck, ein blinder Spiegel, verzierte alte Türen: Das lässt sich gut an. Während daheim eben jemand das eigene Haustor aufsperrt, mit dem Schlüssel, den man selbst vor einer Woche weggeschickt hat. Ja, genau hier muss er angekommen sein, denn eben geht man am Postkastl vorbei. Erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock, die Holzstiege knarrt. Dann steht man in einer fremden Wohnung - die in den nächsten Wochen die eigene sein wird.

Wohnungstausch ist eine aufregende Sache. Im Prinzip ist die Idee naheliegend: Die Wiener Familie macht Urlaub in Paris, die Pariser Familie in Wien, wieso tauschen die nicht einfach ihre Wohnungen, statt beide im Hotel einzuchecken? Zumal der Urlaub dann nicht bloß umsonst wäre, sondern in vielerlei Hinsicht auch angenehmer. Weil man direkt eintauchen kann in den Alltag, statt im Reiseführer nachzuschauen - auf dem Markt einkaufen und kochen kann, statt am Frühstücksbuffet zu sitzen, und mit den Nachbarn reden statt mit der Hotelrezeptionistin.

Doch so richtig funktionieren kann die Idee erst, seit es Online-Plattformen gibt. Denn nur da findet man in der Vielzahl der theoretisch Reisewilligen jene, deren Alltag man tatsächlich praktisch ausprobieren will. Womit wir beim Kern der Sache wären: Wer ist der richtige Tauschpartner? Was macht ihn aus, und woran erkennt man ihn? Bei dieser Frage kann man recht schnell ins Grundsätzliche abgleiten, wenn man sich in die Datenbanken einklinkt und zaghaft Anfragen auszuschicken beginnt.

Selbstverständlich kann man sich zunächst einmal an praktischen Kriterien anhalten: an den Reiseterminen, der Anzahl der Schlafplätze. Pensionistenpaare werden eher mit anderen Pensionistenpaaren tauschen, und eine Familie mit kleinen Kindern eher mit einer anderen. Das verhindert einerseits, dass Babys Nippesfiguren kaputtmachen, und andererseits, dass Rentner sich über schmale Leitern in Hochbetten hinaufquälen müssen. Wer Katzen hat, holt sich nicht ausgerechnet einen Katzenallergiker in die Wohnung, und wer Höhenangst hat, wird nicht in einen Wolkenkratzer ziehen.

Aber sonst? Sonst ist alles offen. Ob sich die irische Ethnologieprofessorin vielleicht für unser Wiener Leben interessiert? Ob die portugiesischen Anwälte unsere Wohnung zu schmuddelig finden, und die Göteborger Sozialarbeiter zu spießig? Dann kommt ein Angebot aus Paris. Das hatte man eigentlich nicht auf dem Radar. Andererseits: Warum nicht Paris?

Klavier oder WLAN

Es sind subtile Details, die darüber entscheiden, ob man einander findet. Ob man die Kinderzimmerfotos im unaufgeräumten Zustand online stellt oder im aufgeräumten. Ob man eher nach dem Klavier fragt oder nach dem WLAN, nach dem Auto oder nach der Anzahl der Fahrräder. Schließlich geht es ja nicht bloß darum, wo man selbst Urlaub machen will - sondern auch darum, wer im eigenen Bettchen schläft, vom eigenen Tellerchen isst, aus dem eigenen Becherchen trinkt, mit den eigenen Nachbarn plaudert. Es ist eine große Intimität, die hier entsteht - mit Menschen, denen man wahrscheinlich nie persönlich begegnen wird und die man dennoch ziemlich gut kennenlernt.

Denn verräterisch ist eigentlich alles. Das Bücherregal (in Paris sind es Comics und die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung), die Zimmerdekoration der Teenagertochter (spielt in einer Band), der Inhalt der Küchenkasteln (eher für die Mikrowelle), die Fotos auf der Pinnwand (aha, der Kleine muss ein Adoptivsohn aus Afrika sein). Bis einem plötzlich die Frage einschießt: Wie die anderen wohl unser Saddam-Hussein-Poster an der Wand interpretieren?

Ebenso aufschlussreich sind die kleinen Momente, in denen man sich selbst erkennt. Ja, da liegt ein ähnlicher Begrüßungsbrief auf dem Tisch und ebenfalls eine Flasche Wein dazu. Soso, die haben dasselbe Problem mit dem Kabelsalat wie wir und auch keine Lösung. Schau, ruft der fünfjährige Sohn aufgeregt, und kommt mit einem Matchboxauto aus dem Zimmer des fünfjährigen Franzosen: Das hab ich auch! Es ist kein neues Matchboxauto, sondern eines aus den Siebzigerjahren. Es muss also zwei Väter geben, die einst damit gespielt, und zwei Väter, die es irgendwann in einer Dachbodenkiste wiedergefunden haben.Was diese intime Beziehung in Spannung hält, ist die Reziprozität. Oder auch: der Kant'sche Imperativ. Du willst nicht, dass jemand in deinen Schreibtischladen wühlt? Dann hilft es vielleicht, auch die fremden Laden geschlossen zu lassen. Ist es okay, sich Gewand auszuborgen? Das Gefühl sagt: Gummistiefel ja, Pullover nein. Die offene Milch im Kühlschrank wird man konsumieren, die Pralinenpackung eher nicht. Es fühlt sich an, als würde man Fernschach spielen, ohne einander die Spielzüge mitzuteilen. Denn: ständig anrufen und fragen - nein, das gilt nicht.

Selbstverständlich wird man putzen, ehe man wieder abreist; aber nur gerade so viel, wie notwendig ist, um den Zustand wiederherzustellen, den man anfangs vorgefunden hat. Man wird einen freundlichen Abschiedsbrief auf den Küchentisch legen, und im Gegensatz zum Willkommensbrief werden ihn auch die Kinder unterschreiben. Man wird die Bettwäsche in die Waschmaschine stecken und sich dafür entschuldigen, dass es sich mit dem Trocknen nicht ganz ausgegangen ist.

Nein, man weiß immer noch nicht, wer die anderen eigentlich sind. Aber nach der Heimkehr wird man sich wundern, dass sie alles ganz genauso gemacht haben. (Sibylle Hamann/DER STANDARD/Rondo/21.10.2011)

Sibylle Hamann, geboren 1966 in Wien, ist freie Journalistin und Kolumnistin. Von ihr erschien zuletzt: Hamann, Sibylle / Linsinger, Eva: "Weißbuch Frauen / Schwarzbuch Männer . Warum wir einen neuen Geschlechtervertrag brauchen". Deuticke Verlag.

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