Entsetzen ist nicht genug

Leserkommentar20. Oktober 2011, 08:10
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Eine Aufforderung an die Stadt Wien, den Jugendwohlfahrtsbereich einer Diagnose und einer Behandlung zu unterziehen. Heute!

Jetzt sind alle entsetzt. Entsetzt darüber, dass passieren konnte, was im ehemaligen Kinderheim Wilhelminenberg passierte. Nein, nicht nur einmalige Vergewaltigungen von Kindern, sondern mehrfache, tägliche. Und dann war wieder Ruhe ein, zwei Wochen, wie eine Betroffene im Interview sagt. Und alle kamen mal dran, alle 20 des Schlafsaales.

Das bedeutet, dass kein Kind verschont blieb. Schon allein die Anzahl der Kinder und die zeitliche Frequenz der massiven physischen und psychischen Gewaltanwendungen von denen Opfer berichten, deutet auf ein organisiertes Verbrechen hin.

Ein organisiertes Verbrechen. Wann haben Sie zuletzt diese Worte gelesen oder in den Mund genommen? Sicher nicht im Zusammenhang mit schwerstem sexuellen, körperlichen und seelischem Missbrauch an Kindern.

Kindesmissbrauch ist ein Schwerpunktthema meiner Vorlesung in der SozialarbeiterInnenausbildung. Ich habe in diesem Seminar noch nie von organisiertem Verbrechen gesprochen. Doch von nun an muss ich es tun.

Organisiertes Verbrechen

Ich werde über organisierte Verbrechen von SozialarbeiterInnen referieren. Das Seminar besuchen die künftigen SozialarbeiterInnen und-pädagoInnen im 2. Semester ihres Studiums an der FH. Was geht wohl in ihren Köpfen vor, wenn sie daran denken, in Zukunft dieser Berufsgruppe anzugehören? Mit welchen Fragen und Aussagen sind sie in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, von Seiten ihrer Familie konfrontiert und wie argumentieren sie? Inwieweit wird die dunkle Geschichte der Heimerziehung ihren Berufseinstieg und ihren Berufsweg beeinflussen?

Glücklicherweise haben sie die Möglichkeit mit LektorInnen der Fachhochschule
über das zu sprechen, was sie aktuell über das Heim Wilhelminenberg in er Zeitung lesen.
Und sie lesen auch über die systematische Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, initiiert von der Stadt Wien.

Aufarbeitung braucht Zeit, viel Zeit

Das geht also? Traumatisierende Erlebnisse systematisch aufarbeiten? Ja, es geht. Und wenn sie aufgearbeitet sind, dann gibt es Zahlungen, je nach gradueller Traumatisierung natürlich. Doch: Viele Opfer haben bereits Zahlungen erhalten. Wie geht das? Da ist es nicht weit her mit der systematischen Aufarbeitung, denn die kostet Zeit, viel Zeit, die die Betroffenen brauchen bzw. bräuchten, um über das zu sprechen, was vor 40 Jahren geschah.

Alles bestens?

Hat sich die Stadt Wien eigentlich Gedanken über eine Retraumatisierung der Betroffenen gemacht oder ist das wieder einmal nur ein Gedanke, den frau/man als Psychologin und Sozialarbeiterin hat? Nun, mir jedenfalls geht es viel zu schnell, wie die Stadt Wien hier vorgeht. Missbrauchsfälle aufdecken, Zahlungen an die Opfer leisten, noch schnell Berichte darüber, dass seit der großen Heimreform im Jahr 2000 nun eh keine Heime mehr in Wien existieren und es flächendeckend Wohngemeinschaften mit bis zu acht Kindern gibt, ja und Krisenzentren gibt es auch, also alles gut. Alles Bestens!

Von wegen alles gut, alles Bestens. Genau jetzt ist es wieder (!) mal an der Zeit, die Stadt daran zu erinnern, dass es nicht genügend Plätze für (Kleinst)Kinder und Jugendliche gibt, die vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr bei ihrer Familie leben können.

Ich war zuletzt vor eineinhalb Jahren mit meinen Studierenden in einem Krisenzentrum in Wien. Was wir gesehen haben? Matratzen unter Tischen, auf denen Kinder schlafen und daneben ihre Köfferchen mit ein paar Dingen, die sie dringend zum Leben brauchen. Das Lieblingskuscheltier, ein Foto von Mama und Papa und Bruder, ein paar Kleidungsstücke, die Oma gekauft hat. Wie fühlt es sich wohl für ein Kind an zu warten? Zu warten nach und mit massiven Verletzungen. Zu warten mit Kindern und BetreuerInnen, die fremd sind, die ebenfalls unwissend sind. Denn niemand weiß, wann die Reise weitergeht. Gemäß Auftrag müssten die Kinder so schnell als möglich in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft oder einer Pflegefamilie landen. Doch die SozialpädagogInnen im Krisenzentrum können den Kindern keine Auskunft geben, auch nicht ihre zuständigen SozialarbeiterInnen des Jugendamtes. Denn die Wartelisten sind lang, für die Kinder unendlich lang.

Systemfehler

Warten bedeutet hier für alle Beteiligten Hilflosigkeit, Frustration, oftmals auch Aggression. Wen wundert es da, wenn die Kinder weglaufen wollen. Wen wundert es da, wenn die JugendamtssozialarbeiterInnen weglaufen, nur mehr für kurze Zeit am Jugendamt arbeiten. Die Wohngemeinschaften sind so voll, dass auch dort Kinder und Jugendliche nicht nur auf engstem Raum untergebracht sind, sondern oftmals von PädagogInnen betreut werden müssen, die in ihrer Ausbildung nicht genügend vorbereitet wurden auf die Praxis, die selbst hilflos sind in diesem Kontext. KollegInnen, die dringend selbst supervisorische Begleitung beim Berufseinstieg und darüber hinaus bräuchten, um den schwer traumatisierten, missbrauchten, geschlagenen Kindern ein Beziehungsangebot machen zu können.

Die Leiterin des Krisenzentrums hatte Tränen in den Augen, als sie erzählte, dass viel zu viele Kinder hier seien, dass es dringend weitere Krisenzentren und Personal bräuchte, dass sie seit zwei Jahren mehr als 60 Stunden pro Woche arbeite, was ihr übrigens deutlich anzusehen war. Und dass niemand von der Stadt Wien trotz mehrfacher Meldungen bereit sei, mehr Geld für die Jugendwohlfahrt bereitzustellen.

Was jetzt?

Nun, das war zu Zeiten, als es in Wien Rot-Grün noch nicht gab. Gibt es nun bei Rot-Grün Ambitionen die Jugendwohlfahrt systematisch zu untersuchen? Gibt es nun endlich Geld für Forschung in diesem Bereich, um sichtbar zu machen, welches System da geschaffen wurde, um misshandelte, verwahrloste, bedürftige Kinder und deren Familien zu unterstützen? Ich selbst habe vor drei Jahren mit einer Kollegin angeboten, die Jugendwohlfahrt Wiens unter die Forscherinnenlupe zu nehmen, die Arbeitsbedingungen der KollegInnen transparent zu machen, die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen, die fremduntergebracht werden mussten, zu erforschen.

Die Antwort, die wir erhielten, war klarerweise ein Nein. Ein Nein an zwei externe ForscherInnen. Einige Monate später kam eine Mail mit der Nachricht, dass intern dazu geforscht werde. Bis heute sind die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes der Magistratsabteilung nicht bekannt. Ich weiß nicht, was da rausgekommen ist.

Leben aus dem Koffer und unter dem Tisch

Aber eines weiß ich. Ich weiß, dass die Kinder im Krisenzentrum auf Matratzen schlafen, dass sie das nicht nur einige Tage tun, sondern viele Monate. Sie leben aus dem Koffer, sie wissen nicht, wann sie wohin kommen, wie sich ihre Lage bessern soll.

Keine einfachen Lösungen

Ich weiß auch, dass oft eine einfache Lösung gewählt wird. Dass es nach ganz schlimmen familiären Krisen oftmals ziemlich schnell wieder nach Hause geht. Denn zu Hause ist zu Hause, besser als jedes Heim, sagt man dann. In Anbetracht der Vorfälle im Kinderheim Wilhelminenberg wird diese Meinung nun sicherlich wieder von vielen vertreten werden. Traurigerweise auch von KollegInnen. Die Entwicklung dahinter ist jedoch eine andere. Es geht um die Kosten. Ich habe als Sozialarbeiterin fast zehn Jahre lang dafür gesorgt, dass Kinder fremduntergebracht werden. Diese Unterbringung sei viel zu teuer, wurde mir vermittelt. Meine Akten wurden kontrolliert, aber nicht von SozialarbeiterInnen, sondern von Juristen und Finanzbeamten. Wie könne ich nur so eine teure Fremdunterbringung in Erwägung ziehen?, fragten sie. Sei das denn wirklich nötig? Ja, es war nötig. Jedes einzelne Mal. Und es geschieht nur, wenn es notwendig ist, jedes einzelne Mal.

Die Riesenheime wie am Wilhelminenberg wurden geschlossen, zum Wohle der Kinder. Gut so. Sie wurden durch kleine Wohngemeinschaften ersetzt. Und die haben jetzt zu wenig Personal, schlecht ausgebildetes Personal, zu viele extrem auffällige, schwierige, oft nicht mehr zu führende Kinder zu versorgen. Sie bräuchten Geld. Aber statt dessen lässt man nun Kinder lieber bei den Eltern, das ist billiger. Und alle unterstützten dies, vom Diagnostiker bis zum Therpeuten. Es wurde allen ja oft genug vor Augen geführt, wie teuer die neue Unterbringung ist. Alle sind auf Linie.

Opfer werden manchmal wieder Opfer

Nun wage ich die Vermutung, dass einige dieser Kinder und Jugendlichen, einige dieser Opfer wieder Opfer werden. Opfer der Stadt Wien. Die Weltstadt, die sich seit Jahren weigert, den Jugendwohlfahrtsbereich einer Diagnose und einer Behandlung zu unterziehen. Ich fordere Sie hiermit dazu auf! Nicht morgen, nicht übermorgen. Heute. (Leser-Kommentar, Beatrix Kaiser, derStandard.at, 20.10.2011)

Autorin

Mag.a. Beatrix Kaiser, Psychologin und Dipl. Sozialarbeiterin, Lektorin der FH Campus Wien

  • Alles bestens? Gibt es genügend Plätze 
für (Kleinst)Kinder?
    foto: heribert corn, corn@corn.at

    Alles bestens? Gibt es genügend Plätze für (Kleinst)Kinder?

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