Vermittler des Shalit-Deals

"Diplomatie bringt nichts, Entführungen schon"

Interview | Andreas Hackl, 19. Oktober 2011, 22:11
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    Vermittler Gershon Baskin.

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    Wache am Grenzübergang zum Gazastreifen bei Rafah.

Gershon Baskin, der insgesamt fünf Jahre zwischen Israel und Hamas vermittelt hat, spricht über die Hintergründe des Gefangenenaustauschs

Gershon Baskin hat fünf Jahre lang zwischen Israel und Hamas vermittelt. Die ersten Gespräche fanden bereits drei Tage nach der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit statt. Im derStandard.at-Interview erzählt er über die Hintergründe des Gefangenenaustauschs, bei dem Shalit gegen mehr als tausend palästinensische Häftlinge freikam.

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derStandard.at: Um den israelischen Soldaten Gilad Shalit frei zu bekommen, haben Sie seit mehr als fünf Jahren im Hintergrund vermittelt. Jetzt ist er frei. Wie haben Sie das geschafft?

Gershon Baskin: Alles begann drei Tage nach Shalits Entführung mit dem Anruf eines Professors von der Islamischen Universität in Gaza. Ich hatte vorher noch nie mit jemandem von der Hamas gesprochen. Auch für ihn war es die erste Unterhaltung mit einem Israeli. Nach einer längeren Unterhaltung habe ich ihm vorgeschlagen, eine kleine Verhandlungsgruppe für Gespräche hinter verschlossenen Türen zusammenzustellen. So ist ein ernsthafter Dialog zustande gekommen.

derStandard.at: Wie hat dieser Dialog genau ausgesehen?

Baskin: Ziemlich bald hat der Professor das Büro von Hamas-Premierminister Ismael Haniyeh kontaktiert. Schon nach einer Stunde kam ein Anruf des Hamas-Sprechers Ghazi Hamad. Wir haben uns länger unterhalten und ich habe ihm gesagt, dass ich einen offenen Gesprächskanal zur israelischen Regierung vermitteln will. Dem damaligen Premierminister Ehud Olmert habe ich über seine Tochter Dana Nachrichten zukommen lassen. Seine Antworten fielen aber eher kalt aus.

derStandard.at: Wie kam es trotzdem zum Durchbruch in den Verhandlungen?

Baskin Erst im Juli 2009 hat sich etwas bewegt, als ich ein Dokument vom Oberbefehlshaber der Hamas-Milizen, Ahmed Jabari, an Premierminister Netanyahu und Verteidigungsminister Barak weitergeleitet habe. Der zuständige Unterhändler David Meidan hat sofort verstanden, dass hier etwas Wichtiges im Gang ist. Einen wirklichen Durchbruch gab es dann am 14. Juli, als die Hamas in einem offiziellen Forderungspapier erstmals wichtige Kompromisse einging, indem sie fünf Top-Gefangene und einige Terroristen von der Liste strich, und zustimmte, dass viele außer Landes geflogen werden.

derStandard.at: Warum hat es mehr als fünf Jahre gedauert, bis eine Lösung gefunden wurde?

Baskin: Weil beide Seiten lange nicht bereit waren, die nötigen Kompromisse einzugehen. Und weil ein großes Misstrauen den Informationsfluss blockierte. Aber auch internationale Faktoren haben eine Rolle gespielt. Die Anti-Regime-Proteste in Syrien, die Bashar al-Assads Regierung schwächen, haben der Hamas eine wichtige Basis genommen. Und ein neues selbstbewusstes Ägypten konnte sein außenpolitisches Gewicht gegenüber der Hamas einsetzen.

derStandard.at: Sind ihre Erfolge durch Vermittlung im Hintergrund auch ein Zeichen für die Mängel der gewöhnlichen Diplomatie?

Baskin Ich denke schon. Konventionelle Diplomatie ist ein Ringen um Öffentlichkeit, Medien und Image. Da sind Kompromisse schwierig, weil das Bild nach außen ständig gewahrt werden muss. Für die Hamas ging es lange darum, aus Gründen der Widerstandssymbolik die schwersten Terroristen frei zu bekommen. Ich habe der Hamas gesagt, dass sie nichts bekommen wird, wenn sie weiterhin auf den großen Namen bestehen. Auf Regierungsebene wäre das als Angriff aufgefasst worden. Hier hat es einen Kompromiss bewirkt.

derStandard.at: Die Hamas hat für einen israelischen Soldaten 1027 Palästinenser frei bekommen. Ist das nicht ein Sieg für militante Extremisten, der weitere Gefahren mit sich bringt?

Baskin: Die israelische Regierung hat den Austausch auch deshalb unterstützt, weil sich der ganze Sicherheitsapparat als fähig genug erklärt hat, mit dieser Bedrohung fertig zu werden. Viele der Gefangenen wurden ja auch außer Landes geflogen. Die meisten anderen sind im Gazastreifen. Ich denke, dass die palästinensische Gesellschaft schon jahrelang nicht in der Stimmung für gewalttätigen Widerstand ist. Im Westjordanland bekämpft die palästinensische Polizei Terrorismus und im Gazastreifen hat die Hamas eine Waffenruhe über militante Milizen verhängt.

derStandard.at: Ist die plötzliche Einwilligung der israelischen Regierung auch Teil einer breiteren Strategie?

Baskin: Manche glauben, dass Netanyahu damit seine politische Position in Israel stärken will, nachdem die Sozialproteste gegen ihn mobilisiert haben. Aber ich weiß, dass er sich schon im April für die Aktion entschieden hat. Das war vor den Protesten. Eigentlich war er gegen das Abkommen. Dennoch hat er gewusst, dass es keinen anderen Weg gibt. Auch die ständigen Proteste vor seiner Haustür, in denen sich Gilads Familie gemeinsam mit Aktivisten ununterbrochen für Shalits Freilassung eingesetzt haben, dürfte ihn letztlich beeinflusst haben. Auch seine Frau hat dabei eine Rolle gespielt.

derStandard.at: Bei der Willkommensfeier für die freigelassenen Gefangenen wurden im Gazastreifen schon neue Entführungen gefordert. Wird es bald einen neuen Gilad Shalit geben?

Baskin Das kann natürlich passieren. Es gibt ja tausende palästinensische Gefangene, die noch zu befreien wären. Die aktuelle Entwicklung signalisiert leider klar und deutlich, dass Diplomatie nichts bringt, Entführungen von Soldaten hingegen schon. Aber ich sage den Palästinensern: War es das Wert, wenn man den letzten Krieg im Gazastreifen und all die toten Zivilisten mit kalkuliert? Für mich hat die Hamas der eigenen Gaza-Bevölkerung von 1,7 Millionen nichts als Zerstörung gebracht.

derStandard.at: Wären Gilad Shalit und die palästinensischen Gefangenen heute ohne Ihr Mitwirken frei?

Baskin: Nein, bestimmt nicht zu diesem Zeitpunkt. Ohne diesen Kanal hätte es keine Möglichkeit gegeben, diesen Durchbruch zu erreichen. Zwei Rabbis haben mir vor kurzem geschrieben, dass eine der größten Tugenden die Befreiung von Gefangenen ist. Das freut mich, obwohl ich nicht religiös bin.

derStandard.at: War Ihnen der Fall Gilad Shalit auch ein persönliches Anliegen?

Baskin: Ja, das war es. Aber ich wäre froh gewesen, wenn es eine militärische Lösung für seine Befreiung gegeben hätte. Aber das war nicht möglich. Also habe ich meine Erfahrung aus 25 Jahren Verhandlungsführung für diesen Deal eingesetzt. Leute auf beiden Seiten haben mir vertraut, das war der wichtigste Faktor von allen. (derStandard.at, 19.10.2011)

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Joe Dalton1
48
20.10.2011, 16:34

Die Terminologie ist schon seltsam. Woanders weden Soldaten gefangengenommen. In Israel wird ein Soldat "entführt".

Djuli Murti
 
00
21.10.2011, 10:22
Es ist immer mal ein Krieg, oder was anderes - was gerade besser passt.

tim tim
64
20.10.2011, 17:12

Wenn Zivilisten (Terroristen - ja, auch wenn Sie das nicht hören wollen!) in ein Staatsgebiet eindringen, dort jemanden gefangen nehmen und verschleppen, dann nennt man das gemeinhin "Entführung"

Djuli Murti
 
11
21.10.2011, 10:23
Großflächig ist Israel in die palsätinensischen Gebiete eingedrungen.

Und tut dies fotwährend - und das seit 1967.

Vincent_Vega
39
20.10.2011, 17:18

ja stimmt die palästinensischen "gefangenen" wurden meist ihn ihrem staat entführt, während
gilad auf palästinensischem boden "gefangen" genommen wurde..

Djuli Murti
 
11
21.10.2011, 10:25
Palästinenser werden so gut wie immer auf ihrem Territorium, verhaftet, vertreiben, enteignet, getötet.

Pefo
00
24.10.2011, 08:31

Meistens sogar von eigenen Leuten.

baneck08
20
21.10.2011, 01:06
"ihn ihrem staat"

Was/Wo sollte das sein?

Cutting Edge
86
20.10.2011, 19:20
Unterschied zwischen Geiselhaft und Gefängnis

Shalit wurde auf israelischem Boden angegriffen, verschleppt, ohne Prozess und ohne medizinische Behandlung 5 Jahre lang in einem dunklen Loch als Geisel gehalten. Die einzige Hoffnung freizukommen war die, dass die Hamas endlich einem Gefangenenaustausch zustimmt, doch die Terrororganisation weigerte sich dem jahrelang. Das ist GEISELHAFT.

Palästinensische Terroristen dagegen werden festgenommen (es sei denn, sie versuchen als Märtyrer zu sterben), verhört und nach der Untersuchungshaft vor Gericht gestellt, bekommen einen Pflichtverteidiger und ein gerechtes Urteil. Bei einer Haftstrafe gibt es medizinische Versorgung, Scharia-gemäßes Essen, ein eigenes islamisches Gebetshaus mit Gottesdienst sowie freie Besuchszeiten. Das ist GEFÄNGNIS.

Djuli Murti
 
11
21.10.2011, 10:27
Sie werden meist auf palsätinensischem Boden verschleppt

Sie bekommen KEIN gerechters Urteil.
Die israelischen Militärgerichte halten allgemeinen Rechtsstandards in keiner Weise stand und deren Urteile kann man daher nicht unbedingt trauen.
Die Gefangenen bekommen zwar einen Pflichtverteidiger, aber oft gar keinen Anwalt zu Gesicht. Das ist mehr oder weniger ein abgekartertes Spiel. Zudem könne Palästinenser jahrelang ohne irgend ein Gerichtsurteil in israelischen Gefängnissen verbleiben.

Hubert Ungeist
 
22
21.10.2011, 05:20
Also Palästinensicher Terroristen (Man bemerke die Verurteilung vorneweg)

werden oft gleich erschossen (samt ein bisserl Kollateralschaden)

verhört ja - mitunter mit ein bisserl FOlter - vor Gericht gestellt oft vor ein Militärgericht ohne Verteidigung und das mit dem Urteil na gut lass mas sein.

Und komisch alle Bsatzer der Welt hatten Gefängnisse und die Freiheitskämpfer konnten merkwürdigerweise weder Gefängnisse betreiben noch eine Justiz etc. Überlegens mal warum?

Pefo
00
24.10.2011, 08:36

Bezeichnen Sie, Ungeist,

die Hamas-Verbrecher, die, gleich dem Hitler ("Mein Kampf"), in ihrem Grundsatzdokument ("Hamas-Charta") die Ermordung von Juden als Plan stehen haben, als "Freiheitskämpfer"?

Hubert Ungeist
 
00
24.10.2011, 10:12
Herr Pefo,

guter rethorischer Trick.

Sagen wir es anders, sagen wir gewaltbreite Belagerungsbekämpfer. Aber auch diese haben noch niemals in der Weltgeschichte ein Justizsystem oder so aufbauen können.

Pefo
00
24.10.2011, 16:29

Naja, Ungeist,

zweifelsohne wirkt dieser Begriff besser, leider aber sind die Israelis die Belagerten, deswegen ist es vernünftig, daß sie sich mit einem Grenzzaun schützen.

Unabhängig von Begriffszuweisungen wäre eine Änderung dieser unglückseligen Charta ein Schritt, der für beide Gruppen Vorteile brächte, und darum gehrt es ja.

Hubert Ungeist
 
00
24.10.2011, 22:26
Welcher Grenzzaun steht

schon auf Nachbarsgrundstück?

Alleine das zeigt schon das ihre Umdrehung falsch ist. Die Belagerten sind schon die P.

Pefo
00
25.10.2011, 09:45

Ich finde, Ungeist,

diese "Grenzziehung" auch nicht für geglückt, aber es ist eine Tatsache, daß der Grenzzaun eindeutig zum Schutze der Gesundheit und des Lebens gegen Angiffe vonTerroristen dient, die nicht von den Sicherheitskräften der Hamas, resp. der PNA an ihren verbrecherischen Anschlägen gehindert werden.
Daher muß man es Israel überlassen, die beste Strategie der Verteidigung zu wählen.
Aus ähnlichen Aspekten gibt es den Passus im österreichischen (SPG)-Wegweiserecht, daß der Gewalttäter nicht nur die Wohnung/das Grundstück nicht betreten darf, sondern auch noch eine Entfernung hievon, je nach Gegebenheiten, einigen 100 Metern nicht überschreiten darf.
Jedenfalls wäre eine Aufgabe der paläst. Gewalt der schnellste Weg zu einer ge

Vincent_Vega
22
21.10.2011, 00:15
und dann sind sie aufgewacht..?

august underground
 
02
20.10.2011, 15:54

Das ein "Professor von der Islamischen Universität in Gaza" und "zwei Rabbis" in einem Interview über ein politisches Thema vorkommen, zeigt die Wurzel allen Übels relativ deutlich.

derFried
 
00
20.10.2011, 14:35
ich ziehe den Hut....

vor: Baskin und Konrad.

die können uns ein wenig die Augen öffnen, nicht die Schreibtisch Intellektuellen....und Hasser

C. Sutta
18
20.10.2011, 15:13
Wo bitte ist da kein Hass?

"Aber ich wäre froh gewesen, wenn es eine militärische Lösung für seine Befreiung gegeben hätte. Aber das war nicht möglich. "

Er hätte lieber getötet als verhandelt. Das sagt schon alles.

Djuli Murti
 
01
21.10.2011, 10:32
Das war kein Hass, sondern Kalkül.

Die Palsätinenser wollen nämlich ihre Angehörigen auch gerne wieder sehen. Zudem musste sich Isreal schon überlegen, wie weit es mit seinen militärischen Übergriffen auf Gaza gehen kann. Mit der Operation Cast Lead hätte es jedenfalls locker auch Gilat Shalit umbringen können.

Gelsomina
14
20.10.2011, 18:58

Hass waere es, wenn er angreifen wuerde, ohne an die Konsequenzen zu denken, so wie das die Terroristen tun.

Denen ist weder ihr eigenes Leben irgendetwas wert, noch das Leben von Zivilisten, die sich zufaellig in ihrer Naehe befinden. Auch wenn die Zivilisten ihre eigenen Leute sind. Gar nicht selten werden sie sogar als Schutzschilde verwendet. Die hauptsaechlichen Opfer von islamistischen Fanatikern sind Moslems. DAS ist Hass.

Djuli Murti
 
11
21.10.2011, 18:54
Wenn man wissen will was Hass ist, dann muss man sich nur Ihre Worte durchlesen.

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