Die Welt ist eine Scheibe

19. Oktober 2011, 22:09
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Der "Geek" als kluger Bücherwurm gehört an den Schreibtisch? Ungewöhnliche Sportarten, von ebenjenen Geeks erfunden, beweisen das Gegenteil. Warum Ultimate Frisbee zu den beliebtesten gehört, weiß Fabian Kretschmer nach einem USI-Kurs-Besuch.

"Mir war gar nicht bewusst, dass Frisbeespielen ein richtiger Sport ist", erzählt Theresa - doch wegen der Überredungs- künste ihrer Mitbewohnerin steht sie nun hier, in Sportbekleidung am Spielfeld des Unisportzentrums auf der Schmelz. Neben der Ernährungswissenschaftsstudentin Theresa haben sich noch rund 50 weitere junge Leute an diesem Montagabend eingefunden. Vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen wollen alle heute der runden Scheibe hinterherrennen - und zwar beim Ultimate Frisbee, einer Mischung aus Fußball und Outdoor-Basketball mit einer Prise Rugby. Was hierzulande noch ziemlich exotisch klingt und für Staunen sorgt, ist weltweit zu einer der am schnellsten wachsenden Sportarten herangereift. In mehr als 42 Ländern wird der Frisbee-Trendsport bereits gespielt. Und auch in Österreich gibt es mittlerweile genügend Gelegenheiten.

"Heute lernen wir erst mal die Vorhand", weist Trainer Holger seinen Anfängerkurs ein: "Auf den Schwung kommt es an - wie beim Tennis." Seit über zehn Jahren leitet Holger bereits den Ultimate-Kurs am Universitätssportzentrum. Er ist quasi schon ein alter Hase im Ultimate-Spielen. In der ersten Trainingseinheit des Semesters zeigt er seinen Spielern den Powergrip: Vier Finger befinden sich dabei in der Innenseite der Frisbeescheibe, um diese besonders kraftvoll schwingen lassen zu können. Nach einer Handvoll weiterer Erklärungen geht es für seinen Frisbee-Nachwuchs auch schon gleich ans Eingemachte.

Theresa ist noch sichtlich nervös. "Ich kenne die Regeln noch gar nicht", gibt sie zu bedenken. Viele ihrer Würfe gehen am Anfang noch weit ins Abseits, anstatt zu ihrer Trainingspartnerin zu gelangen. Auch mit dem Fangen tut sie sich noch schwer. Das geht so weit, dass sie sich am liebsten einen Helm herbeiwünschen würde. Nur eine halbe Stunde später hat sie bereits im Trainingsspiel für ihre Mannschaft das erste Tor erzielt.

Theresas Befürchtungen waren unbegründet: Ultimate ist gar nicht so kompliziert, wie es auf dem ersten Blick erscheinen mag. Die Regeln sind denkbar einfach: Zu siebt treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Die Spieler werfen sich gegenseitig die Frisbeescheibe zu. Nach dem Fangen hat man zehn Sekunden Zeit, um die Scheibe zum Teamkollegen weiterzupassen. Eine Mannschaft punktet dann, wenn ein Pass erfolgreich in der Torzone des Gegners gefangen wird.

Ende der Sechzigerjahre wurde Ultimate von Studenten auf einem Parkplatz der Columbia High School erfunden. Als sie später auf verschiedene Unis gingen, haben die Ultimate-Erfinder am jeweiligen Campus ihre Sportart mit missionarischem Eifer propagiert. Ziel war es, einen kostengünstigen, relaxten Sport für die weniger athletisch Begabten zu kreieren. Die früher unter Hippies extrem beliebte Sportart hat sich im Laufe der Zeit erheblich professionalisiert - wobei der Spirit der frühen Tage immer noch stets großgeschrieben wird. Im Heimatland des Frisbees gibt es bereits eine "Ultimate Players Association" von rund 30.000 Mitgliedern, und auf Welt- und Europameisterschaften treffen sich regelmäßig die besten Spieler zum Wettbewerb.

Beim letzten europäischen Vereinsturnier nahmen auch die Trainer des USI-Kurses mit ihrer Mannschaft "The Big EZ" für Österreich teil - und belegten immerhin den neunzehnten von vierundzwanzig Plätzen. Besser sind zurzeit die Schweizer, die sich heuer zum zweiten Mal den Titel in Folge holten.

Der Frisbee als militärische Waffe

Den Frisbee selbst gibt es bereits seit Ende der 50er. Seine Entstehungsgeschichte geht auf eine kleine Legende zurück: Seit 1871 verkaufte die "Frisbee Pie Company" an der Ostküste der USA Kuchen und Torten. Irgendwann begannen gelangweilte Großstadtkids, die Kuchenbleche aus dem Müll zu kramen und sich gegenseitig zuzuwerfen - und waren erstaunt, wie geschmeidig das Blech durch die Lüfte fliegt. Als Fredrick Morrison 1957 das Sportgerät professionell vermarktete, machte er das Geschäft seines Lebens. Das runde "Flugobjekt" passte damals perfekt in die amerikanische Ufo-Hysterie. Mittlerweile ist die Frisbeescheibe aus keiner Parkwiese der Welt mehr wegzudenken. Besonders skurril: 1968 schlug Erfinder Morrison dem US Militär vor, die Frisbeescheibe in eine Waffe umzubauen. Für das Forschungsprojekt wurden 400.000 Dollar ausgegeben, bis es schließlich nach einem Jahr eingestellt wurde.

Die fairste Sportart der Welt

Zurück zum USI-Spielfeld: Wer dem Spielgeschehen des Fortgeschrittenenkurses zuschaut, kann sehen, was die Faszination von Ultimate ausmacht: Rasanz, Dynamik und die Ästhetik der Flugkurven. Dem Wirtschaftsinformatiker Matthias, der schon seit zwei Jahren beim USI-Kurs dabei ist, gefällt besonders der Fair-Play-Aspekt des Sports: "Es gibt keinen Schiedsrichter - wir regeln alles unter uns." Deshalb gilt Ultimate auch als die fairste Sportart der Welt. Trainer Holger sieht das genauso: "Unschöne Szenen gibt es bei uns nicht. Höchstens, wenn ein Spieler die Freundin von jemand anderem ausspannt, aber das ist eine andere Geschichte", fügt er mit einem Lächeln hinzu.

Und es kommt zum Probefall: Theresa fängt die Frisbeescheibe an der Torzone - doch es ist nicht klar, ob sie sich mit ihren Beinen während des Fangens innerhalb oder außerhalb befand. Eine Millimeter-Entscheidung und kein Schiedsrichter, der den Spielern helfen könnte. Doch anstatt lange herumzudiskutieren, zeigt Theresa selbst das Foul an - Ehrensache für einen Ultimate-Spieler. Was bei anderen Sportarten schnell zu handfesten Auseinandersetzungen ausarten kann, wird hier ganz elegant geregelt.

Nicht nur extrem fair geht es bei Ultimate zu - auch konditionell besonders anstrengend. Schon nach zwanzig Minuten fließt der Schweiß bächeweise von den Körpern der Spieler. Alle paar Minuten wird daher mit einem Auswechselspieler getauscht. Den Spielstand wissen die meisten Spieler gar nicht so genau. Es geht mehr um den Spaß an der Sache. Das Endergebnis ist zweitrangig.

Um Punkt elf Uhr dreht der Platzwart schließlich das Flutlicht auf dem Sportplatz an der Schmelz ab. Nur mit Widerwillen räumen die Spieler das Feld. Einige bleiben noch und unterhalten sich. Allen steht neben dem Schweiß ein euphorisches Lächeln nach der körperlichen Ertüchtigung ins Gesicht geschrieben. Nur einem nicht: "Immer diese Frisbee-Spieler", beschwert sich der Platzwart aus sicherer Entfernung über das Getümmel am Sportplatz: "Das sind immer die Letzten!" (Fabian Kretschmer, PASST, DER STANDARD Printausgabe 20.10.2011)

 

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