Wiederkehr eines Wunders

19. Oktober 2011, 20:16
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Theodor Tomandl und Wolfgang Schüssel basteln wieder eine Pensionreform

Das Blitzlichtgewitter hat sich verzogen. Ein kurzes Posieren reicht, schon ist der einzige Fotograf befriedigt. Anstatt barocker Prunkräume im Kanzleramt tut es jetzt ein Hinterzimmer im Café Landtmann.

Vor zehn Jahren haben Theodor Tomandl und Wolfgang Schüssel die Republik noch in Aufruhr versetzt. Der eine, Leiter einer Expertenkommission, hatte eine Pensionsreform (mit)entworfen, die der andere als Kanzler durchdrückte. Die wütenden Proteste ("Pensionsraub") brachten die gemeinsame Überzeugung nicht ins Wanken. "Ich bin hier, um den Professor Tomandl ein bissl lobzupreisen", sagt Schüssel. Retour kommt ein Dank "im Namen aller, denen die Nachhaltigkeit des Pensionssystems am Herzen liegt".

Anlass der Reminiszenzen ist ein neues Buch, auf dessen Cover eine Lunte an einem rot-weiß-roten Sparschwein glimmt. "Ernst" sei die Lage des Pensionssystems, sagt Tomandl, aber "beherrschbar", wenn die Politik rasch handelt und den Bürgern "vertretbare Opfer" abverlangt. Um den Kostenanstieg zu stoppen, setzt der Sozialrechtler nicht nur auf ein höheres Pensionsantrittsalter. Abstriche seien auch bei Neupensionen (bis zu 3,5 Prozent minus) und Pensionserhöhungen (unter der Inflationsrate) nötig.

Weitere Empfehlung: Ein Mechanismus, der das Antrittsalter an die Lebenserwartung koppelt. Laut Modell müssten die Österreicher 2050 dann bis ins Alter von 71,4 Jahren arbeiten, um die volle Pension bezahlt zu bekommen.

Warum die schwarz-blaue Reform nicht gereicht hat? "Ich habe meinen Teil probiert", sagt Schüssel, doch leider sei manches zurückgenommen und sinnentfremdet worden. Die "Hackler"-Frühpension - für Tomandl der "absolute Hammer" - habe man etwa als Übergangsregelung konzipiert, um Verfassungsbedenken auszuräumen. Hätte die Politik das Modell nicht perpetuiert und ausgebaut, glaubt Schüssel, hätte man sich spätere "Sparpakete erspart".

Ein "österreichisches Wunder" sei aber geglückt: Das Aus für die Beamtenpensionen, das laut Tomandls Zahlen Milliarden bringt - und das "ohne eine Sekunde Streik", sagt Schüssel. "Entgegen den Gerüchten habe ich die Sozialpartner nicht entmachtet, sondern mit ihnen verhandelt."(Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

Theodor Tomandl: "Wie sicher sind unsere Pensionen?", Braumüller-Verlag, 128 Seiten, 19,90 Euro

  • Experte Tomandl, Ex-Kanzler Schüssel: Politik müsse "vertretbare Opfer" einfordern.
    foto: standard/fischer

    Experte Tomandl, Ex-Kanzler Schüssel: Politik müsse "vertretbare Opfer" einfordern.

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