Die Welt geht unter

20. Oktober 2011, 17:34
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Das US-Duo Peter Wolf Crier hat auf "Garden Of Arms" den Folk hinter sich gelassen und entdeckt das lebensmüde Pathos Radioheads und Thom Yorkes

Die Hundertschaften US-amerikanischer Acts und Bands, die sich seit Jahren darum bemühen, dem Ende zukunftsverheißender Visionen in der Musik das Modell des Rückzugs entgegenzustellen, sind zwischen Acts wie Fleet Foxes, Iron & Wine, Joanna Newsom, Vetiver, Bon Iver, Port O'Brien, zum Teil Grizzly Bear oder High Places und, und, und leidlich bekannt. Irgendwann hat man sich offensichtlich dazu entschlossen, zurück zu Mutter Natur zu trampen und dort im friedlichen Kommunitarismus nicht nur dem selbstverwalteten Ackerbau, sondern auch der Produktion ehrlicher, einfacher Musik nachzugehen.

Akustische Instrumente, lange Bärte, Lagerhaus- und Humanamode, Hippieidyllen im Stile Crosby, Stills, Nash & Youngs. Vor allem Letztgenannter in seiner akustischen Ausformung dient hier immer noch beziehungsweise aktuell wieder als Hausheiliger. Wenn alles schrecklich kompliziert und verwirrend wird und jetzt also doch noch das amerikanische Imperium und dessen letzter Heilsverkünder in Washington auf der Wall Street in New York untergehen, besinnt man sich eben gern auf die Konstruktion der "Ehrlichkeit" und "Wahrhaftigkeit". Das geht nur über die Hilfsbrücke der Flucht. Verlass die Stadt.

Auch das medial weniger beachtete US-Duo Peter Wolf Crier ist diesen Weg 2010 auf seinem Debüt Inter-Be teilweise gegangen. Zivilisationsmüde, vom Folk kommende Songs, mit zartem Bitterschmelz auf der Gesangsstimme und ehrlichem Heimwerkerethos bezüglich Produktion und minimalistischer Zweierbesetzung ließen dennoch darauf hoffen, dass bei Peter Wolf Crier künftig mehr zu holen ist. Songwriter Peter Pisano und Schlagzeuger Brian Moen haben diese Erwartungen nun wiederum auf dem renommierten Label Jagjaguwar mit der Songsammlung Garden Of Arms erfüllt.

Das liegt zum einen daran, dass nun "elektrischer" gearbeitet wird und Pisano neben krude abgemischten, brachialen Bluesrock-Gitarren und Choreffekten auch das große, mit erstickter Stimme vorgetragene Melodrama eines Thom Yorke von Radiohead und dessen Pathos und Wehmut entdeckt hat. Zum anderen kommt hinzu, dass das Schlagzeug ungemein wuchtig in der Hallkammer wütet, Klavierakkorde dazwischen gehackt werden - und die Zartheit und Verletzlichkeit der Songs dennoch unangetastet bleiben. Speziell der Song Haunt You und dessen vertrackt rumpelnder, mit Loops konterkarierter Rhythmus, über dem auf Klavierbasis diverse Gitarreneffekte zirpen, bevor das Stück unvermittelt abbricht, könnten eins zu eins auch von aktuelleren Alben Radioheads stammen.

Die Grundstimmung bei Peter Wolf Crier ist 2011 mit einer bis an den Rand der Erträglichkeit getriebenen Gefühligkeit beschreibbar. Sie macht zwar in den Liedern im entscheidenden Moment rechtzeitig halt vor dem emotionalen Zusammenbruch, diese konsequent wieder und wieder aufgebauten Spannungsbögen ermöglichen Peter Pisano am Ende aber, in den drei abschließenden Songs von Garden Of Arms jenes Gefühl der Ausweglosigkeit zu verbreiten, welches mit Trauergesängen in Never Meant To Love You nur unzureichend charakterisiert wird. Die CD endet mit Wheel. Der Gesang nähert sich Walgesängen an, der Rhythmus des Herzschlags verhallt leise in den Tiefen der Meere. Dort unten am Grund liegen versunkene Zivilisationen. Unmöglich, Visionen zu haben, wenn die Luft nicht einmal zum Atmen reicht. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2011)

Peter Wolf Crier: "Garden Of Arms" (Jagjaguwar/Trost)

  • Schlagzeuger Brian Moen (stehend) und Songwriter Peter Pisano alias Peter Wolf Crier.
    foto: jagjaguwar

    Schlagzeuger Brian Moen (stehend) und Songwriter Peter Pisano alias Peter Wolf Crier.

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