Der Memphis-Dandy

20. Oktober 2011, 17:27
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"Behind The Magnolia Curtain", das Debüt von Tav Falco's Panther Burns: Memphis-Boheme zur Zeit des Punk

Tav Falco ist ein Verführer, ein Besessener seiner Mission. Die Mission des als Gustavo Antonio Falco im Umland von Memphis, Tennessee, aufgewachsenen Musikers ist Rock 'n' Roll. Als dieser einzig ernstzunehmende Falco in den frühen 1970ern nach Memphis gezogen war, fielen für ihn die Würfel. Er filmte und fotografierte die regionale Musikszene, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er, von seinen Sujets verführt, selbst zur Gitarre greifen würde. Einer seiner Wegbegleiter wurde Alex Chilton, der Falcos Stil wesentlich beeinflusste, immer wieder mit ihm spielte und einige seiner Alben produzierte.

Falco gründete die Band Tav Falco's Panther Burns und war mit den Cramps einer der ersten, der in der Zeitrechnung nach Punk ein entsprechendes Rock-'n'-Roll-Revival anführte. Nun wurde das Album Behind The Magnolia Curtain (1981) als erstes einer Reihe von Wiederveröffentlichungen neu aufgelegt. Schon darauf zeigte sich, dass Tav Falco nicht bloß nachspielte; er ist ein Nachempfinder, ein Weiterführer, der den ruralen Wahnsinn eines Charlie Feathers um Zutaten der europäischen Bohème anreicherte, die den jungen Mann mit dem Charlie-Chaplin-Bart faszinierten.

Und so spielte er auch: Wie ein Tramp, der durch das Universum des frühen Rock 'n' Roll streunt, keinen Drink ablehnt, keine Abbiegung fürchtet, jede Warnung als Empfehlung versteht. Das förderte eine prächtige Bastard-Musik zutage, die drei Jahrzehnte später noch denselben ramponierten Charme besitzt wie in ihrem Geburtsjahr: Am Snake Drive übertönen Dschungel-Getrommel und Lärm-Gitarre das Geschrei gestohlener Jungfrauen, Snatch It Back fährt beinahe aus der Kurve, der Bourgeois Blues wird Richtung Hardcore gedeutet und bedürfte dringend einer Entgiftung, Hey High School Baby beschwört ungesundes Verlangen und Teen-Angst, Ary Barrosos Klassiker Brazil jagt die Serpentinen eines Berges hinunter, ohne dass Falco das Halstuch verrutscht. Nicht nur der Tod ist ein Dandy, auch Drei-Wetter-Tav: Der Sitz der Haare ist bedeutender als ein sauberer Ton, die glänzenden Gamaschen gepflegter als so manche Freundschaft. Tav Falco machte mit Panther Burns eine kleine, bis heute anhaltende Weltkarriere, seit Jahren lebt er in Wien.

Behind The Magnolia Curtain ist ein enigmatisches Meisterwerk aus einer Schattenwelt, aus einer vergangenen Ära, in der ein paar Tunichtgute taten, was sie tun mussten. Das umfangreiches Booklet erleuchtet diese Zeit, ohne ihre Geheimnisse preiszugeben. Seltsam? Aber so steht es geschrieben ...  (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2011) 

Tav Falco's Panther Burns: "Behind The Magnolia Curtain" (Hoanzl)

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    foto: hoanzl
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