Die Forderung "Bildung für alle, und das umsonst" steht in seltsamem Kontrast zur Relevanz des universitär vermittelten Wissens: Skeptische Anmerkungen eines Jungakademikers zum "Gütesiegel Hochschulabschluss" - Von Dominik Barta
Da die Debatte um Studiengebühren an österreichischen Universitäten in ein weiteres Semester tritt, liegt mir daran, an einen grundsätzlichen Sachverhalt zu erinnern, der - wie mir scheint - von sämtlichen Streitparteien beharrlich übersehen wird: Die Universität als spezifisches, historisch gewachsenes Institut europäischer Bildung und Ausbildung ist ihrem Wesen nach elitär und hat diesen elitären Charakter auch nie bestritten oder abgelegt.
Die universitären Mechanismen der Initiation (Aufnahmebedingungen) sind seit jeher darauf ausgerichtet, aus "den Vielen" eine verschworene Gruppe auszusieben, die hinfort ihren Lebensunterhalt damit bestreiten möge, den Begriff des Wissens (über Gott, das Recht, den Körper, die Schönheit...) zu verwalten. Die Bildung, die das universitäre System seinen Schützlingen angedeihen lässt, ist niemals interesselos, sondern dient dem Selbsterhalt der hierarchischen Verwaltung des Wissens. Sie garantiert die universitäre Definitionshoheit über die Objektivität und den Glauben (die "illusio" ) an das Gütesiegel: "akademisch geprüft" .
Insofern stellt die sozialpolitische Forderung nach universitärer Bildung "für alle" (und zwar umsonst) ein merkwürdiges Paradoxon dar, das sich ungefähr so darstellen lässt: Zwar sollten alle an der Verwaltung des Wissens teilhaben dürfen, doch sollte dabei der besondere (akademische, esoterische) Charakter des Wissens erhalten bleiben.
Wie paradox das ist, zeigt schon ein Blick auf den Alltag: Die Ernüchterung vieler junger Akademiker entspringt der Konfrontation eines universitär genährten Glaubens, dass das angeeignete Wissen etwas Besonderes wäre, zu gut bezahlten Jobs und einem bürgerlichen Lebensstil (Wohnung, Auto, Urlaub) verhelfe, mit der herben Wirklichkeit, dass dieses Wissen vielfach längst demokratisch verfügbare Massenware ist und daher keineswegs notwendigerweise zu sozialem Aufstieg und ökonomisch abgesichertem Wohlergehen führt.
Ich denke, es gibt zwei Ansätze, das Paradoxon zu lösen: Der erste besteht darin, den elitären Charakter des universitären Wissens zu erhalten, aber auf gerechte Aufnahmebedingungen zu achten, d. h. zu gewährleisten, dass prinzipiell jeder, unabhängig vom symbolischen oder ökonomischen Kapital seiner Herkunft, in den erlauchten Kreis potenzieller akademischer Würdenträger eintreten kann. Spätestens an dieser Stelle eröffnet sich jedoch die Frage nach den Parametern, die den Prozess des Aussiebens anleiten sollen. Welches sind die "objektiven Kriterien" , nach denen wir die künftigen Philosophen, Juristen und Mediziner auswählen sollen? Etwa die Schulnoten? (Wäre grundsätzlich schon denkbar, wenn man sich auf die Gerechtigkeit und Güte der Schulausbildung wirklich verlassen könnte - aber kann man das?)
Der zweite, lebensnähere Ansatz, das Paradoxon zu lösen bestünde schlicht in der Aufgabe des Glaubens an die besondere Güte universitären Wissens. In der Tat ist die Definitionshoheit der Universität über die Objektivität keineswegs in Stein gemeißelt. Und die Selbstevaluation der Uni mittels Kriterien, die sie selbst erfunden hat und verwaltet, stellt sicher kein probates Mittel dar, fundamentale Zweifel zu zerstreuen. Die grassierende Arbeitslosigkeit junger Akademiker/innen wäre ein weiteres Indiz für die zunehmende Wertlosigkeit universitären Wissens. Wer garantiert denn, dass heutzutage an den Hochschulen überhaupt noch relevantes Wissen vermittelt wird? Warum also nicht, salopp gesagt, die Institution Universität einfach "vergessen" und sich nach neuen Möglichkeiten umsehen?
Was mich an all den Demos und Kundgebungen der letzten Jahre so erstaunt hat, war vor allem dieser Glaube an das System Universität seitens der Studierenden. Was mich, bei allem revolutionären Furor, mit dem die frustrierte Studentenschaft ihre Protestmärsche und Besetzungen zu inszenieren verstand, so irritierte, war ihr unerschütterlicher Wille, eine so genannte Universität zu haben, durch sogenannte Professoren und Professorinnen geprüft zu werden, so genannte Examina zu bestehen und sogenannte akademische Titel zu erhalten. Der Protest verfing sich ein ums andere Mal nur in der paradoxalen Idee einer Exklusivität für alle. (Dominik Barta, DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)
DOMINIK BARTA (28) studierte in Wien Philosophie und Germanistik, gewann
2009 den Essay-Preis der "Zeit" und promoviert gerade an der
Universität Bonn über Ludwig Wittgenstein.