Würmer vererben langes Leben epigenetisch

19. Oktober 2011, 19:17
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Auch Informationen, die nicht in der DNA gespeichert sind, werden an die nächsten Generationen weitergegeben

Stanford/London/Wien - Gut zehn Jahre nach der Entschlüsselung der menschlichen DNA wird immer offensichtlicher, dass vieles, was unser Leben prägt, nicht nur in den Genen steckt. Nehmen wir die Lebenserwartung: Klar hilft es, wenn uns die Eltern "gute Gene" mitgaben. Aber auch gesunde Ernährung, Rauchen oder andere Umwelteinflüsse tragen mit dazu bei, wie alt wir werden.

Könnte es sein, dass sich die durch besonders gesunde Lebensweise erworbene Langlebigkeit, die also nicht in den Genen steckt, auf die Nachkommen übertragen lassen? Alle Vertreter der "modernen Evolutionstheorie" würden die Möglichkeit einer solche Vererbung erworbener Eigenschaften strikt ablehnen - was freilich nicht immer so war.

Der Erste, der solches behauptete, war der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck: Er ging vor über 200 Jahren in seiner Evolutionstheorie davon aus, dass die Vererbung erworbener Eigenschaften die Artenvielfalt begründete: Giraffen zum Beispiel hätten ursprünglich normale Hälse gehabt und ihre langen Hälse nur durch das Strecken nach Futter in Baumkronen erhalten. Der lange Hals sei dann vererbt worden. Charles Darwin hielt mehr als 50 Jahre auch noch an ähnlichen Ansichten fest. Doch als es dann in den 1930er-Jahren gelang, Darwins Selektionstheorie mit Mendels Vererbungslehre zu verbinden, war es vorbei mit solchen lamarckistischen Theorien.

Die scheinen seit gut zehn Jahren mit der Entdeckung "epigenetischer" Mechanismen nun aber wieder ein gewisses Revival zu erleben. "Epi" bedeutet im Griechischen "nach", "hinterher", oder "zusätzlich". Epigenetisch sind demnach alle Vorgänge in einer Zelle, die "zusätzlich" zu jenen in den Genen und der DNA stattfinden. So kann man zum Beispiel bei Fadenwürmern die Regulatoren des Chromatin (das Material, aus dem Chromosomen bestehen) so verändern, dass drei Proteine anders exprimiert werden - wodurch sich wiederum die Lebenserwartung der Tiere um 30 Prozent erhöht.

Die Vererbung solcher epigenetischer Prägungen auf die nächste Generation konnte bislang freilich erst in relativ wenigen Fällen dokumentiert werden. Und noch rarer sind jene Fälle, die eine solche Weitergabe über mehrere Generationen zeigten. Doch genau das ist nun einem Team um Anne Brunet von der Universität Stanford in Kalifornien mit den besagten Fadenwürmen gelungen.

Brunet und ihre Kollegen züchteten nämlich Nachkommen der langlebigen Würmer, die diese Modifikationen des Chromatins absichtlich nicht mehr hatten. Und obwohl dieser Nachwuchs der ersten und zweiten Generation die drei Proteine auf normale Weise exprimierten, lebten sie dennoch länger als normale Würmer. Die Langlebigkeit hatte sich also zum Teil bis in die dritte Generation vererbt, wie die Forscher in "Nature" (online) berichten.

Wie indes die "epigenetische Erinnerung" der Langlebigkeit funktioniert und ob es sie auch bei Säugetieren gibt, das weiß auch Anne Brunet (noch) nicht. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 10. 2011)

  • Nachkommen von Fadenwürmern, die epigenetisch auf Langlebigkeit getrimmt
 wurden, leben zum Teil noch in der dritten Generation länger als ihre 
normalen Kollegen. 
    foto: p. phillips

    Nachkommen von Fadenwürmern, die epigenetisch auf Langlebigkeit getrimmt wurden, leben zum Teil noch in der dritten Generation länger als ihre normalen Kollegen. 

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