Einen PR-Erfolg kann auch er gut brauchen
Auch in der Hamas hat der Shalit-Deal - die Freilassung von 1027 palästinensischen Häftlingen für einen israelischen Soldaten, Gilad Shalit - mehrere Väter, aber Ismail Haniyeh ist derjenige, der im Gazastreifen direkt den Jubel und das Lob kassieren kann. Man mag es dem Hamas-Regierungschef nicht vergönnen, aber er kann den Popularitätsschub gut gebrauchen. Denn es ist keineswegs so, dass die Gazianer allesamt begeistert hinnehmen, welches Leben ihnen von der Hamas zugemutet wird.
Außerdem ist Haniyeh wie ja auch die ganze Hamas im Gazastreifen längst unter Druck noch viel radikalerer Kräfte - die auch Ägypten auf dem Sinai zu schaffen machen. In diesem Sinn ist der Deal, auch wenn Politbürochef Khalid Meshal mitgemacht hat, die Stunde der Gemäßigten - dass Meshal von Damaskus in Syrien, wo das Assad-Regime die sunnitischen Glaubensbrüder der Hamas niedermacht, nach Kairo übersiedeln soll, steht übrigens auch im Raum.
Haniyeh galt früher als der Hamas-Vertreter, der als Gesprächspartner für Israel am ehesten infrage kam. Als Verbindungsmann der Hamas zur Fatah hatte er sich den Ruf eines Pragmatikers und Mannes von Wort erworben. Dementsprechend schädigte ihn 2006, nach dem Wahlsieg der Hamas, die totale Ablehnung des Westens und 2007 der Bruch mit der Fatah und stärkte das radikalere Lager in der Hamas.
1963 im Flüchtlingslager Shati im Gazastreifen geboren, in eine Familie, die 1948 aus ihrem Dorf bei Ashkelon in Israel geflohen war, besuchte Haniyeh Uno-Schulen und die Universität Gaza, gleichzeitig war er politisch aktiv. Es war die Zeit der ersten Intifada - die im Gazastreifen ihren Ausgang nahm - und der Hamas-Gründung. Haniyeh wurde verhaftet und nach drei Jahren 1992 gemeinsam mit etwa 400 anderen Palästinensern von Israel in den damals noch israelisch besetzten Südlibanon deportiert.
1993 kehrte er, als Folge des Oslo-Friedensprozesses, heim, war zuerst Dekan der Islamischen Universität, ab 1994 für die Hamas-Kontakte zu Yassir Arafat zuständig und später Bürochef des 1997 von Israel aus der Haft entlassenen Sheikhs Ahmed Yassin. Nach dessen "Liquidierung" durch Israel 2004 rückte er an die Hamas-Spitze auf. Haniyeh ist auch heute noch beliebt, gilt er doch als ehrlich und bescheiden - vor allem im Vergleich mit den korrupten Fatah-Exilanten, die sich nach ihrer Ankunft im Gazastreifen 1993 zu allererst ihre Bonzenvillen bauten. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)