Gesucht: Schlüssel zum Mittelpunkt der Welt

19. Oktober 2011, 18:46
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Richard Ayoades vergnügliches Coming-of-Age-Drama "Submarine"

Flehend blickt der Junge in der dunkelblauen Schuluniform herauf zu dem Mädchen, das ihn von der Mauer herab wortlos kritisch mustert. Er hat sie verletzt. Jetzt sitzt sie neben einem anderen, großspurig grinsenden Jungen. Er sagt: "Das ist der Moment, an dem du ihn verlässt und mit mir kommst." Sie fragt zurück: "Ist das so?" In Richard Ayoades Submarine stolpert der 15-jährige Oliver Tate (Craig Roberts) eigentlich andauernd darüber, dass er seine Wünsche und Ängste in Filmklischees verpackt, die mit seiner Realität wenig zu tun haben.

"Was für eine Art von Person bin ich?", lautet das Thema für einen Aufsatz im Englischunterricht. Oliver beantwortet sie, indem er vor seinem inneren Auge eine Reportage im 16-mm-Format abspult über die schockierte Trauer, die unter seinen Mitschülern (und in ganz Wales) ausbricht, als sie von seinem Tod erfahren. Viel mehr als ein gestammeltes "Er war ... es ist so ein Verlust" bekommen die ausgedachten Freunde allerdings auch nicht zustande.

Seine Eltern hatten seit vielen Monaten keinen Sex mehr (was Oliver sorgfältig notiert), er hat noch nie welchen gehabt. Beides soll sich ändern, möglichst noch vor seinem nächsten Geburtstag. Leider interessieren sich die Mädchen in seiner Klasse nicht für einen, der zum Zeitvertreib Fremdwörter sammelt, französische Chansons hört und gerade eine Hutphase hinter sich hat.

Wie die meisten Coming-of-Age-Filme handelt Submarine vor allem vom Missverhältnis zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Pubertät: Man weiß ganz sicher, dass man der Mittelpunkt einer aufregenden Welt ist. Nur den Schlüssel zu dieser hat man gerade verlegt. Dass man von seinem eigenen Leben ausgeschlossen ist, macht man durch Selbstgerechtigkeit, Besserwissertum und Überforderung wieder wett. Das kann nach hinten losgehen. Oliver versucht zugleich, das einzige Mädchen seiner Klasse, das so unbeliebt ist wie er selbst, ins Bett zu kriegen und die Ehe seiner Eltern zu retten, die verschroben sind wie er selbst, aber nicht so sehr wie der neue Nachbar, ein New-Wave-Guru, der sich als ehemalige Jugendliebe von Olivers Mutter herausstellt.

Vor seinem Filmdebüt war Ayoade bekannt als Schauspieler, Comedian und Regisseur von Musikvideos. Die popkulturelle Sozialisation hat im Film deutliche Spuren hinterlassen: Hier ein Verweis auf Godard, dort auf Nicolas Roeg, dazu eine Prise Harold and Maude. Submarine, und das bereitet einiges Vergnügen, ist ein Film, der in jedem Moment genau weiß, wie er seine Zuschauer mit seinen nicht immer liebenswürdigen Figuren versöhnen kann.

Aber - und das ist der Moment, an dem ein kritischer Einwand formuliert werden muss - ausgestellte Smartness alleine kann einen auch etwas ratlos zurücklassen, vor allem, wenn der Film die potenziell wahren Dramen (Ehebruch, Hirntumor) letztendlich am fernen Horizont, im Blick übers Meer watteweich abfedert. (Dietmar Kammerer / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

21. 10., Metro, 18.30; 24. 10., Gartenbau, 15.30

  • Ein Außenseiter, der Begleitung sucht: Oliver (Craig Roberts) und Jordana (Yasmin Paige) in "Submarine".
    foto: viennale

    Ein Außenseiter, der Begleitung sucht: Oliver (Craig Roberts) und Jordana (Yasmin Paige) in "Submarine".

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