Wir konsumieren uns zu Tode

Interview |
  • Wir konsumieren uns zu Tode: Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen ist im Westend-Verlag erschienen.
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    Wir konsumieren uns zu Tode: Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen ist im Westend-Verlag erschienen.

  • Armin Reller will die Neugier bei den Konsumenten wecken, auf dass sie kluge Kaufentscheidungen treffen.
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    Armin Reller will die Neugier bei den Konsumenten wecken, auf dass sie kluge Kaufentscheidungen treffen.

Wir können uns unseren Lebensstil nur auf Kosten anderer leisten, warum sich das nicht mehr lange ausgehen wird, erzählt Armin Reller

Wir können uns unseren Lebensstil nur auf Kosten anderer leisten. Das ist bekannt. Weniger genau wissen wir, inwieweit sich die Produktion von Handys oder Kugelschreibern unmittelbar auf Kinderarbeit, kippende Gewässer und Versteppung ganzer Landstriche auswirkt. Ob Zucker, Wasser oder Kupfer - wir nutzen und benutzen diese "Stoffe" täglich, aber über ihre physische Realität, ihre Herkunft, ihre Geschichte, ihre Zukunft wissen wir wenig. Mit ihnen verbunden sind aber Fragen nach Gerechtigkeit und Verantwortung, Energieverbrauch und Wirtschaftlichkeit, sagen Armin Reller und Heike Holdinghausen. Sie erzählen in dem Buch "Wir konsumieren uns zu Tode" anhand von Stoffgeschichten und -kreisläufen, woher Ressourcen wie etwa Coltan oder Baumwolle kommen, wofür wir sie verwenden beziehungsweise verschwenden. Warum er dieses Buch geschrieben hat, erzählt Armin Reller im Interview.

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derStandard.at: Konsumieren ist ja fast zur Bürgerpflicht geworden, gerade jetzt in der Krise. Nun kommen Sie mit Ihrem Buch und sagen uns, wir konsumieren uns zu Tode. Was tun?

Armin Reller: Das konsumieren, von dem wir wissen, dass wir uns dabei nicht zu Tode konsumieren.

derStandard.at: Sie durchforsten unseren gesamten Lebensstil von der Mobilität über die Kommunikation bis zur Ernährung. Bleibt da viel übrig?

Reller: Es sieht ein bisschen eng aus. Und es ist natürlich auch auf eine gewisse Weise eng. Denn so wie wir können vielleicht fünf Prozent der Weltbevölkerung konsumieren.

derStandard.at: Sind es die aufstrebenden Volkswirtschaften, die dafür sorgen, dass es eng wird?

Reller: Ja. Diese Menschen stellen jetzt den Anspruch, auch ein materiell besseres Leben zu führen. Aber ich möchte eigentlich nicht den Zeigefinger drohend hochhalten. Es ist nur so, dass wir uns bislang um nichts außer um den Preis kümmern mussten. Aber hinter den Produkten, die wir so täglich zu uns oder in die Hand nehmen, stecken unheimlich viele Geschichten.

derStandard.at: Vielfach ist vermutlich auch der Preis irreführend oder?

Reller: Ganz genau. Der Preis erzählt keine Wahrheiten. Und vor allem: Wenn der Konsument etwas kauft, erwirbt er auch ein Recht, zu wissen, was er kauft.

derStandard.at: Sind wir davon nicht meilenweit entfernt?

Reller: Ja, aber das hat sehr viel zu tun damit, dass wir die Geschichten unserer Produkte überhaupt nicht kennen. Nicht kennen können, weil sie überhaupt nicht bekannt gegeben werden. Das wäre für mich eine Grundforderung. Ich will wissen und folglich auch mündig werden. Ich will als Konsument selbst entscheiden können, ob ich an einer Stoffgeschichte oder an einer Produktgeschichte teilhaben will. Ich möchte auch wissen, wer daran beteiligt ist, dass das Produkt entstehen kann. Zum Beispiel von der Mine, wo die notwendigen Rohstoffe abgebaut werden, bis zu einem Handy, mit dem ich dann kommuniziere. Vielen von den beteiligten Leuten geht es schlecht und wir wissen gar nichts davon. In diesem Sinne können wir auch nicht aktiv eingreifen und unser Konsumverhalten so gestalten, dass auch auf die Produzenten ein gewisser Druck entsteht, und dass nicht nur die wirtschaftlichen Vorteile eine Rolle spielen. Bei den Nahrungsmitteln achtet man mittlerweile auf Regionalität, vielleicht sogar auf ökologische Zusammenhänge. Jetzt gibt es eine Riesendiskussion um die Ablaufdaten. Mit ihnen hat man den Konsumenten die Kritikfähigkeit genommen und gesagt, ihr müsst nur auf die Zahlen gucken und euch nicht auf den Geschmack verlassen.

derStandard.at: Das hat uns Berge von weggeworfenen Lebensmitteln beschert.

Reller: Ein Drittel der Nahrungsmittel geht so weg. Das ist eigentlich recht zynisch, wenn man bedenkt, wie viele Menschen ihr Leben mit noch viel schlechteren Nahrungsmitteln fristen. Wenn die Nahrungsmittelpreise steigen, wird dieser Zusammenhang völlig ausgeblendet. Jetzt leisten wir es uns noch, Treibstoff gegen Nahrungsmittel über die Preise zu regulieren. Da sind wir relativ weit in eine Entwicklung gekommen, die mir sehr, sehr schwierig erscheint.

derStandard.at: Wo sehen Sie die größten Fehlentwicklungen?

Reller: Eine Entwicklung, die ziemlich ungesteuert daherkommt, hat mit dem Geldsystem zu tun. Geld hat eigentlich keine Geschichte und Sie können mit dem Geld Tauschgeschäfte machen, die vielleicht gerecht sind, vielleicht aber auch nicht. Der Preis, den wir zahlen, spiegelt den Wert dieses Produkts nicht wider. Das ist auch nur möglich, weil entlang dieser Wertschöpfungsketten sehr unterschiedliche Lebensbedingungen herrschen hinsichtlich der Leute, die daran arbeiten und verdienen. Wenn Sie Bananen betrachten, die zum Beispiel aus Afrika kommen, haben Sie am Anfang der Geschichte, auf dem Feld, sehr schwierige Bedingungen. Dann haben Sie viele Transporte, die viel zu billig sind, weil die Energie dafür zu billig ist. Im Geschäft kaufen Sie dann ein Kilogramm Bananen, das viel billiger ist, als ein Kilogramm Äpfel. Die Entwicklung, dass Geld als Zahlungsmittel beliebig eingesetzt werden, und dementsprechend auch zu Blasenbildung führen kann oder eben auch zu erbärmlichen Lohnkonstrukten, ist sicher schwer kontrollierbar.

derStandard.at: Man kann diese Entwicklungen ja nicht rückgängig machen. Gibt es mögliche Auswege?

Reller: Man muss die Konsumenten neugierig machen. Der Hersteller soll also zum Beispiel auf seiner Homepage nachvollziehbar machen, wie genau in welchen Ländern und unter welchen Bedingungen ein Produkt entsteht. Das wissen die meisten Verkäufer in den Läden auch nicht. Wenn man Transparenz in diese Geschichten bringt, ist schon ein erster ganz kleiner Schritt geschehen. Die Dynamik der Produktentwicklung ist so hoch geworden, dass auch die Produzenten selbst nicht mehr genau wissen, was in ihren Produkten steckt. Da entgleitet uns die Wirtschaftsform, die wir pflegen.

derStandard.at: Hat uns diese arbeitsteilige Wirtschaft nicht auch viel Wohlstand gebracht?

Reller: Doch. Aber die Geldwirtschaft ist ja eigentlich abgekoppelt von der physischen Wirtschaft. Wenn Sie jetzt Gold kaufen, kaufen Sie eine Chimäre, denn im Moment wird fünfmal mehr Gold in Wertpapieren gehandelt, als physisch vorhanden ist. Das zieht sich durch und betrifft zum Beispiel auch den Weizen- oder Kakao-Preis, die Baumwolle oder Metalle. Das bedeutet auch ein hohes Risiko, weil wir in eine Nebelzone hineinfahren, in dem Sinn, dass wir überhaupt nicht mehr wissen, was wir von dieser Erde verbrauchen. Die Gefahr, dass wir den Weg nicht mehr zurückfinden, ist groß. Denn im Moment ist es ja auch so, dass wir recyclingmäßig noch nicht konkurrenzfähig sind, weil das Primärprodukt noch so billig angeboten wird und ständig noch Ressourcen ausgegraben werden.

derStandard.at: Besteht nicht die Gefahr, dass die Transparenz, die Sie fordern, unsere gesamte Ökonomie auf den Kopf stellt?

Reller: Das geht nicht von heute auf Morgen. Teilweise werden Produkte unglaublich schnell ersetzt und die Wirtschaft bricht doch nicht zusammen. Da ist noch eine Menge Luft.

derStandard.at: Es würde reichen, wenn wir uns anstelle der zehn T-Shirts im Jahr nur zwei kaufen?

Reller: Dafür ein bisschen teurere, genau. Wir schauen uns gerade Kosmetik an. Was da weltweit versaut wird, ist unglaublich. Die Wertschöpfung ist hier extrem hoch. Die Wirkstoffe, die sie in Kosmetik kaufen, machen vielleicht fünf Prozent des Preises aus. Der Rest ist Verpackung und Verdienst - also viel Schall und Rauch.

derStandard.at: Deswegen kann sich die Branche so schöne Verpackung und Werbung leisten...

Reller: Ich will jetzt keine Breitseite gegen die Kosmetikindustrie abschießen, das ist alles sehr clever und professionell aufgebaut. Aber um es noch einmal zu sagen, es gibt wirklich genug Luft. Wir wissen ja gar nicht wohin mit all diesen Produkten. Die Abfallberge wachsen. Das ist Verlust. Abfall als solches sollte es gar nicht geben.

derStandard.at: Muss man da als Konsument nicht depressiv werden, bei all den Folgen, die der Konsum zeitigt?

Reller: Eigentlich nicht. Denn spannend ist es ja auch zu wissen, dass man mit seinem Konsumverhalten direkt oder indirekt mit ganz vielen Leuten zu tun hat. Dass man da mitgestalten kann. Depressiv macht einen, glaube ich, dass man sich selbst dabei erwischt, wie unbewusst man durch das Leben stolpert. Wenn wir früh nachvollziehen können und merken, dass der Preis für eine Sache zu hoch ist, müssen wir nicht jede Geschichte physisch nachvollziehen.

derStandard.at: Wenn wir nun aufhören zu konsumieren, tun wir uns vermutlich auch nichts Gutes?

Reller: Ich wollte den Konsumenten klar machen, dass sie ziemlich mächtig sind. Denn das Konsumverhalten entscheidet, welches Geschäft läuft oder nicht. (Regina Bruckner, derStandard.at, 20.10.2011)

Armin Reller ist Professor für Ressourcenstrategie an der Universität Augsburg. Forschungsarbeiten im Bereich der anorganischen und physikalischen Chemie in Zürich, Cambridge, Bangalore und Hannover. Er ist Herausgeber der Reihe Stoffgeschichten.

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