Vom Parlamentarier zum Affen und wieder zurück

19. Oktober 2011, 17:55
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Die Künstlergruppe G.R.A.M. reinszeniert bildgewordene Handgreiflichkeiten in internationalen Parlamenten

Wien - Die Vernunft, heißt es immer so schön, sei es, was den Menschen über das Tier erhebt. Wenn das Tier allerdings mit dem Homo sapiens "durchgeht", hat das nicht immer nur Gründe, die der Evolution dienen - wie etwa Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme. Tierisch (und für Beobachter dabei tierisch komisch) wird es manchmal gerade dort, wo unter Einsatz der Ratio unser aller Zusammenleben geregelt werden sollte: im Parlament.

Noch gut in Erinnerung ist der argumentative Schlagabtausch (mit Eiern, Schirmen, allerlei Hebelgriffen u. v. m.), den der Vertrag mit der russischen Schwarzmeerflotte im April 2010 im ukrainischen Hohen Haus auslöste. Diese Schlaglichter gelebter Demokratie geben herrliche Vorlagen für die fotografischen Reenactments ab, die die Künstlergruppe G.R.A.M. (1987 gegründet von Günther Holler-Schuster, Ronald Walter, Armin Ranner und Martin Behr) seit 1998 durchführt. Denn immer wieder relativieren die Österreicher Ikonen der Pressefotografie, befragen die Aussagekraft der Bildzeugnisse. Für die derzeit in der Galerie König präsentierte Serie Hohes Haus wählten sie zehn solcher bildgewordener Handgreiflichkeiten und stellten sie im Grazer Senatssaal mit Laien nach.

Die Ereignisse stehen dabei allerdings nicht im Vordergrund. Vielmehr kommen in den eingefrorenen Posen Elemente des Slapsticks stärker zum Tragen und arbeiten der Wirkkraft des Originals entgegen, ja lassen sogar die Vorlage mehr wie eine inszenierte Performance erscheinen. Herausgeschält werden im Reenactment aber auch die Figurenkompositionen, die mitunter stark an die Kunstgeschichte, an barocke Meisterwerke wie Caravaggios Kreuzabnahme, erinnern. (kafe / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

Bis 22. 10., Galerie Christine König,  Schleifmühlgasse 1A, 1040 Wien

Am Sa, 22. 10., spricht NR-Mitglied Werner Kogler (Grüne) mit Herwig Höller über Gewaltformen im heimischen Parlament. 12.00

  • 2004 verpasste Lai Ching-teh von der taiwanesischen Regierungspartei dem 
Parlament Chu Hsing-yu im Hohen Haus in Taipeh einen Kinnhaken:  
nachgestellt von G.R.A.M.
    foto: g.r.a.m.

    2004 verpasste Lai Ching-teh von der taiwanesischen Regierungspartei dem Parlament Chu Hsing-yu im Hohen Haus in Taipeh einen Kinnhaken: nachgestellt von G.R.A.M.

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