Ein ganzer Ort wehrt sich gegen die Abschiebung Familie Hasanis

19. Oktober 2011, 19:00
468 Postings

In Neufelden steht eine kosovarische Familie, die seit sieben Jahren im Ort lebt, vor der Abschiebung – Die Gemeinde ist einhellig für den Verbleib der Hasanis

Neufelden/Wien - Es ist, als habe jemand die Uhr um vier Jahre zurückgedreht - oder vielleicht um eineinhalb. Wie Familie Zogaj im Herbst 2007, die Familie des Fußballtalents Bernard Karrica im Frühjahr 2010 und viele weitere Drittstaatangehörige in dem Zeitraum fürchtet sich Familie Hasani im Mühlviertler Neufelden dieser Tage vor einem Abschiebekommando an der Wohnungstür.

"Mir geht es dreckig. Ich kann nicht mehr schlafen. Mir tut vor allem meine Tochter Egzonita leid. Sie ist schon zehn und kann fast überhaupt kein Albanisch. Sie könnte im Kosovo die Sprache gar nicht sprechen", sagt Fikrete Hasani (27). Seit 3. Oktober wissen sie und ihr Mann Perparim (30), dass der Asylgerichtshof ihren Antrag auf internationalen Schutz abgelehnt und ihre Ausweisung verfügt hat.

Zwei Wochen für "freiwillige Ausreise"

Trotz langem Aufenthalt, Unbescholtenheit, Jobzusagen und einer langfristig zur Verfügung stehenden Wohnung sah der zuständige Senatsvorsitzende nicht ausreichend Argumente, um die Ausweisung aus Menschenrechtsgründen für unzulässig zu erklären. Auch, dass drei der vier Kinder in Österreich auf die Welt gekommen sind, ließ ihn nicht zögern. "Die Asylgerichtshof-Senate entscheiden beim Prüfen humanitärer Aufenthaltsgründe derzeit sehr unterschiedlich", kommentiert dies der Wiener Anwalt und Asylexperte Wilfried Embacher. Eine gerechte Bleiberechtslösung könne nur "eine Novelle bringen, die eine neue, flexible Stichtagregelung vorsieht".

Zwei Wochen hatten die Hasanis danach für eine "freiwillige Ausreise" Zeit. Diese sind verstrichen. Vor Kurzem hat Perparim Hasani bei der zuständigen Bezirkshauptmannschaft (BH) Rohrbach einen Antrag auf humanitären Aufenthalt gestellt. Dieser werde derzeit "mit Hochdruck" bearbeitet, bestätigt Valentin Pühringer, Leiter der Sicherheitsabteilung in der BH.

Aufschiebende Wirkung hat ein solcher Antrag jedoch nicht. Daher: "Um die Abschiebung vorzubereiten, haben wir am Dienstag auch das Innenministerium informiert", sagt Valentin Pühringer. Das doppelbödige Vorgehen habe mit der Doppelfunktion jeder BH zu tun, die die lokale Aufenthaltsbehörde und die lokale Fremdenpolizei vereint.

"Menschlich ein Wahnsinn"

In Neufelden herrscht weithin Unverständnis für diese verfahrene fremdenrechtliche Situation. "Was da passiert, ist menschlich ein Wahnsinn", bringt Volksschuldirektor Josef Pühringer die Stimmung stellvertretend zum Ausdruck. Auch Bürgermeister Hubert Hartl möchte die Kosovaren im Ort behalten: "Aus meiner Sicht ist diese Familie für Neufelden ein Gewinn", sagt er.

Tatsächlich haben in den vergangenen Tagen hunderte Neufeldener und Menschen aus ganz Österreich ihre Solidarität mit der kosovarische Familie bekundet. Ihre Schreiben sind auf der Homepage nachzulesen, die Schuldirektor Pühringer angelegt hat, um über den "Fall" zu informieren. In der Volksschule, die die zehnjährige Egzonita besucht, haben Mitschüler Unterstützungsschreiben verfasst. "Sie hat doch alles, nur weil sie braun is,t muss die BH sie extra abschieben", mutmaßt einer.

Besagte Briefe - nebst einem Ersuchen, sich für die Hasanis stark zu machen - hat Direktor Pühringer an Bundespräsident Heinz Fischer geschickt, der Egzonita schon gesehen hat (siehe Foto oben). Am Mittwoch kam die Antwort: "Der Herr Bundespräsident weiß das bemerkenswerte Engagement Ihrer Schule zu schätzen", steht da. Aber: "Leider muss ich Ihnen aber mitteilen, dass eine Einflussnahme auf fremdenrechtliche Verfahren nicht vorgesehen ist." (Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

  • Egzonita Hasani (rechts neben Bundespräsident Heinz Fischer), 
Schulkollegen und Lehrer: Die Klasse traf das Staatsoberhaupt zufällig, 
als sie im heurigen Frühling in Wien auf dem Weg in die 
Nationalbibliothek war. Ganz links: Schuldirektor Josef Pühringer.
    foto: privat

    Egzonita Hasani (rechts neben Bundespräsident Heinz Fischer), Schulkollegen und Lehrer: Die Klasse traf das Staatsoberhaupt zufällig, als sie im heurigen Frühling in Wien auf dem Weg in die Nationalbibliothek war. Ganz links: Schuldirektor Josef Pühringer.

  • Vorschlag einer Mitschülerin: Ausschnitt aus einem Brief aus der Klasse der zehnjährigen Egzonita.
    foto: privat

    Vorschlag einer Mitschülerin: Ausschnitt aus einem Brief aus der Klasse der zehnjährigen Egzonita.

Share if you care.