Kurdenpartei distanziert sich von den Überfällen der PKK
Nach einer verheerenden Serie von Angriffen auf Soldaten im Südosten des
Landes schickt die türkische Regierung die Armee ins Nachbarland Irak. Von den
Überfällen der PKK distanziert sich auch die Kurdenpartei.
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Ein bleicher Regierungschef, der seinen Zorn unter Kontrolle zu halten
versuchte, trat am Nachmittag in Ankara vor die Presse. "Jeder soll wissen, dass
die Türkei niemals wegen eines Angriffs aufgibt, niemals zurückweicht und
niemals auch nur ein Stück ihres Bodens aufgibt", drohte Tayyip Erdogan und
machte "dunkle Mächte" für einen der verheerendsten Angriffe der verbotenen
kurdischen Arbeiterpartei PKK auf die Armee verantwortlich.
24 Soldaten starben und 18 wurden verletzt, als PKK-Kämpfer in der Nacht zum
Mittwoch in Hakkari, der südöstlichsten Provinz der Türkei an der Grenze zu Irak
und Iran, zuschlugen. Es war eine konzertierte Aktion: In dem Städtchen Çukurca
überfielen die PKK-Kämpfer eine Unterkunft der Armee und überraschten die
Soldaten im Schlaf. Eine halbe Stunde dauerte das Gefecht, zur selben Zeit
wurden sieben weitere Ziele in der Provinz angegriffen. In einem
Bekennerschreiben, das auf einer Webseite der PKK später veröffentlicht wurde,
behauptete die Terrororganisation, sie habe an die 100 türkische Soldaten
getötet und selbst fünf Kämpfer verloren.
PKK-Lager bombardiert
Die türkische Armee, die am Mittwoch selbst keine weiteren Angaben zu den
Angriffen machte, verfolgte angeblich die flüchtenden PKK-Kämpfer mit
Hubschraubern in Richtung Nordirak. Wenige Stunden später begannen Bombardements
von mutmaßlichen Lagern und Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei im
Nachbarland. Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül drohte mit "umfassender
Vergeltung": "Diejenigen, die uns diesen Schmerz zugefügt haben, werden noch
größere Schmerzen erleiden!" Erdogan und seine Minister sagten alle
Auslandsreisen ab. Präsident und Regierungschef beriefen den nationalen
Sicherheitsrat ein, Armeechef Necdet Özel und die Kommandanten der
Teilstreitkräfte flogen später in die Provinz Hakkari.
Spezialeinheiten im Nordirak
Die türkische Armee ist schon seit Wochen auf einen Bodeneinsatz im Nordirak
vorbereitet. Die PKK operiert von dort aus bereits seit Jahren. 500 Soldaten aus
Spezialeinheiten wurden noch am Mittwoch in den Kandili-Bergen abgesetzt, sieben
bis acht Kilometer tief im irakischen Gebiet. "Weitreichende Operationen" und
die direkte Verfolgung der Angreifer seien nun im Gange, erklärte Erdogan in
Ankara. Alles bewege sich im Rahmen des internationalen Rechts.
Die Kurdenpartei BDP distanzierte sich ungewöhnlich deutlich von den
Angriffen der PKK. "Diese Angriffe brechen uns das Herz. Wir sagen: Halt! Es hat
schon genug Tote gegeben", hieß es in einer Erklärung der Partei, die bei den
Parlamentswahlen mit 36 Abgeordneten ihr bisher bestes Ergebnis erzielt hatte.
Der sozialdemokratische Oppositionschef Kemal Kiliçdaroglu kritisierte
Erdogans Schuldzuweisungen an die "dunklen Mächte". Die Regierung trage selbst
Verantwortung für den Tod der Soldaten.
Aber auch Europaminister Egemen Bagiº folgte der Linie des Premiers, der
immer wieder das Ausland der Unterstützung der PKK bezichtigt - die EU-Staaten,
aber in jüngster Zeit auch Syrien und Iran. Bagiº rief den Chef der
EU-Delegation in Ankara, Marc Pierini, zu sich ins Ministerium. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)