Ankara droht PKK mit "umfassender Vergeltung"

19. Oktober 2011, 19:34
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Kurdenpartei distanziert sich von den Überfällen der PKK

Nach einer verheerenden Serie von Angriffen auf Soldaten im Südosten des Landes schickt die türkische Regierung die Armee ins Nachbarland Irak. Von den Überfällen der PKK distanziert sich auch die Kurdenpartei.

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Ein bleicher Regierungschef, der seinen Zorn unter Kontrolle zu halten versuchte, trat am Nachmittag in Ankara vor die Presse. "Jeder soll wissen, dass die Türkei niemals wegen eines Angriffs aufgibt, niemals zurückweicht und niemals auch nur ein Stück ihres Bodens aufgibt", drohte Tayyip Erdogan und machte "dunkle Mächte" für einen der verheerendsten Angriffe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK auf die Armee verantwortlich.

24 Soldaten starben und 18 wurden verletzt, als PKK-Kämpfer in der Nacht zum Mittwoch in Hakkari, der südöstlichsten Provinz der Türkei an der Grenze zu Irak und Iran, zuschlugen. Es war eine konzertierte Aktion: In dem Städtchen Çukurca überfielen die PKK-Kämpfer eine Unterkunft der Armee und überraschten die Soldaten im Schlaf. Eine halbe Stunde dauerte das Gefecht, zur selben Zeit wurden sieben weitere Ziele in der Provinz angegriffen. In einem Bekennerschreiben, das auf einer Webseite der PKK später veröffentlicht wurde, behauptete die Terrororganisation, sie habe an die 100 türkische Soldaten getötet und selbst fünf Kämpfer verloren.

PKK-Lager bombardiert

Die türkische Armee, die am Mittwoch selbst keine weiteren Angaben zu den Angriffen machte, verfolgte angeblich die flüchtenden PKK-Kämpfer mit Hubschraubern in Richtung Nordirak. Wenige Stunden später begannen Bombardements von mutmaßlichen Lagern und Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei im Nachbarland. Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül drohte mit "umfassender Vergeltung": "Diejenigen, die uns diesen Schmerz zugefügt haben, werden noch größere Schmerzen erleiden!" Erdogan und seine Minister sagten alle Auslandsreisen ab. Präsident und Regierungschef beriefen den nationalen Sicherheitsrat ein, Armeechef Necdet Özel und die Kommandanten der Teilstreitkräfte flogen später in die Provinz Hakkari.

Spezialeinheiten im Nordirak

Die türkische Armee ist schon seit Wochen auf einen Bodeneinsatz im Nordirak vorbereitet. Die PKK operiert von dort aus bereits seit Jahren. 500 Soldaten aus Spezialeinheiten wurden noch am Mittwoch in den Kandili-Bergen abgesetzt, sieben bis acht Kilometer tief im irakischen Gebiet. "Weitreichende Operationen" und die direkte Verfolgung der Angreifer seien nun im Gange, erklärte Erdogan in Ankara. Alles bewege sich im Rahmen des internationalen Rechts.

Die Kurdenpartei BDP distanzierte sich ungewöhnlich deutlich von den Angriffen der PKK. "Diese Angriffe brechen uns das Herz. Wir sagen: Halt! Es hat schon genug Tote gegeben", hieß es in einer Erklärung der Partei, die bei den Parlamentswahlen mit 36 Abgeordneten ihr bisher bestes Ergebnis erzielt hatte.

Der sozialdemokratische Oppositionschef Kemal Kiliçdaroglu kritisierte Erdogans Schuldzuweisungen an die "dunklen Mächte". Die Regierung trage selbst Verantwortung für den Tod der Soldaten.

Aber auch Europaminister Egemen Bagiº folgte der Linie des Premiers, der immer wieder das Ausland der Unterstützung der PKK bezichtigt - die EU-Staaten, aber in jüngster Zeit auch Syrien und Iran. Bagiº rief den Chef der EU-Delegation in Ankara, Marc Pierini, zu sich ins Ministerium. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

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    Erst am vergangenen Samstag hatte Präsident Abdullah Gül (links, winkend) türkischen Truppen in der Provinz Hakkari eine Visite abgestattet. Nun droht er mit "Vergeltung".

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