100 Jahre lang galt die Krankheit als ausgerottet, nun hat man die höchste Rate weltweit
Port au Prince / Wien - Vor einem Jahr ist die Cholera in Haiti ausgebrochen. Inzwischen weist das Zehn-Millionen-Einwohner-Land die höchste Cholera-Rate der Welt auf, wie der UN-Sonderbotschafter und Mediziner Paul Farmer in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte.
In dem vom Erdbeben im Jänner 2010 schwer getroffenen Karibikstaat sind nach Angaben der haitianischen Gesundheitsbehörden insgesamt mehr als 465.000 Menschen an der bakteriellen Infektionskrankheit erkrankt. Für 6500 Menschen endete die Erkrankung bisher tödlich. Zum Vergleich: Im Vorjahr wies Nigeria laut Weltgesundheitsorganisation die zweithöchste Anzahl an Cholerafällen auf: Es waren 44.456 - bei 155 Millionen Einwohnern.
Die starke Verbreitung der Seuche hängt nach Farmers Einschätzung mit der prekären Wassersituation in Haiti zusammen. Nur wenige Menschen haben Zugang zu sauberem Wasser. Verseuchtes Trinkwasser gilt allgemein als der häufigste Grund für Infektionen mit dem Erreger, der über den Mund und den Verdauungstrakt übertragen wird. Auf Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost und hohes Fieber folgt starker Durchfall und meist auch Erbrechen. Im Falle eines tödlichen Ausgangs sind die Todesursachen meist Nierenversagen und Kreislaufschock.
Schnelle Ausbreitung "nicht vorhersehbar gewesen"
Der Cholera-Erreger habe "in Haiti sein Paradies gefunden", sagt Sabine Kampmüller von Ärzte ohne Grenzen Österreich, die Juli und August dort verbrachte. Die ohnehin schlechte hygienische Situation hatte sich nach dem Beben noch verschlimmert. Trotzdem sei "nicht vorhersehbar gewesen", dass die Krankheit sich "so schnell auf ein ganzes Land" ausbreiten werde.
Nicht nur an Wasser, auch an sanitären Anlagen und guter Gesundheitsversorgung mangle es. Ärzte ohne Grenzen hätten daher "ungewöhnlich viel" in die Ausbildung des medizinischen Personals vor Ort investiert. In Haiti existierte keinerlei Erfahrung mit der Cholera - sie galt seit über 100 Jahren als ausgerottet.
Oft erst spät erkannt
Die Menschen reagierten "mit Panik auf den Krankheitsausbruch", sagt Kampmüller. Sie müssten zudem erst lernen, wie man sich vor Ansteckungen schützen kann. Außerdem würden viele erst sehr spät erkennen, dass sie an Cholera erkrankt sind, sagt Martha Wirthenberger vom Roten Kreuz Österreich, das in Léogâne unter anderem Hygieneschulungen durchführt. Späte Erkennung und Behandlung dürften mitverantwortlich für tausende tödliche Krankheitsfälle sein.
Untersuchungen zufolge haben nepalesische Blauhelmsoldaten die Cholera-Erreger eingeschleppt. Vertreter der Uno und von NGOs befürchten, dass Haiti noch Jahre unter der Krankheit leiden wird. (Gudrun Springer, DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)