Die Qualen der Überlebenden

19. Oktober 2011, 17:07
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Der Viennale-Tribute an Soi Cheang lässt einen noch wenig bekannten Hongkong-Regisseur entdecken, dessen Genrefilme ein hohes Maß an existenzieller Verve auszeichnet

Ein junges Paar mit Jungen im Kindergartenalter bezieht ein neues Apartment in einer großflächigen Anlage an den Ausläufern der Stadt. Der kleine Chi Lo geht gleich zu Beginn kurz verloren, als sich die Aufzugstüren unerwartet hinter ihm schließen. Seine Mutter May (Shu Qi) findet ihn völlig verängstigt wieder, und als Zuschauer erhascht man einen Moment lang ein Bild, das erklärt, warum: eine schreckliche Fratze, die unter dem Aufzug durch einen Schlitz hervorlugt.

So weit, so genreüblich. Doch Soi Cheangs Horrorfilm Home Sweet Home (2005) ist keineswegs gängige Meterware, sondern entpuppt sich als höchst originelle Auseinandersetzung mit der verschütteten Geschichte seiner Region, der Metropole Hongkong. Die Wiederkehr des Verdrängten, dieser motivische Kern des Horrorkinos, tritt hier nicht als Fantasie in Erscheinung. Vielmehr wird er in der Figur einer verlumpten Frau verstörend real: Sie haust in den Zwischenräumen des Wohnkomplexes, in Rohren, Schächten und Kellerabteilen - und hauste an dem Ort schon, bevor es das Gebäude gab.

Home Sweet Home spielt einerseits geschickt mit Verlustängsten von Eltern, die das Verschwinden ihres Kindes nicht hinnehmen wollen. Doch mehr als am Angstschüren ist dem Film an einer melodramatischen Gleichung gelegen, die aus dem vermeintlichen Monster eine erbarmungswürdige Kreatur macht (und umgekehrt die Mutter immer manischere Züge annehmen lässt). Soi Cheang hat hier das seltene Beispiel eines sozialkritischen Horrorfilms geschaffen, der in seiner Betonung von moderner Architektur (und ihren unsichtbaren Geheimnissen) an den frühen David Cronenberg denken lässt.

Mit dem Tribute an den 1972 in Macao geborenen Soi (manchmal auch Soi-Pou) Cheang würdigt die Viennale einen im Westen noch weitgehend unbekannten Hongkong-Regisseur, der sein Handwerk als Assistent von Größen wie Andrew Lau, Ringo Lam oder Johnnie To gelernt hat - für die Produktionsfirma von Letzterem, Milky Way Productions, hat Cheang auch seine jüngeren Filme, etwa den 2009 auf dem Festival von Venedig präsentierten Paranoiathriller Accident realisiert.

Cheangs Anfänge liegen allerdings im Horrorfach. Es sind erfreulich unironische Filme, die ihr Sujet bei aller grellen Optik mit Ernsthaftigkeit verfolgen und vor allem von einem erzählen: dem Instinkt zum Überleben. Der Horror resultiert hier aus dem Umstand, dass es etwas gibt, was man übersehen hat und nun hinschauen muss und erschreckt, dass es wirklich da ist. Etwa ein monströses Baby mit Riesenkopf, das in Horror Hotline ... Big Head Monster (2001) zunächst wie eine dieser urbanen Legenden klingt.

Geister im Studio

Erzählt wird diese bei einer Radiosendung, in der Menschen von unheimlichen Erlebnissen berichtet. Die ungeschriebene Regel, dass man mit dem Schrecken nicht spielen soll, bewahrheitet sich auch hier: Ein Video offenbart, dass bei der Sendungsaufzeichnung ein geisterhafter Zuhörer (und Zuflüsterer) saß. Aus der Kunde von dem monströsen Baby entsteht schnell echter Grusel, der jedoch wie in Home Sweet Home kein Selbstzweck bleibt - auch in diesem Film geht es um eine reale Tragödie, die mit dem Spuk gleichsam versiegelt wurde.

In fast allen Filmen von Soi Cheang finden sich vergleichbare von der Gesellschaft zugerichtete Außenseiter. Selbst Shamo (2007), die Adaption eines Manga von Hashimoto Izo, verbirgt hinter seinen vielen Oberflächenreizen etwas. Der vermeintliche Elternmörder, der sich im Gefängnis zum Kampfsport-Meister verwandelt - und später in Karate- und Kickbox-Exzessen weniger seine Karriere vorantreiben als seine Wut stillen will -, laboriert an einem familiären Trauma.

Der Film ist charakteristisch für Soi Cheangs jüngeres Schaffen, das immer eklektischer auf andere Genres zugreift, ohne an Dringlichkeit einzubüßen. Mit Love Battlefield (2004) hat er beispielsweise einen superben Thriller gedreht, der eigentlich als hysterisches Beziehungsdrama beginnt. Yui (Eason Chan), ein kreuzbraver Krankenpfleger, liegt mit seiner Freundin im Streit, da wird ihm von einer Gruppe von Gangstern das Auto gestohlen und er selbst zur Geisel, die immerzu neue Wunden seiner Entführer zu verarzten hat.

Cheang lässt hier einen guten Menschen mit Nachdruck auf Amoral prallen, das Ergebnis ist ein hochdramatischer, aberwitziger Film, der immerzu neue Probleme erfindet. Daraus resultieren elegant exekutierte Aktionen, zugleich geraten aber auch bürgerliche Weltanschauungen gefährlich ins Wanken. Ein jeder hat in Love Battlefield zu verlieren und - auch dies ist eine der Stärken des Films - tut es dann auch.   (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

  • Ein unbescholtener Bürger gerät in die Fänge gewissenloser Gangster: Eason Chan in Soi Cheangs fulminantem Thriller "Love Battlefield".
    foto: viennale

    Ein unbescholtener Bürger gerät in die Fänge gewissenloser Gangster: Eason Chan in Soi Cheangs fulminantem Thriller "Love Battlefield".

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