Alles Verhandlungssache, auch die Miete

20. Oktober 2011, 11:18
5 Postings

Nicht nur am Markt muss man feilschen, auch eine Wohnung ist in China Verhandlungssache

Ein chinesischer Campus ist auch in den Sommerferien nie leer. Die meisten Studenten müssen verpflichtend auf dem Campus wohnen, und Wochen nach den Prüfungen und vor dem Semesterbeginn wird gelernt, gebummelt und umgezogen. Ich darf als Ausländer zwar auch außerhalb vom Campus wohnen, aber gleich nach der Ankunft in Kunming ruft die erste Pflicht: Einschreiben an der Universität, eine Wohnung suchen und ein Studentenvisum ergattern.

Treppen rauf, Treppen runter

Voller Tatendrang betrete ich die Lehranstalt, von der dreistündigen unangekündigten Mittagspause des Sekretariats lasse ich mir die Laune noch nicht verderben. Der „Consultation Service" glänzt mehr durch formale Anwesenheit als durch Informationen. Dafür zählt ein Übersichtsplan die Stationen des Anmeldeprozesses auf. Das Anmeldeformular habe ich bereits mehrmals per Email gesendet, doch erneut gilt es Felder auszufüllen, Dokumente hochzuladen, auszudrucken, zu kopieren und von einem Stockwerk in den anderen zu bringen.

Große Packen von Geldscheinen wechseln den Besitzer, denn ein Semester kostet für ausländische Studenten über 6000 Yuan, aber die höchste chinesische Banknote ist der 100 Yuan-Schein.

Sofort werde ich daraufhin in einen Testraum geschoben. Egal, was man in China machen will, man braucht Bewertungen und Zeugnisse. Meist muss man sich ohnehin vor Ort prüfen lassen, während eine Abweichung vom erzielten Ergebnis auch noch ausgehandelt werden kann. Ich werde daraufhin in die entsprechende Stufe eingeordnet, übermorgen beginnt der Unterricht.

Dann werden Reisepass, Visum, Papiere überprüft. Am meisten Sorgen macht mir mein Visum. Da Studentenvisa aus Europa nach der Ankunft in China häufig nicht anerkannt und dann erneut beantragt und bezahlt werden müssen, blieb ich von Anfang an beim Touristenvisum.

Jetzt muss ich es vor Ort in eine Aufenthaltsbewilligung für Studenten ändern lassen. Durch ein schlecht übersetztes Infoblatt wird mir mitgeteilt, dass ich innerhalb von zehn Tagen eine Wohnung gefunden, diese bei der Polizei angemeldet und mit dem Meldezettel mein Visum geändert haben muss.

Eine Wohnung? - Nichts leichter als das

In China eine Wohnung zu finden, ist eigentlich nicht sonderlich schwer. Vorausgesetzt man kennt die entsprechenden Anzeigeplattformen, kann Chinesisch lesen und hat eine große Menge Bargeld, das man unbedingt loswerden will.

Die häufigste Anlaufstelle abgesehen von Internetforen sind die kleinen Maklerbüros, die in jedem Grätzl die Wohnungen vermitteln. Man betritt einfach das Büro, sucht sich ein passendes Angebot aus und geht zur Besichtigung. Manchmal stehen auch Vertreter der Büros mit neuen Angeboten an belebten Plätzen und sprechen die Passanten an.

Normalerweise wird man zuerst in eine unglaublich dreckige, verkommene Wohnung gebracht, die niemand mieten will. Nach langem Diskutieren werden einem auch die anderen Wohnungen gezeigt und recht hohe Preise verlangt. Wer diese Preise zahlt, ist selber schuld oder kann kein Chinesisch. Denn auch Wohnungsmieten sind Verhandlungssache in China. Kaputte oder fehlende Einrichtungsgegenstände sind Grund für eine beachtliche Senkung des verlangten Preises.

Das Vorhandensein einer westlichen Toilette kann dagegen den Preis in die Höhe schnellen lassen. Die Wohnungspreise sind in China in den vergangenen Jahren stark gestiegen, alleine in Kunming zahlt man heuer etwa zwanzig Prozent mehr als im Vorjahr. 

Wenn man sich geeinigt hat, wird recht schnell der Vertrag unterschrieben und noch viel größere Packen Geld wechseln den Besitzer: Normalerweise muss die Kaution, die Maklergebühr und die gesamte Miete für die nächsten sechs, seltener zwölf Monate im Voraus gezahlt werden.

Weil sehr viele Chinesen nicht so viel Geld auf einmal aufbringen können, gibt es viele Wohnheime, die zwar insgesamt teurer sind, aber auch tageweise gezahlt werden können. "Es gibt oft Probleme mit den Zahlungen, darum bestehen wir darauf", erklärt mir mein Vermieter ungerührt. Es gibt meist keine Quittung, keine Bestätigungen. Aber eine Wohnung. (An Yan, 20. Oktober 2011, daStandard.at)

  • Studenten ziehen in den Campus ein.
    foto: an yan

    Studenten ziehen in den Campus ein.

  • Der Consultation Service weiß selbst nicht so recht, was von ihm erwartet wird.
    foto: an yan

    Der Consultation Service weiß selbst nicht so recht, was von ihm erwartet wird.

  • Dafür lässt der Übersichtsplan keine Zweifel aufkommen.
    foto: an yan

    Dafür lässt der Übersichtsplan keine Zweifel aufkommen.

  • Ein Vertreter eines Maklerbüros bietet vor einer Schule Wohnungen an.
    foto: an yan

    Ein Vertreter eines Maklerbüros bietet vor einer Schule Wohnungen an.

  • Wer nicht die nötige Menge Bargeld für eine Wohnung hat, kann in einem der allgegenwärtigen Wohnheime wohnen.
    foto: an yan

    Wer nicht die nötige Menge Bargeld für eine Wohnung hat, kann in einem der allgegenwärtigen Wohnheime wohnen.

Share if you care.