Gesetz ist nicht Gesetz

19. Oktober 2011, 17:08
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Aus der Gefangenschaft: Jafar Panahis "In Film Nist"

Das anfängliche Telefonat im Film wurde mittlerweile von der Wirklichkeit überholt. Der Filmemacher Jafar Panahi, der von einem iranischen Gericht zu einer sechsjährigem Haftstrafe und einem 20-jährigen Arbeitsverbot verurteilt wurde, erkundigt sich bei seiner Anwältin darüber, wie hoch seine Chancen stehen, dass seine Strafe in nächster Instanz abgeschwächt wird. Sie antwortet schon hier nicht besonders optimistisch. Vergangene Woche wurde das Urteil nun bestätigt - und in keiner Weise abgemildert.

In film nist (This is Not a Film), den Panahi gemeinsam mit dem mittlerweile ebenso inhaftierten Dokumentaristen Mojtaba Mirtahmasb realisiert hat, ist weit mehr als das Dokument eines Künstlers, der von seinem Regime zum Schweigen gebracht wird, weil er einen Film über die politische Erneuerungsbewegung im Iran in Planung hatte. Es handelt sich vielmehr um eine Reflexion über den Wert des Filmemachens an sich, gedreht unter indirekter Umgehung des Filmverbots und somit in jeder Hinsicht davon betroffen: ein paradoxes Werk, das seine Größe gerade aus der Darstellung des Nichtdarstellbaren gewinnt.

Schauplatz des Films ist Panahis Wohnung, in der wiederum er und sein Regiekollege Mohammad Rasoulof im März 2010 verhaftet wurden, als sie das Script zu einem neuen Film durchlasen, in dem es um ein Mädchen gehen sollte, dessen Freiheitswunsch unterdrückt wird. Daran schließt Panahi nun an, wenn er eine Szene des Films in seinem Wohnzimmer am Teppichboden skizziert. Doch er unterbricht sich selbst: "Wenn wir einen Film erzählen können, warum sollen wir ihn dann noch machen?"

Panahi bezeichnet damit genau jenen Moment der Unberechenbarkeit bei der Herstellung eines Werks, in dem sich etwas außerhalb des Plans, der Kontrolle des Regisseurs offenbart. Das Spiel mit dem Mitteln der Improvisation, das die verbürgten Grenzen zwischen Fiktion und Dokument aufzuheben vermag, hat im iranischen Kino eine lange Tradition. Diesmal ist der Filmemacher selbst in der Situation, aus seiner von außen aufgezwungenen Lage ausbrechen zu müssen - oder zumindest die Möglichkeit dazu zu sondieren. Es wäre nicht das Kino von Panahi, wenn es nicht auch in diesem überraschend lichten Film deren viele gäbe: unerwartete Gäste, die die Welt ins Exil bringen.   (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

 

21. 10., Gartenbau, 13.00; 31. 10., Urania, 21.00

  • Ein großer  Regisseur, dem das Filmemachen verboten wurde: der 
Iraner Jafar Panahi.
    foto: viennale

    Ein großer Regisseur, dem das Filmemachen verboten wurde: der Iraner Jafar Panahi.

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