Aus der Gefangenschaft: Jafar Panahis "In Film Nist"
Das anfängliche Telefonat im Film wurde mittlerweile von der
Wirklichkeit überholt. Der Filmemacher Jafar Panahi, der von einem
iranischen Gericht zu einer sechsjährigem Haftstrafe und einem
20-jährigen Arbeitsverbot verurteilt wurde, erkundigt sich bei seiner
Anwältin darüber, wie hoch seine Chancen stehen, dass seine Strafe in
nächster Instanz abgeschwächt wird. Sie antwortet schon hier nicht
besonders optimistisch. Vergangene Woche wurde das Urteil nun bestätigt
- und in keiner Weise abgemildert.
In film nist (This is Not a Film), den Panahi gemeinsam mit dem
mittlerweile ebenso inhaftierten Dokumentaristen Mojtaba Mirtahmasb
realisiert hat, ist weit mehr als das Dokument eines Künstlers, der von
seinem Regime zum Schweigen gebracht wird, weil er einen Film über die
politische Erneuerungsbewegung im Iran in Planung hatte. Es handelt sich
vielmehr um eine Reflexion über den Wert des Filmemachens an sich,
gedreht unter indirekter Umgehung des Filmverbots und somit in jeder
Hinsicht davon betroffen: ein paradoxes Werk, das seine Größe gerade aus
der Darstellung des Nichtdarstellbaren gewinnt.
Schauplatz des Films ist Panahis Wohnung, in der wiederum er und sein
Regiekollege Mohammad Rasoulof im März 2010 verhaftet wurden, als sie
das Script zu einem neuen Film durchlasen, in dem es um ein Mädchen
gehen sollte, dessen Freiheitswunsch unterdrückt wird. Daran schließt
Panahi nun an, wenn er eine Szene des Films in seinem Wohnzimmer am
Teppichboden skizziert. Doch er unterbricht sich selbst: "Wenn wir einen
Film erzählen können, warum sollen wir ihn dann noch machen?"
Panahi bezeichnet damit genau jenen Moment der Unberechenbarkeit bei der
Herstellung eines Werks, in dem sich etwas außerhalb des Plans, der
Kontrolle des Regisseurs offenbart. Das Spiel mit dem Mitteln der
Improvisation, das die verbürgten Grenzen zwischen Fiktion und Dokument
aufzuheben vermag, hat im iranischen Kino eine lange Tradition. Diesmal
ist der Filmemacher selbst in der Situation, aus seiner von außen
aufgezwungenen Lage ausbrechen zu müssen - oder zumindest die
Möglichkeit dazu zu sondieren. Es wäre nicht das Kino von Panahi, wenn
es nicht auch in diesem überraschend lichten Film deren viele gäbe:
unerwartete Gäste, die die Welt ins Exil bringen. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)
21. 10., Gartenbau, 13.00; 31. 10., Urania, 21.00