Die Klagelaute sterbender Elefanten

19. Oktober 2011, 17:03
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    foto: jesse dylan

    Tom Waits bemüht sich auf "Bad As Me" nach Jahren des routinierten Anheulens des Monds und Gestampfes im Zeichen des Blues wieder um mehr Abwechslung. Am Klavier sitzt er jetzt manchmal auch wieder.

Mit "Bad As Me" veröffentlicht Tom Waits eines der besten Alben seiner Karriere. Das mag mitunter nach gewohnter Selbstparodie klingen. Die Qualität der Songs entschädigt aber für bekannte Klischees

Wien - Wenn man eine Fertigkeit im Leben sehr gut beherrscht, neigt man dazu, dies der Welt immer wieder zu demonstrieren. Wohlmeinende bezeichnen dies als Stilwillen. Böse Menschen sprechen von Wiederholung, im schlimmsten Fall von Selbstparodie. Tom Waits zum Beispiel kann spätestens seit seinem Album Heartattack And Wine von 1980 sehr gut dreckigen, stampfenden, röchelnden und leicht aus der Spur geratenden Bluesrock im Gedenken an Cpt. Beefheart singen und spielen. Und er beeindruckt seit jeher im Fach der abgelebten, nicht nur melodisch betrunkenen Zupf- und Klimperballade. Als räudigster Hund der gesamten Nachbarschaft heult er dabei zum Weinen schön den Mond an, bis ihm die Stimme versagt - oder der Mond aus Protest untergeht.

Eigentlich würde der Mond ja lieber von traurigen jungen Frauen sehnsuchtsvoll angesungen werden. Erklären Sie das aber einmal einem betrunkenen Klavierspieler zweifelhafter sittlicher Festigung im nicht mehr wirklich besten Alter.

In seiner Lieblingsrolle als "Tom Waits" hat der 61-jährige kalifornische Songwriter Tom Waits während der letzten vier Jahrzehnte meist überaus gute Musik in die Welt gebracht. Allerdings findet sich selbst auf Meisterwerken wie Swordfishtrombones, Rain Dogs oder zuletzt Real Gone und der überbordenden Box Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards neben vier, fünf Handvoll Klassikern zahlreiches Füllmaterial.

Bei diesem verlässt sich Waits gemeinsam mit seiner Frau und künstlerischen Langzeitpartnerin Kathleen Brennan auf selbstgeschaffene Klischees zwischen Theaterkulissen für Obdachenlosen-, Tramp- und Charles-Bukowski-Stücke.

Feierlich torkelnde, mit Megafon vorgetragene Grabesgesänge bei inszenierten drei Promille Schrottplatz- und Hinterhofkitsch im Blut treffen auf Mülltonnen, die als Schlagzeug zweckentfremdet werden. Dazu haut Waits auf einem Pianino mit tagelang mühsam von einem Fachmann für Hörsturz verstimmten Saiten auf die Tasten - oder ringt Hausgitarrist Marc Ribot im Caritas-Lager erworbenen Billiggitarren und brummenden Verstärkern die Klagelaute sterbender Elefanten ab. Wenn man live dabei ist, zuletzt auf seiner Glitter & Doom-Tour, ist es eine reine Freude, diese Inszenierung zu erleben. Auf CD kann das allerdings dazu einladen, die Skip-Taste zu betätigen.

Auf dem neuen Album Bad As Me bleibt alles gleich und klingt doch anders. Das mag daran liegen, dass Waits darum bemüht ist, mehr Abwechslung in die Songs zu bringen. Wir hören zwar obligatorische, gewohnt heftige Blues- und Rhythm-'n'-Blues-Stampfer wie Let's Get Lost oder Chicago. Mit rhythmisch zur Flucht einladenden Zuggeräuschen wollen diese eine virile Aufbruchstimmung verbreiten, der sich nicht einmal der auf zwei, drei Getränke vorbeischauende Keith Richards in der Stones-Paraphrase Satisfied verwehren kann.

Donnergurgeln

Mit David Hildago von den Roots-Rockern Los Lobos geht es in Balladen wie Pay Me oder Put Me Back In The Crowd aber 2011 auch hinunter nach Mexiko. Beim verschleppten, mit Glockenspiel behübschten und an Nick Caves Red Right Hand erinnernden Song Right Raised Men zupft Flea von den Red Hot Chili Peppers recht zünftig den Baß. Ansonsten wird Bad As Me einmal mehr von Marc Ribots fragmentarisch-genialischem Gitarrenspiel dominiert.

Dass Waits jetzt auch wieder Klavier spielt, schadet dem starken und hochgradig wiedererkennbaren Material ohnehin nicht. Auch stimmlich besinnt er sich nach all dem Donnergurgeln und Endzeitröcheln wieder auf Vielfalt. In Everybody's Talking etwa jubiliert er im Falsett wie einst der Mann, der sich Prince nannte. Nennen wir es Stilwillen.  (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

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elkol
00
25.10.2011, 22:32
war mal

in (glaub ich) bad ischl bei ambroß singt tom waits. kannte waits damals noch nicht und wollte ihn nach ambroßs vortrag auch nicht kennenlernern. aber jetzt gerade ist er das beste ueberhaupt....
meine rugbyliedersingendeleberliebteineprostituierte liebt ihn abgoettisch!!

jumpingjack flash
40
24.10.2011, 12:37

klagelaute sterbender elefanten - das trifft es gut - ich frage mich nur warum wer dafür bezahlt, warum ein artikel unter musik erscheint - denn mit musik, mit singen hat tom waits gar nichts zu tun, das kann er einfach nicht.

brrrrrr
02
21.10.2011, 19:27
wahnsinn!!!

riesen Album, the legend at its best!

barry mccoist
02
21.10.2011, 18:20

wage zu behaupten: die meisten künstler der U-musik beneiden waits um sein füllmaterial - von seinen "hitten" ganz zu schweigen

Rosa Grün
 
00
20.10.2011, 17:41
herr schachinger

kann sein faible für waits nicht verhehlen und legt dabei selbstironie an den tag. es erfreut.

O5
52
20.10.2011, 16:23

Tom Waits und Nick Cave sind beide maßlos überschätzte Berufsdeprimierte. Sie leben beide exzellent von den oh so Bedrückten der Mittelschicht.

m-d
00
5.11.2011, 16:50
aber wieso verwechseln sie den ?

also die 2 sollten sie den nicht verwechseln - der eine man mag es nicht immer mögen ein grossmeister - der andere ......ein mantel des schweigens - da waren am anfang gute ansätze aus der ecke punkblues aber nun nein tom waits a artist - manchmal am abgrund aber es kann sich nach der hölle auch wieder der himmel öffnen ....Klagelaute sterbender Elefanten - excellent !

c70
01
21.10.2011, 13:53
tom waits hat den letzten atemzug von herny ford per ebay gekauft

Loris
02
21.10.2011, 00:06

hör dir mal »road to peace« an, mein freund …

major schloch1
01
20.10.2011, 22:39
tom waits & nick cave...

...sind der beweis dafür, dass sich der monotheismus auf dem holzweg befindet!

Lord Jim
22
20.10.2011, 19:50

wenn Sie tom waits und nick cave depremierend finden ist das Ihr problem und nicht das der musiker, Ihren humor möcht ich erst gar nicht kennenlernen, und von der mittelschicht schreiben Sie vermutlich weil Sie nur leute aus der mittelschicht kennen.

censeo
00
20.10.2011, 15:19

Tom Waits kann sich Fehltritte leisten, schließlich ist er unverwechselbar und viele die den Mainstream ablehnen eifern ihm nach.

dr. abraxas
00
20.10.2011, 12:31
Everybody's Talking ??

was zum geier
00
20.10.2011, 12:29

gut ge- und beschrieben. der autor sollte standard-intern fortbildungskurse geben.

b.deutung
06
20.10.2011, 10:13
Tom Waits

Dieser Freak, diese Mischung aus Brachialromantik und Extremmelancholie begleitet mich nun schon seit vielen Jahren. Es muss so 1990 gewesen sein, als mir ein Schulfreund die Swordfishtrombones in die Hand gedrückt hat mit dem Hinweis, einmal "was gescheites" zu hören. Ich war damals eher auf der Velvet Underground- und Violent Femmes-Welle. Ich hätte ihm die Platte am liebsten um die Ohren gehauen.
Ich war selten in meinem Leben so dankbar wie über diese Bekanntschaft. Die neue Scheibe ist zum Morden genial. Eine wohltuendes Sammelsurium, das man sogar einem Nicht-Waits-Kenner antun könnte, ohne beschimpft zu werden. Aus einem Guss, verhältnismässig gradlinig und tiefgründig (vorab gehört auf badasme.com mit dem entsprechen Code)

phantomas phantomas
03
20.10.2011, 11:28
Closing time

Ich erinnere mich an die Abende und Nächte in denen ich, ganz alleine, in einem Café am Sperrtag "Closing time" gelauscht habe, einmal, zweimal.... ich war von der Musik betrunken.

b.deutung
01
20.10.2011, 13:43
Small Change

Die erste Platte, die ich selbst erstanden habe, war Small Change mit dem schönsten Opener neben Dylans Album Desire. Erst über die grandiose Heartattack and Vine, die schmerzhafte Black Rider und die bitterböse Bone Machine bin ich irgendwie bei Closing Time gelandet. Und ich hab diese Entwicklung nie bereut, denn mittlerweile sehe ich die Discographie von Waits als Gesamtkunstwerk.
Und heute freu ich mich auf die Bad As Me wie ein dreijähriger aufs Christkind.
Schön, dass einem ein neues Album eines Ausnahmekünstlers so viel (Vor-)freude bereiten kann.

Feyjama
00
20.10.2011, 11:50

Closing time ist doch vom Cohen wenn ich nicht irre. Hat der Waits das auch mal eingespielt?

Ich möchte allen eingefleischten Waits Getreuen übrigens eine CD ans Herz legen. Talltones von den Talltones, Kärntner Jazzer die von Pink Floyd bis Tom Waits diverse Neuinterpretationen auf CD gebannt haben. Unbedingt anhören, richtig geile Mucke!

es sei bemerkt
01
20.10.2011, 12:22

closing time war das debutalbum (und dessen titeltrack) von waits aus dem jahr 73. hat mit dem gleichnamigen lied von cohen sonst nix gemein

die3lustigen4
00
20.10.2011, 12:22
closing time heißt die ganze

LP

Feyjama
00
21.10.2011, 15:46

uns schon hab ich wieder was gelernt :-)

Marquis
20
20.10.2011, 10:08
Tom Waits hat die Musikwelt maßgeblich verändert

Unzählige Musiker haben Songs von Waits gecovert, bis hin zum Wiener Prolo-Barden Ambros. Kein US-Musiker hat die Musikwelt so beeinflußt und bereichert. Leider hat Waits sich in den letzten Jahren als zu Resistenz in seinem Schaffen erwiesen und weitgehend immer das selbe produziert.

Es sit zu hoffen, dass er an seinen frühen Klassikern anschließen kann, die seinen Ruf festigten.

sonic
03
21.10.2011, 04:29

"Kein US-Musiker" ? Und was ist mit Bob Dylan?
Lou Reed, Elvis Presley, James Brown, Prince, Patti Smith, den Ramones, Pixies,...
um nur mal die zu nennen, die mir ohne längeres Nachdenken einfallen.

Rahoul
02
20.10.2011, 19:22
Schmerzen.

Ich bitte Sie (und die anderen Forumsteilnehmer) inständig, nicht die Namen "Tom Waits" und "Ambros" in einem(!) Satz zu verwenden. Es bereitet mir körperliche Schmerzen.
Vielen Dank für Ihr Verständnis...

Schinkenfleckerl 3000
02
20.10.2011, 10:02

Füllmaterial auf "Rain Dogs"? Beispiele und Kreislauftropfen, schnell!

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