"Es ist ja keine Schande, barbusig zu tanzen"

Interview19. Oktober 2011, 17:07
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Frederick Wiseman hat in "Crazy Horse" nach der Oper eine weitere Institution des Pariser Nachtlebens unter die Lupe genommen

Cristina Nord sprach mit ihm über Sinnlichkeit und Erotik sowie das Ringen um die filmische Form.

Standard: Hatten Sie die Idee zu "Crazy Horse" schon, als Sie an Ihrem Film über das Ballett der Pariser Oper, "La Danse", arbeiteten?

Wiseman: Nein. "La Danse" war schon in den Kinos, als mir die Idee zu "Crazy Horse" kam. "La Danse" habe ich 2007 gedreht, "Crazy Horse" 2009.

Standard: Wo liegen denn die Unterschiede zwischen Ballett und Nachtclub?

Wiseman: Es sind ganz andere Choreografien. Im Crazy Horse dauert eine Tanznummer durchschnittlich vier bis fünf Minuten, während ein kurzes Ballett bereits 30 Minuten dauert. Im Ballett gibt es eher eine Geschichte, die Musik ist anders, und obwohl die Tänzerinnen im Crazy Horse ein hohes Niveau haben - viele von ihnen haben Tanz am Konservatorium studiert -, reichen sie doch nicht an die Tänzer und Tänzerinnen in der Pariser Oper heran. Die Zahl der Tänzer, die in größeren Kompagnien tanzen können, ist begrenzt, es gibt einfach nicht so viele Stellen. Das bedeutet, viele gute Tänzer nehmen, was sie kriegen können. Und es ist ja keine Schande, barbusig zu tanzen.

Standard: Haben die Zuschauer in der Oper andere Beweggründe als die im Nachtclub?

Wiseman: Oh nein! Nach dem Besuch eines Ballets würde man sagen "Das war sehr sinnlich" und wohl eher nicht, dass es erotisch war. Aber das liegt vor allem daran, dass man sich wohler fühlt, wenn man das Wort "sinnlich" statt das Wort "erotisch" benutzt. Einmal zum Beispiel sah ich zwei großartige Tänzer, sie waren komplett angezogen, aber wahnsinnig sexy, weil die Formen, die sie mit den Bewegungen ihrer Körper schufen, so schön waren.

Standard: Es liegt ein riesiger Genuss darin, Körper in Bewegung zu sehen. Schon einer der Ahnen des Kinos, Eadweard Muybridge, hat das in seinen Bewegungsstudien befeuert. Haben Sie eine Erklärung, warum das so ist?

Wiseman: Es hat etwas mit der Vergänglichkeit zu tun. Solange es keine Aufnahmen gibt, existiert das alles ja nur in der Erinnerung. Und eine Performance ist niemals dieselbe, sie ist nicht beständig. Wenn sie funktioniert, ist sie unglaublich schön - und dann ist sie auch schon verschwunden. Man kann darin eine Metapher für die eigene Existenz erkennen. Und dann ist es künstlich - nicht im Sinne von falsch, sondern im Sinne einer Konstruktionsleistung.

Standard: "Crazy Horse" richtet sein Augenmerk stark auf diese Leistung: Man sieht, wie viel Arbeit in Nummern steckt, wie viel Kontrolle des Körpers.

Wiseman: Es ist eine unglaubliche Anstrengung, und es bedarf jahrelangen Trainings, um diese Kontrolle zu erreichen.

Standard: Steht die Körperkontrolle dem Versprechen von Sinnlichkeit nicht manchmal im Wege?

Wiseman: Die Fähigkeit, diese Kontrolle auszuüben, ist die Grundlage dafür, dass alles funktioniert. Ohne Kontrolle wäre es zufällig. Die Form entsteht durch die Präzision, mit der Körper, Zehen, Arme bewegt werden. Improvisation ist möglich, aber man kann eben nur dann improvisieren, wenn man die Kontrolle hat.

Standard: Gilt das auch für Ihre Arbeit als Filmemacher?

Wiseman: Ja! Besonders am Schneidetisch. Bei "La Danse" wie bei "Crazy Horse" hatte ich jeweils 150 Stunden Rohmaterial - ohne jede Form, bis ich durch die Montage eine Form herstellte.

Standard: Wie geht das konkret vor sich? Wie finden Sie die Form?

Wiseman: Ich sitze in meinem Stuhl, lege einen Sicherheitsgurt an, stecke mir eine Spritze in den Arm, um intravenös ernährt zu werden, und ein Jahr später, wenn der Film fertig ist, stehe ich auf.

Standard: Okay.

Wiseman: Am Anfang ist es langweilig, ich sitze da und habe 150 Stunden Material, das ich studieren muss. Ich kann nicht schneiden, solange ich das Material nicht in- und auswendig kenne. Das ist wie bei einer Doktorarbeit: Man kommt mit 5.000 Karteikarten aus der Bibliothek, mit all den Exzerpten, die man sich gemacht hat, und dann sieht man sie durch.

Standard: Ich hatte den Eindruck, dass die Form von "Crazy Horse" zunächst darin besteht, sich auf die Proben und künstlerischen Auseinandersetzungen zu konzentrieren. Dann aber öffnen Sie den Film.

Wiseman: Ja, im letzten Drittel des Filmes gibt es eine Öffnung, wenn der Choreograf und der künstlerische Leiter interviewt werden - nicht von mir, sondern von TV-Teams - und erklären, was sie tun. Es geht dann um Fragen nach dem Wesen der Erotik, nach dem, was weibliche Schönheit ausmacht.

Standard: Ich mag Ihre Filme, weil sie beobachten, statt zu urteilen. Ich habe als Zuschauerin immer die Möglichkeit, meine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Bei "Crazy Horse" hatte ich gleichwohl den Eindruck, dass Sie sehr genießen, was Sie filmen.

Wiseman: Aber das tue ich doch immer! Manches im Crazy Horse ist sehr komisch - und dass nicht etwa, weil ich es so anordnen würde, nein, es ist einfach komisch, besonders dort, wo es um die weibliche Schönheit geht.

Standard: Was machen Sie denn, damit der Zuschauer zu seinem eigenen Urteil kommen kann?

Wiseman: Ich gehe eher wie ein Romanautor als wie ein Journalist vor. Meine Ansichten finden indirekt Ausdruck in der Auswahl und Anordnung der Sequenzen. Mich reizt das Mehrdeutige, das prägt den Film. Da ich weder Propaganda betreibe noch didaktisch bin, bin ich ein Anti-Michael-Moore. Andererseits haben meine Filme sehr wohl eine starke Haltung, aber Sie müssen arbeiten, um herauszufinden, wie diese aussieht.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

 

21. 10. Künstlerhaus, 21.00; 22. 10., Gartenbau, 16.00

  • "Die Form entsteht durch die Präzision, mit der Körper, Zehen, Arme bewegt werden" - auf der Bühne des Pariser "Crazy Horse" und im gleichnamigen Dokumentarfilm, den Frederick Wiseman aus 150 Stunden Material destilliert hat.
 
    foto: viennale


    "Die Form entsteht durch die Präzision, mit der Körper, Zehen, Arme bewegt werden" - auf der Bühne des Pariser "Crazy Horse" und im gleichnamigen Dokumentarfilm, den Frederick Wiseman aus 150 Stunden Material destilliert hat.

     

  • Frederick Wiseman, geboren 1930 in Boston, ist einer der bedeutendsten US-Dokumentaristen, dessen Interesse seit den 1960er-Jahren Funktionsweisen gesellschaftlicher Institutionen gilt.
    foto: viennale

    Frederick Wiseman, geboren 1930 in Boston, ist einer der bedeutendsten US-Dokumentaristen, dessen Interesse seit den 1960er-Jahren Funktionsweisen gesellschaftlicher Institutionen gilt.

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