Ein Vermittler zwischen Intelligenz und Ökonomie

19. Oktober 2011, 17:06
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Der unabhängige Produzent Jeremy Thomas hat Filme von David Cronenberg, Bernardo Bertolucci und Jerzy Skolimowski zu realisieren geholfen. Die Viennale widmet dem Briten heuer ein größeres Tribute

Einer der wahrscheinlich merkwürdigsten Filme der diesjährigen Viennale taucht in dem Tribute an den Produzenten Jeremy Thomas auf. In The Shout von Jerzy Skolimowski geht es tatsächlich um einen Mann, der einen so entsetzlichen Schrei vernehmen lässt, dass es allerlei Getier und auch einen Hirten tot zu Boden wirft. Dieser Charles Crossley, gespielt von Alan Bates, betritt den Film von zwei Seiten - einmal bei einem Cricketspiel auf einem englischen Landgut, das als psychiatrisches Sanatorium dient, und einmal aus heiterem Himmel vor dem Kirchgang in einem englischen Dorf, wo er sich einem Mann aufdrängt, der ihn notgedrungen und auch ein bisschen neugierig zum Sonntagsbraten einlädt.

Der sehr junge John Hurt spielt diesen Anthony Fielding, der als Soundtüftler ein zurückgezogenes Leben führt, mit seiner blonden Frau und gelegentlichen Seitensprüngen mit einer Dorfschönheit. Charles Crossley wirft alles durcheinander, er hat eine ähnliche Wirkung wie der junge Mann in Pasolinis Teorema, zu dem es hier deutliche, allerdings heidnische Bezüge gibt. Heute hätte ein Film wie The Shout vermutlich keine Chance, auch nur über die Begutachtung einer ersten Drehbuchfassung hinauszugelangen. 1978 hingegen gab es für diesen Stoff grünes Licht. (Er basiert auf einer Kurzgeschichte von Robert Graves - besser bekannt als Robert von Ranke-Graves, ein großer Mythologisierer.)

Kombination der Talente

Dies war zuvorderst Jeremy Thomas zu verdanken, damals noch relativ neu im Produzentengeschäft und bereit, mit exzentrischen Ideen etwas zu wagen. The Shout hat ihn jedenfalls nicht ruiniert, sonst könnte er nicht immer noch so intensiv in der Branche mitmischen. Der aktuelle Anlass für den Viennale-Tribute liegt in der Tatsache begründet, dass Jeremy Thomas den neuen Film von David Cronenberg produziert hat: A Dangerous Method, eine Dreiecksgeschichte aus der Entstehungszeit der Psychoanalyse, mit Keira Knightley als Sabina Spielrein zwischen den Alphaanalytikern Freud und Jung. In der Kombination der hier versammelten Talente liegt eine bemerkenswerte Vermittlung zwischen Intelligenz und Ökonomie, und für dieses Verdienst steht der Tribute.

Der neben The Shout interessanteste Film im Programm ist Bad Timing von Nicolas Roeg. Auch hier geht es wesentlich um Psychoanalyse, und man könnte sich an den berühmtem Satz aus Seinfeld erinnert fühlen: "You not only need treatment. You have to go to Vienna!" Aber gerade in Wien kann auch eine Menge schiefgehen, wie sich in Bad Timing erweist. Theresa Russell spielt eine junge Frau, die sich als die klassische Verführerin für den Psychoanalytiker erweist, den Art Garfunkel (!) spielt. Verführung nicht nur in unmittelbarer, körperlicher Hinsicht, sondern gerade auch im Sinn professioneller Übertragung, also psychologischer Auskenne, die hier grandios zersplittert wird. Harvey Keitel als Ermittler komplettiert das Bild eines Films mit dem bezeichnenden Arbeitstitel Illusions, der von damaligen Produzenten als "sick by sick people for sick people" bezeichnet und sofort versenkt wurde. Inzwischen hat sich Criterion um Bad Timing verdient gemacht, ein Wiener Kino ist aber immer noch der beste Ort, um ihn zu sehen.

Jeremy Thomas, der aus einer Filmfamilie kommt (sein Onkel ist der Regisseur Gerald Thomas, sein Vater Ralph war ebenfalls Regisseur), hat auch einige echte Blockbuster des anspruchsvolleren Kinos produziert (etwa Bernardo Bertoluccis The Last Emperor), er war wesentlich an der Renaissance des britischen Films beteiligt (Sexy Beast von Jonathan Glazer), und er hat mit All the Little Animals sogar selbst einmal Regie geführt (eine therapeutische Geschichte um das Überleben und Sterben von Tieren in Cornwall).

Die Zusammenarbeit mit David Cronenberg hat auch eine Vorgeschichte. In Wien läuft Naked Lunch, die Adaption des Klassikers von William S. Burroughs, in der David Cronenberg noch organischen Fantasien frönen konnte - was hätte wohl Freud aus Vorstellungen von einer lebendigen Schreibmaschine gemacht?

Um dazu eine gute Idee zu entwickeln, bedarf es der gefährlichen Methoden, aus denen die Psychoanalyse erwuchs - freie Assoziation zur Überwindung von Zensur bei gleichzeitigem Lernen, mit (Trieb-)Ökonomie umzugehen. Alles Dinge, die ein guter Produzent auch tut, und mit dem entsprechend geschärften Blick wird man in dem Tribute an Jeremy Thomas hinter mancher Merkwürdigkeit ein recht stimmiges Lebenswerk ausmachen können.   (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

  • Mit David Cronenberg (li.) hat der britische Produzent Jeremy Thomas 
schon vor dem aktuellen  "A Dangerous Method" zusammengearbeitet - 1991 
etwa bei "Naked Lunch".
    foto: viennale

    Mit David Cronenberg (li.) hat der britische Produzent Jeremy Thomas schon vor dem aktuellen "A Dangerous Method" zusammengearbeitet - 1991 etwa bei "Naked Lunch".

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