Der Krieg als befremdliches Handwerk

19. Oktober 2011, 17:08
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Yuval Sagivs Dekonstruktion eines Propagandafilms: "How I Filmed the War"

Kriege werden heute nicht mehr im Schützengraben entschieden, aber die Gefahren für Leib und Leben sind vielfach in Afghanistan dieselben wie vor fast hundert Jahren in Frankreich: Wer die gesicherte Stellung verlässt, wird zur Zielscheibe. Das gilt für Soldaten wie auch für die Berichterstatter, die sich nahe an das Kampfgeschehen heranwagen. Deswegen ist der Dokumentarfilm aus dem Krieg ein eigenes Heldengenre geworden, mit Figuren wie dem in Libyen getöteten Tim Hetherington, der in Restrepo zu sehen ist.

Im Jahr 1916 bekamen die Menschen in England einen Film zu sehen, der ihnen The Battle of the Somme vor Augen führte - einen Angriff gegen die "Bosches" ("boches", so nannten die Gegner die Deutschen im Ersten Weltkrieg), der in großen Verlusten endete und zu einem Inbegriff verfehlter Taktik und sinnloser Opfer wurde. Es war eine Auseinandersetzung, "in which men suffered but achieved nothing", wie es in Yuval Sagivs How I Filmed the War heißt, in dem der ukrainische Filmemacher das Material untersucht, das in den Film The Battle of the Somme Eingang fand.

Es stammt von Geoffrey H. Malins, der sich später in einer Autobiografie durchaus reißerisch als Frontsoldat des Kinos stilisierte. Diesen Text und historische Aufnahmen nimmt Sagiv als Ausgangspunkt für eine Dekonstruktion von Kriegsbildern, deren ursprünglicher Zweck eigentlich Propaganda war. How I Filmed the War erreicht sein Vorhaben in einer eigenwilligen Dramaturgie, in der die Bilder zuerst eine nur nachrangige Rolle spielen und fast alles über Inserts abgehandelt wird. Sagiv konfrontiert die Aussagen von Malins mit neueren Untersuchungen zu seinem Werk.

Erst nachdem auf diese Weise das Problembewusstsein geschärft wurde, kommen die Bilder zu ihrem Recht. Der Abstand von bald hundert Jahren hat diesen für heutige Augen ohnehin längst alles Unmittelbare genommen, fast alles an diesen Szenen vom "life in the trenches" wirkt eher fremd, auch das Hantieren an den Artilleriegeräten, mit denen "plumpuddings" auf die feindlichen Reihen gefeuert wurden.

Sagiv, der mit How I Filmed the War an der kanadischen York University abschloss, scheint sich dabei zwischen der Auratisierung des alten Materials (nicht zuletzt durch einen zeitgenössischen, elektronischen Soundtrack, zum Beispiel von Fennesz) und der kritischen Analyse nicht ganz entscheiden zu wollen - so bleibt dies ein ambivalenter Versuch des Umgangs mit altem Footage in der konzeptuellen Tradition eines Pieter Delpeut.  (Bert Rebhandl  / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)

24. 10., Urania, 16.00

  • Der Ukrainer Yuval Sagiv nähert sich seinem Sujet in "How I 
Filmed the War" zunächst einmal nur über Inserts.
    foto: viennale

    Der Ukrainer Yuval Sagiv nähert sich seinem Sujet in "How I Filmed the War" zunächst einmal nur über Inserts.

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