Andy Holzer, hier in der Nordwand der "Großen Zinne", möchte alle "Seven Summits" erobern. In seiner Autobiografie "Balanceakt. Blind auf die Gipfel der Welt" schildert er den Weg dorthin.
Die Blinden-Gruppe - (v.l.) Erik Weihenmayer (USA), Douglas Isaac Sidialo (Kenia), Koichiro Kobayashi (Japan), Andy Holzer (Oesterreich) und Carl Jay Kroonenberg (USA) - bezwang im Jahr 2005 das "Dach von Afrika" - den Kilimanjaro.
foto: wirtschaftskammer wien/oreste schaller
Beim Jungunternehmertag hielt Holzer die Key Note. In seinen Vorträgen will er "den Sehenden die Augen öffnen".
Ziel Mount Everest: Andy Holzer, blinder Kletterer aus Osttirol, jagt Rekorde - Zwischendurch will er Managern die Augen öffnen
Die jeweils höchsten Berge aller Kontinente sind das Ziel. Sechs der sieben Gipfel der "Seven Summits" hat Andy Holzer schon gestürmt. Zur Komplettierung seines Lebenstraums fehlt ihm noch der Mount Everest. Holzer ist Bergsteiger - und von Geburt an blind. "Man könnte auch 45 Jahre im Bett liegen und darauf warten, dass der Tag vorübergeht", sagt er, "das wäre aber fad."
Für den 45-jährigen Osttiroler hat es sich "ausgezahlt aufzustehen", wie er am Dienstag beim Jungunternehmertag in Wien erzählte. Um seiner Leidenschaft, dem Bergsteigen, frönen zu können, berät er Manager. In seinen Vorträgen verweist er auf die Parallelen zwischen Extremsport und Unternehmensführung. Sein Motto: "Den Sehenden die Augen öffnen."
Dorf in Osttirol
Holzer wuchs mit seiner ebenfalls blinden Schwester in einem 300 Seelen-Ort in Osttirol auf. Sprüche wie "Gebts die Behinderten raus aus dem Dorf" waren zum Teil noch die freundlicheren, mit denen er und seine Familie konfrontiert wurden. Das Land sei kein adäquater Ort für Blinde, war der Grundtenor der Bewohner: "Sonst werden sie auch noch mit dem Traktor zusammengeführt." Aller Widerstände zum Trotz gingen die Geschwister in eine normale Schule: "Das war damals nicht die Norm." Eine Blindenschule gab es nicht. Von den Eltern kam jede nur erdenkliche Unterstützung: "Wir sollten das Leben von Sehenden leben." Holzer lernte Schifahren, auf Wanderungen wurde er mitgenommen.
Die Dolomiten vor der Haustüre, die Abenteuerlust im Kopf. Die Berge wurden zu Holzers großer Leidenschaft, sie ließen ihn nicht mehr los. "Man vergisst Raum und Zeit, wenn man in seiner Emotion ist." Das Schwierige war damals, schildert er, Partner zum Bergsteigen zu finden. Die Eltern wurden nicht jünger, und: "Wer will schon einen Blinden mitnehmen?" Neben der moralischen Verantwortung kommt noch die juristische Komponente. Stürzt er ab, wird sein Partner zur Rechenschaft gezogen. Ein Risiko, das zuerst keiner eingehen wollte. Holzer ließ sich zum Heilmasseur ausbilden und verdingte sich als Musiker in einer Band.
Alpiner Lehrmeister gefunden
Mit Anfang 20 kam die Wende, sein Traum nahm Konturen an. Der Bergrettungsobmann von Lienz, Hans Bruckner, nahm Holzer unter seine Fittiche, er lehrte ihn das Klettern. Schritt für Schritt, Haken für Haken. "Der nächste Tritt ist der, der vorher als Griff verwendet wurde." Mit im Gepäck: die Mutter, zumindest bei leichteren Touren. "Bis zu einem Alter von 60 ist sie mit uns mitgestiegen." Von "verschiedenen Menschen, die sich gut ergänzten" spricht Holzer: "So steht die Wahrnehmung auf breiteren Beinen." Der eine hört besser, der andere sieht. Jeder solle entsprechend seiner Stärken eingesetzt werden. Das gelte sowohl am Berg als auch im Büro. "Bin ich für etwas verantwortlich, passe ich automatisch besser auf."
80 Prozent der Wahrnehmung laufen über den Sehsinn. "Dieser unterliegt jedoch großen Täuschungen." Einerseits plädiert er für das Übertragen von Verantwortung: "Macht jemand einen Fehler, sind beide hin." Andererseits betont er, dass jeder Regisseur seines eigenen Lebens sei: "Der eine ist nicht dafür zuständig, dass der andere glücklich ist." Das lasse sich auch auf Partnerschaften oder Geschäftsbeziehungen umlegen, wo ein großes Maß an Autonomie gefragt sei, "um gemeinsam glücklich zu sein." Holzer ist seit 21 Jahren verheiratet.
Bilder als Wegweiser zum Gipfel
"Die meisten haben gedacht, dass ich nach spätestens zwei Monaten abstürzen werde", blickt er auf seine Anfänge zurück. Aus den befürchteten zwei Monaten sind mittlerweile 25 Jahre der Kletterei geworden. "Auch ich habe Bilder im Kopf", sagt er über seinen Fokus, "verliere ich die nicht aus den Augen, erreiche ich auch den Gipfel". Berge sieht er als Spiegelbild der Realität. Gipfelsieg oder Absturz: "Die Schwerkraft fragt nicht nach. Es interessiert sie nicht, ob du blind bist oder nicht."
Im Laufe der Jahre perfektionierte Holzer sein Können. "Bis zum fünften Schwierigkeitsgrad kann ich eine Seilschaft führen, bis zum achten Schwierigkeitsgrad kann ich nachklettern." Die Skala umfasst mit verschiedenen Zwischenstufen zehn Grade. Ein Schlüssel zum Erfolg war die Begegnung mit Erik Weihenmayer aus den USA, den er 2004 kennenlernte. Und zwar in einer Steilwand in den Dolomiten. Weihenmayer ist ebenfalls blind und leidenschaftlicher Kletterer.
Rekorde
In einer Dreier-Seilschaft mit Hugh Herr, einem Amerikaner mit Beinprothesen, bezwangen Weihenmayer und Holzer die Kleinste Zinne (Cima Piccolissima, 2.700 m) in den Sextener Dolomiten. Ein Jahr davor durchkletterte Holzer in nur neun Stunden die Nordwand der Großen Zinne - als erster blinder Mensch überhaupt. Eine Steilwand mit Überhang: "Auch im Leben gibt es das immer wieder mal." Man fühlt mehr als man sieht.
Die Begegnung mit Weihenmayer war der Startschuss für Holzers Professionalisierung. "Expeditionen mit einem Team kosten zehntausende Euro." Türen zu Sponsoren gingen auf, Rekorde purzelten. Es folgten eine Mont Blanc-Längsüberschreitung, der Kilimanjaro in Afrika, der Elbrus im Kaukasus, der Aconcagua in Südamerika und der Mount McKinley in Alaska, der kälteste Berg mit "minus 53 Grad und Windgeschwindigkeiten von 160 Kilometern pro Stunde", sowie der Mount Vinson in der Antarktis.
"Das ist ein unbeschreibliches Gefühl der Demut", sagt Holzer über seine Gipfelsiege und wird sicher auch bei seinem nächsten Vortrag wieder ans Gewissen der Manager appellieren. Stichwort: Sozialer Aufstieg. Nächster Halt: Mount Everest. (om, derStandard.at, 19.10.2011)
Demonstrationsvideo: Die Welt des Andy Holzer
ANDY HOLZER war Key Note Speaker beim diesjährigen Jungunternehmertag in der Messe Wien, der unter dem Motto "Chance zu wachsen" stand.
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Ich ziehe meinen Hut! Wahnsinns Leistung. Es ist für mich unvorstellbar ohne etwas zu sehen in den Bergen unterwegs zu sein.
Er muss übrigens noch 2 Berge besteigen um die 7 Summits zu schaffen (oder es wurde einer in der Liste vergessen). Es gibt 2 7 Summits Wertungen eine mit dem Elbrus als höchsten Berg Europas und dem Puncak Jaya für den Kontinent Australien. Die andere mit dem Mont Blanc für Europa und dem Mount Kosciuszko für Australien.
Laut der Standard Aufzählung fehlt also neben dem Mount Everest noch der Puncak Jaya. (ich nehme mal an das er diese Liste abschließen will, weil der Mount Kosiciuszko ist mit Flip Flops zu besteigen und so einem großen Alpinisten wahscheinlich zu fad)
Wo ich ein bissl skeptisch bin, sind die Versuche Paradigmen aus dem Leistungssport auf das Management zu übertragen und derart "beratend" tätig zu sein. Glaube dass da grundsätzlich interessante Bilder gezeichnet werden - aber die Mechanismen sind prinzipiell verschieden.
Verantwortung am Berg ist nunmal was anderes als Verantwortung im Management, weil die Einflussfaktoren andere sind. Und zB. Ausdauer als LangstreckenläuferIn erfordert was anderes als Ausdauer als ProjektentwicklerIn.
Aber wenn der Herr Holzer damit Geld verdienen kann, dann soll das recht und billig sein ...
auch ich bin skeptisch, wenn es darum geht, leistungssport und management 1:1 zu vergleichen.
aber genau hinsichtlich der prinzipien bin ich anderer meinung als sie, da diese mMn diesselben sind.
die ausformung und der kontext ist ein anderer, aber ob sie am berg oder im unternehmen teamfähig, selbstverantwortlich, offen oder planvoll agieren müssen - da gehören in beiden fällen ähnliche fähigkeiten oder denkhaltungen dazu.
im leistungssport spitzt sich das öfter zu als im gewohnheitsalltag eines unternehmens, daher ist das ganze anschaulicher und leichter verständlich.
auch ich habe großen respekt vor hrn. holzer und v.a. davor, wie er einen sogenannten makel und sein anderssein genutzt hat, um noch mehr kraft und reflexion daraus zu schöpfen. es wirkt, hr. holzer versteht dadurch ein menge vom leben.
Geh bitte, wenn jemand Sportler ist soll er dort bleiben. Mir geht das am Nerv, wenn man in Firmen immer wieder diese "Sportler" vorgesetzt bekommt. Wer Sportler ist soll dort bleiben wo er hingehört und die anderen Arbeiten lassen (u.a. für die Sportler)
und ganz grossen respekt für deine leistungen andy... !!ps: ich hab mich nicht die grosse zinne hochgetraut ;-)
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