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vergrößern 600x400Junge Frau auf der Flucht vor sich selbst: Ko-Autorin und Hauptdarstellerin Carlen Altman als bockige Heldin J. R. in "The Color Wheel".
Eine Reise erfüllt im Kino selten bloß den Zweck, Personen von A nach B zu begleiten. Im Fall von Colin (Alex Ross Perry) und seiner Schwester J. R. (Carlen Altman) geht es vordergründig darum, J. R.s Habseligkeiten aus dem Haushalt eines Uni-Professors zu bergen, mit dem sie während ihres Studiums ein Verhältnis hatte.
Noch vor der Abreise erfährt man, dass die Geschwister eigentlich keine gute Beziehung zueinander haben: Colin macht mit seiner Freundin und den Eltern gemeinsame Sache, J. R. gilt in der Familie als egozentrische Spielverderberin, die man weder bei Begräbnissen noch bei Urlauben dabeihaben will. Im Verlauf der Autofahrt übers Land, die ein Wochenende lang dauert, wird nicht nur das Verhältnis von Bruder und Schwester neu sortiert. Beide machen auch ganz grundlegende Erfahrungen. Wenn sie wieder auseinandergehen, dann werden sie wohl nicht mehr ganz dieselben sein.
The Color Wheel und seinen Ko-Autor, Regisseur, Hauptdarsteller, Cutter und Produzent Alex Ross Perry kann man zu jenem losen Verbund junger unabhängiger US-Filmemacher zählen, die man in den letzten Jahren unter anderem mit dem Begriff "Mumblecore" charakterisierte (andere Vertreter dieser Generation wie Ry Russo-Young, Bob Byington oder Sean Price Williams sind vor und hinter der Kamera an The Color Wheel beteiligt; Mumblecore-Pionier Joe Swanberg ist mit Silver Bullets selbst bei der Viennale vertreten).
Deren schnell und billig produzierte Arbeiten waren meist im erweiterten Umfeld der Filmemacher angesiedelt und von Charakteren bevölkert, die ihr (studentisches) Leben und ihre Befindlichkeit ausführlich verbalisierten. Das Spiel wirkte oft improvisiert und sympathisch ungeschliffen. Unter anderem wohl auch deshalb, weil sich hier neben jungen Filmschaffenden auch junge Darsteller und Darstellerinnen ausprobieren und einbringen konnten - inzwischen macht beispielsweise die Mumblecore-Muse Greta Gerwig bereits als Charakterdarstellerin in Hollywood Karriere.
Zu diesen Helden des Alltags passen die angehende Fernsehjournalistin J. R. und der verhinderte Autor Colin ganz vortrefflich; ihre lange Fahrt wird als eine Reihe von Stationen inszeniert, die Raum für Kalamitäten und verhaltenen Slapstick - meist auf Colins Kosten - sowie einigen Wortwitz bieten. Nicht nur wegen der grobkörnigen 16-mm-Schwarz-Weiß-Bilder erinnert The Color Wheel etwa an den frühen Jim Jarmusch.
The Color Wheel geht aber auch über die rein hedonistische Selbstbespiegelung seiner Figuren hinaus: Man kann ihn als eine gegenwärtige Low-Budget-Sittenkomödie lesen, die soziales Verhalten unter dem ökonomischen Druck zur Profilierung betrachtet und hinterfragt. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2011)
22. 10., Urania, 21.00; 23. 10., Stadtkino, 23.00
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