1934

Putsch gegen Dollfuß-Regime von Hitler persönlich angeordnet

19. Oktober 2011, 14:06

... zumindest "mit großer Wahrscheinlichkeit", ist der Historiker Kurt Bauer überzeugt

Wien - Am 25. Juli 1934 besetzten rund 150 SS-Angehörige das Bundeskanzleramt in Wien. Ihr Ziel: Engelbert Dollfuß' ständestaatliches Kabinett während der Ministerratssitzung zum Rücktritt zu zwingen und ein neues NS-kompatibles Regime unter Anton Rintelen einzusetzen. Dollfuß wurde bei der Aktion erschossen, der Putsch misslang dennoch: Der Kanzler hatte nach einer Warnung die Minister früher weggeschickt. Der Befehl für den Juli-Putsch von 1934 kam "mit großer Wahrscheinlichkeit persönlich von Adolf Hitler", ist der Wiener Historiker Kurt Bauer überzeugt, der Belege dazu in den 1992 entdeckten und 2005 publizierten Tagebüchern von Propagandaminister Joseph Goebbels und anderen Quellen gefunden hat.

Der Juli-Putsch ist für Bauer, der bereits 2003 für sein Buch "Elementar-Ereignis" über die Ereignisse vom 25. Juli 1934 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch erhalten hat, ein zentrales Ereignis der österreichischen und deutschen Geschichte. Obwohl gut erforscht, sei eine der wichtigsten Fragen bisher aber ungeklärt geblieben: Wie es zu diesem frühen Versuch einer nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich kam und welche Rolle Hitler dabei gespielt hat.

Versuchter Doppelschlag

Wie Bauer in einer in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte" veröffentlichen Arbeit nun schreibt, fasste Hitler den Entschluss für den Putsch zur selben Zeit wie für die Ausschaltung des langjährigen Führers der Sturmabteilung (SA), Ernst Röhm - den "Röhm-Putsch" am 30. Juni 1934. Dieser sei als geglückter innenpolitischer Befreiungsschlag zu werten, der für Reichskanzler Hitler den Weg freimachte, nach dem Tod von Paul von Hindenburg auch das Amt des Reichspräsidenten und damit alle Macht in Deutschland zu übernehmen. Und mit dem Putsch in Österreich habe sich Hitler aus einer außenpolitischen Umklammerung befreien wollen, die seine Expansionspläne zu ersticken drohte. Alles deute darauf hin, dass Hitler Mitte 1934 seine Außenpolitik durch die Aktivitäten Frankreichs "so sehr gefährdet sah, dass er glaubte, die Bedrohung nur durch einen solch riskanten Coup abwenden zu können", so Bauer.

Besonders dürften Hitler bevorstehende Besuche von Dollfuß in Italien und Frankreich beunruhigt haben, ebenso wie Spekulationen über ein Treffen zwischen dem italienischen Diktator Benito Mussolini und dem französischen Außenminister Louis Barthou. "War das nicht die Konstellation Österreich-Frankreich-Italien, die Hitler seit jeher gefürchtet hat? Eine Konstellation, die Deutschland in die außenpolitische Isolation führen konnte" so Bauer, für den es aus Sicht Hitlers in dieser Situation durchaus nahe lag, "mit Brachialgewalt eine Veränderung der Verhältnisse in Österreich zu erzwingen". Zudem sei Hitler der festen Überzeugung gewesen, dass ihm Mussolini bei einer Treffen am 14. Juni 1934 in Venedig einen "Regierungswechsel" in Österreich zugestanden habe.

Die "Österreichische Frage"

Dass der Juliputsch tatsächlich von Hitler selbst angeordnet wurde, belegt der Historiker u.a. anhand mehrerer Einträge in Goebbels' Tagebüchern, etwa einem vom 22. Juli nach einem hochrangig besetzten Treffen mit Hitler in Bayreuth: "Sonntag: beim Führer .... Österreichische Frage. Ob es gelingt? Ich bin sehr skeptisch." Für Bauer, der "Bayreuth geradezu als Kommandozentrale des Putsches" ansieht, ist die Passage aufschlussreich: "Hitler, der Ahnungslose und angeblich von den österreichischen Nationalsozialisten hinters Licht Geführte, wie Neurath (deutscher Außenminister Konstantin von Neurath, Anm.) und Göring (Gestapo-Gründer Hermann Göring, Anm.) später dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg weismachen wollten, hielt demnach zwei Tage vor dem Stichtag eine hochrangige Besprechung über den geplanten Putsch ab. Das heißt, Hitler nahm die Sache sehr ernst. Bei dieser Besprechung muss er seine letzte Zustimmung zu dem Coup gegeben haben. Die Möglichkeit, dass er nur oberflächlich und nebenbei darüber informiert gewesen sein könnte, scheidet damit aus."

Vom Tag des Putsches selbst schreibt Goebbels: "Beim Führer: Alarm aus Österreich. Bundeskanzleramt und Ravag besetzt. Großer Klamauk. Tolle Spannung. Entsetzliches Warten. Ich bleibe skeptisch ... Abwarten!" Und später: "...Dann Dollfuß tot. Dann ehrenvoller Abzug der Aufständischen. Dann Sieg der Regierung. Verloren!" Dieser "Klamauk" hat übrigens nicht nur Dollfuß das Leben gekostet, sondern weiteren rund 220 Menschen, die in Zuge von Aufständen der SA und ihrer Verbündeter in den Bundesländern in den Tagen nach dem 25. Juli 1934 getötet wurden. (APA/red)


Kurt Bauer hält am 19. Oktober um 17.00 Uhr im Österreichischen Staatsarchiv (1. Bezirk, Minoritenplatz 1) einen Vortrag zum Thema "Hitlers zweiter Putsch - Neue Erkenntnisse zur Rolle Hitlers am 25. Juli 1934".

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Posting 1 bis 25 von 34
1 2
denke
00
28.10.2011, 11:13

Was nicht ganz logisch erscheint:
Den Putschisten musste ja wohl klar sein, dass sie alleine überhaupt keine Chance hatten.
Nur ein Eingreifen Deutschlands hätten zum Erfolg führen können.
Also müssen sie auf ein solches spekuliert haben.

Thomas Blattl
20
22.10.2011, 07:57
Österreich keine außenpolitische Priorität für AH

Die meisten Poster hier, und auch Herr Bauer, verstehen nicht, dass der Anschluss Österreichs für AH keine außenpolitische Priorität war. Für die österreichischen Nazis war er aber eine. AH konnte sehr wohl mit einem unabhängigen Ö leben, das zumindest nicht gegen ihn war. Selbst der deutsche Einmarsch 1938 wurde erst durch Schuschniggs panikartig angeordnete "Volksabstimmung" ausgelöst, und selbst dann wollte AH zunächst keinen Anschluss, sondern nur ein weiterhin "unabhängiges", aber Nazi-regiertes Ö, schon um das völkerrechtliche Dekorum zu wahren. Zum hastigen Anschluss kam es nur, weil die österreichischen Nazis darauf bestanden. All dies lässt den behaupteten "Putschbefehl" Hitlers 1934 (!) zweifelhaft erscheinen.

FreiherrWastl
00
24.10.2011, 19:57
keine außenpolitische Priorität?

die ersten Sätze von A.H.s "mein Kampf" sprechen eine andere Sprache.

http://www.youtube.com/watch?v=1nk82tH2MPA

Nick Tameer
00
23.10.2011, 11:48

Das sind aber keine starken Gegenargumente, denn er hatte wenig dabei zu verlieren. Er konnte sich zunächst offiziell raushalten und wenn ihm Österreich 1934 quasi wie eine reife Frucht in die Hände gefallen wäre, es ihm aber noch zu früh für den formellen Anschluss erschienen wäre, hätte er damit abwarten können.

Auch wenn er keinen direkten Befehl gegeben haben sollte, ist es kaum denkbar, dass er nicht wenigstens von Putschabsichten wusste und ihre Durchführung offenbar geduldet hat.

johann steiner
01
20.10.2011, 17:36
das wissen wir schon seit Jahrzehnten

Das ist absolut keine Neuigkeit, Hitler ließ sich während der Theatervorstellung in Bayreuth laufend über den Fortgang des Pusches informieren, ein Mitarbeiter musst auf dem Rücken in die Loge hineinrutschen ( damit keine Hektik oder Aktivität nach außen auffällt) und berichten

Kaputt Nick
 
01
20.10.2011, 17:12
Gschossn hat also nicht der Planetta

sondern ein Polizist -- nur das wollte der Ständestaat nicht an die grosse Glocke hängen.

Ground Zero Lügen also.

Kaputt Nick
 
10
23.10.2011, 08:06
Richtigstellung:

Nix "Ground Zero Luegen" sondern nach Privilegium Maius und Pragmatischer Sanktion der Dritte Grosse Wahnsinn auf dem Österreich gruendet. Von wegen
"erstes Opfer"...richtigerweise: "grundlegend wahnhaftes Gebilde"! Das immer wieder auf sich selbst reinfällt. Und mit seiner Narretei immer wieder zum Schwert greifen lässt...nix "starkes Herz dem Erdteil inmitten" sondern richtigerweise "Europas paralytisches Hirn"...

Ent-täuscher
01
20.10.2011, 12:04
Namhafte Historiker,

vor allem des angelsächs. Raums sahen in der dilletantischen Durchführung des fehlgeschl. Naziputschs den Beweis für die österr. Wurzel des Ganzen. Deshalb ist es verdienstvoll, die wahren Zusammenhänge und die Ursachen dieses Terrorakts analysiert zu haben.
Dass dabei außenpolit. Zusammenhänge eine wesentl. Rolle spielen, stört Poster in ihrer provinziell. Kleinkariertheit: Hitler (und seine Berater) wussten aber sehr wohl, dass Österr. ein Schlüssel für ihre Expansionspläne war, bedeutete doch sein Fallen, dass die Tschechoslowakei offen auf dem Präsentierteller lag (unhaltbar lange Grenzen)! Ein Zusammengehen Österreichs mit Italien u. Frankreich konnte diese Pläne zumindest verzögern und damit Hitlers Lebensplanung zunichte machen

Cthulluh
01
20.10.2011, 10:24
Schön und gut, aber halt unerheblich.

Das Ziel der Illegalen wurde nur kurfristig nicht erreicht, kurz später wurde die christliche Diktatur - für die einen noch immer die Bewahrer der österreichischen Nation, für die anderen auch noch immer die Austrofaschisten - "abgewählt".

kbauer
03
20.10.2011, 09:21
Beitrag in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte

Ich möchte auf diese "Kommentare" nicht näher eingehen, sondern nur auf den ausführlichen Beitrag zu diesem sehr komplexen Thema verweisen, der mit allen gewünschten Belegen in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte erschienen ist: http://www.ifz-muenchen.de/vfz_2_2011.html . Käuflich zu erwerben beim Oldenbourg Verlag (oder in ein paar Jahren umsonst auf der Website des IfZ München abrufbar).
Kurt Bauer

der schwitzbär der schwitzt sehr
03
20.10.2011, 00:46
"Wissenschaft"

Ein Tagebucheintrag "Ob es gelingt?" belegt, daß man von den Putschplänen gewußt hat

aber inwiefern belegt er, daß er angeordnet wurde ?

Andi Arroganti
02
20.10.2011, 09:45

Vielleicht seinen Aufsatz lesen bevor hier dämlich gepostet wird?

der schwitzbär der schwitzt sehr
00
21.10.2011, 02:49

Sie meinen er hält Belege dafür zurück. die er hier nicht erwähnt ?

uiiii.....

Nick Tameer
03
19.10.2011, 20:40

Wenn das der Führer gewusst hätte!

Plaats van Samenkomst
02
19.10.2011, 19:28
Da bin ich jetzt aber ganz baff!

Weil ich dachte immer, dass die österreichischen Kellernazis einfach am Führer vorbei einen Putschversuch unternehmen konnten. Aber zum Glück gibt es so brillante Historiker wie Herrn Bauer! ;)

Wolferlll
00
20.10.2011, 08:21

wo kann ich ihre Veröfflichtung mit anerkannten historischen Methoden nachlesen?

pago1
00
19.10.2011, 18:41
also hängt er zurecht in der övp zentrale

der verbrecher

Numerianus
00
19.10.2011, 19:00

leider 78 Jahre zu spät.

Thomas Blattl
23
19.10.2011, 16:07
Was für ein Holler!

"War das nicht die Konstellation Österreich-Frankreich-Italien, die Hitler seit jeher gefürchtet hat? Eine Konstellation, die Deutschland in die außenpolitische Isolation führen konnte": Was für ein hahnebücherner Blödsinn! Als ob Österreich damals für das Deutsche Reich, Italien oder Frankreich irgendwie wichtig gewesen wäre.
Trotz Anschlussverbot wurde Österreich von den Siegern des 1. Weltkrieges als in der deutschen Interessensphäre liegend betrachtet. Der Ständestaat, der sich ja selbst als das bessere Deutschland sah, hätte sich doch auch rein innenpolitisch nie so eine unwahrscheinliche "Konstellation" mit Frankreich und Italien (das als Preis für seinen Verrat Südtirol bekommen hatte) gegen das Deutsche Reich leisten können.

Kohlhaas1
00
20.10.2011, 12:02
Die Gesellschaften müssen in Militärbündnissen nicht kompatibel sein.

Wohl aber deren gemeinsame Ziele.
NAchdem Clemenceau 1918 wegen des Anschlusses meinte man verkleiner Deutschland nicht um ihm dann ein paar Millionen Österreicher zuzuführen und die öst. Regierung einen Anschluss verhindern wollte ist hier die Gemeinsamkeit zu suchen. Und da sich Italien als Schutzmacht der Ösis sah ist das mit der Zusammenarbeit zwischen diesen Staaten nicht allzuweit hergeholt.
Immerhin hatten Österreich und Frankreich mehrfach gegen deutsche Staaten zusammengearbeitet.

Intelligenzplebejer
01
21.10.2011, 05:27

Frankreich wäre ein solches Bündnis grundsätzlich nicht ohne britische Unterstützung eingegangen. Die beiden westeuropäischen Demokratien trauten den italienischen Faschisten nicht über den Weg. Letztlich entscheidend war jedoch, dass v. a. in London die Einsicht reifte, dass den Deutschen nach dem 1. Weltkrieg schweres Unrecht angetan wurde und man nun auch aus realpolitischen Erwägungen bereit war, Deutschland jede nicht-imperiale territoriale Expansion zuzugestehen, die limitierte nationale Ziele verfolgte, d. h. lediglich auf Gebiete mit deutscher Mehrheitsbevölkerung abzielte, sofern sie friedlich zu erreichen war.

Marquis de Sade
 
03
20.10.2011, 08:50

da geht es um geostrategische Überlegungen. Dass Österreich und Italien sich militärisch lange in der Patt-Stellung halten können, hat der 1. WK gezeigt, weil die Alpen zu "einfach" zu verteidigen sind. Wenn sich diese beiden aber zusammentun, wäre die gesamte Südflanke Deutschlands offen gewesen. Und das eben auch für Frankreich. F selbst wäre über die Maginotlinie nicht angreifbar gewesen, hätte aber mit einem Schwenk über Italien und Österreich leicht nach Bayern können. Österreich ist hier also nur die Eingangstür für F und I, deswegen aber genauso wichtig wie zB Gibraltar für die Briten als Eingang zum Mittelmeer oder Malta als "unsinkbarer Flugzeugträger".

Intelligenzplebejer
00
21.10.2011, 05:46

Es ist völlig undenkbar, dass mehrere Millionen französische Soldaten unbemerkt über die Westalpen bzw. über die Seehäfen Genua und Venedig nach Norditalien verbracht werden könnten (was zudem die Verteidigung Frankreichs an seiner Ostgrenze schwächen würde), die sich daraufhin im Raum Verona sammeln würden, um bald darauf nach Norden Richtung Deutschland vorzustoßen. Hätte man eine solche verrückte Operation gestartet, wäre Nordtirol von Deutschland besetzt worden bevor man in Wien bis drei hätte zählen können. Man hätte Deutschland geradezu dazu aufgefordert, Österreich im Sturm zu nehmen, was das Naziregime vor der Weltöffentlichkeit vermutlich sogar noch ziemlich glaubhaft als Präventivkrieg hätte darstellen können.

Marquis de Sade
 
00
21.10.2011, 16:12

also inklusive allierter Truppen (Exil-Polen/Tschechen, Niederlande, Belgien, GB, Kanada, Luxemburg) waren es "nur" 2,8mio Soldaten. Von "Millionen" ist also nicht die Rede, wenn man die Heimat nicht mit einer sperrangelweit geöffneten Tür dastehen lassen will.

Außerdem sind Truppenverlegungen in verbündetem Gebiet doch relativ rasch möglich. Na klar merkt man das früher oder später, aber ein Vorteil ist es dennoch. Simpler Vergleich... ich hol meine Waffe aus dem Auto und wenn ich sie hab, ist wohl etwas wenig Zeit da um nach der eigenen zu greifen, auch, wenn man sie sieht.

Und eine Truppenverlegung Deutschlands an eine dann plötzlich entstehende Südfront, wäre ja auch nicht innerhalb von 24h passiert.

Van Nelle
00
19.10.2011, 22:45

Die Sorge war aber nicht unberechtigt. Eben weil viele Österreich als im Interessensgebiet Deutschlands liegend betrachteten war die Regierung Dolfuß so darum bemüht Allianzen mit Italien zu schmieden - und war damit zu Beginn ja auch erfolgreich.

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