Zwei strahlend blaue Augen im Vergnügungspark der Arbeitslosen

19. Oktober 2011, 13:21
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Terence Hill und Bud Spencer beim Steirischen Herbst - in fünf Kritiken

(Diese Theaterkritiken entstanden im Rahmen eines Workshops von STANDARD-Kultur-Redakteur Thomas Trenkler mit Schülern beim Steirischen Herbst.)

Zwei strahlend blaue Augen im Vergnügungspark der Arbeitslosen

Eine Hauswand, davor ein alter Fernsehbildschirm, plötzlich erscheint eine Figur: Bud Spencer, rundlich, mit Bart, unverkennbar. Kurz danach kommt sein Bruder, Terence. Sie wirken ein bisschen wie Mario und sein Bruder Luigi. Während die beiden einen Banküberfall planen, taucht Valerie auf und beschwert sich über ihren Job: Sie vermittelt Arbeit.

Im Stück Die blauen Augen von Terence Hill von Copy & Waste geht es um Arbeitslosigkeit und Gewalt. Beim Steirischen Herbst wurde es am Grazer Orpheum uraufgeführt. Nicht nur einmal lässt Bud Spencer die Fäuste fliegen und Valerie sich von TV-Schuldenhilfe Peter Zwegert beraten.

In Jörg Albrechts Stück ist es schwierig, eine durchgehende Handlung zu erkennen. Immer wieder tauchen kurze Handlungsabrisse auf, die für wenige Sekunden zeigen, wie sich die vier Personen früher als Schauspieler durchgeschlagen haben. Währenddessen wird das Bühnenbild buchstäblich in Stücke zerlegt, am Schluss steht keine der aufgestellten Wände mehr. So unregelmäßig wie die Handlungsabrisse hat der Regisseur Steffen Klewar die Musik eingebaut, zu welcher auch gut gesungen wird. Der Versuch, Hartz IV als Vergnügungspark darzustellen, gelingt jedoch denkbar schlecht. Die Effekte, vor allem die Videos, sind hingegen durchaus brauchbar – auch Trockeneis kommt gezielt zum Einsatz.

Nacheinander kommen die Figuren nach vorne und bringen ihren Hass auf den Text zum Ausdruck. Dabei schaffen es die Schauspieler durchaus gut, die verschiedenen Personen zu verkörpern. Besonders auffällig ist, dass Valeries Kollege alle Rollen die er einmal gespielt hat, noch einmal im Zeitraffer durchgeht. Fazit: eine gute Idee, aber viel zu kompliziert umgesetzt. Hielte man die Story einfacher, könnte man mehr von den positiven Seiten der Aufführung profitieren. (Lukas Winiwarter)

Am 6. Oktober 2011 fand im Orpheum Graz die Uraufführung des Theaterstücks Die blauen Augen des Terence Hill, des Stadtschreibers Alberich, statt.

Das Stück handelt von den Anfängen des Schauspielerpaares Bud Spencer und Terence Hill. Das in Westernmanier aufgebaute Stück spielt anfangs in einer primitiven Plattenbausiedlung, verlagert sich aber mit der Zeit an exotische Orte, wie beispielsweise Hollywood. Wer jedoch an eine genaue Nacherzählung des Lebens von Terence Hill denkt, der ist hier völlig fehl am Platz. Denn die gute Sozialkritik, die mit vielen guten Vergleichen aufwartet, verdrängt leider die Fakten. Auch müsste man schon ein Theaterprofi sein, um die durchaus guten Anspielungen und Vergleiche aus den unendlich langen Textzeilen herauszuhören, die neben dem Publikum auch sichtlich den Darstellern auf die Nerven gingen. Trotz der Bemühungen des Autors für Kurzweile zu sorgen, sind die meisten Textpassagen um etliches zu lang, und dadurch auch kompliziert, und sind daher nicht für den durchschnittlichen Theaterbesucher geeignet, welcher auf der Suche nach leichter Kost wohl ein anderes Stück vorziehen sollte. Jedem Theaterfreund, der sich dieses Stück, das vor allem gegen den Sozialstaat und die Wirtschaft zielt, trotz allem nicht entgehen lassen will, sei geraten sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern, da man in der letzten Reihe, aufgrund der schlechten Beleuchtung, den Großteil des Geschehens nicht mitbekommt. (Philipp Beinkofer)

Mit großer Neugier vonseiten der Zuschauer wurde am 7.Oktober 2011 die Uraufführung von Die blauen Augen von Terence Hill im Orpheum Graz der Theatergruppe copy & waste erwartet. Der Autor und Regisseur dieses Auftragsstück des steirischen herbst, Jörg Albrecht, der selbst ein Mitglied von copy & waste ist, brachte damit die Arbeitslosigkeit zur Geltung.

Das Stück knüpft an die Tradition des Italo-Westerns und seiner Persiflage durch Bud Spencer und Terence Hill an.

Bud Spencer und Terence Hill drehen in den billigen Westernkulissen eines Freizeitparks ihren neuen Streifen Hartzen für ein Halleluja. Es geht um den Überlebenskampf in der Arbeitswelt und damit soll die heile Welt, als der Sozialstaat noch funktionierte, wiederhergestellt werden. Die Inszenierung beginnt mit einer typischen Western-Kulisse,mit einer heruntergekommenen Häuserzeile mit Hinterhof irgendwo im Westen,einem Fernsehersprecher und Western-Klänge in Anlehnung an Ennio Morricone, aber mit einem quietschendem Störgeräusch, das an Räder oder Maschinen erinnert.
In der ersten Episode geht es um einen kriminellen Chef, der nur mithilfe der Arbeitslosen abkassieren will.
Die zweite Szene handelt von Tom,einem Versicherungsvertreter, der bei vorgetäuschten Unfällen abzocken will. Die Darsteller in dieser Inszenierung sind Steffen Klawer, Sebastian Thiers, Janna Horstmann und Mathias Znidarec. Die Schauspieler wechseln immer wieder ihre Rollen, da verschiedene Episoden gespielt werden, teilweise wird auch gesungen und auch die Prügeleien werden von Geräuschen unterstützt, außerdem gibt es viele übertriebene Bewegungen.

Die vier Darsteller trugen Cowboystiefel oder Sportschuhe und eine der Handlungszeit angepasste Kleidung. Als Kulisse dienten Holzwände, die durch Projektionen, Lichteffekten und durch das Umfallen der brüchigen Kulissen neue Räume definierten: Job-Center, Strand, Küche etc.

Die Schlussszene ist eine eindeutige Varietétheater-Szene mit dem Thema Spiel und Abzocke.

Mit wohlwollendem Applaus, aber nicht besonders großem Jubel wurden die Darsteller des Theaterstücks vom Publikum belohnt. Alles in allem ein gelungenes Stück! (Aliki Gigerl)

Vier Fäuste für ein Halleluja? Oder vielmehr Harzen für ein Halleluja?

Jörg Albrecht lautet der Name des Berliner Autors und Grazer Stadtschreiber 2010/11, der im Rahmen des steirischen Herbst ein Stück unter dem Motto Welche Welt? verfasste, das am Freitag, dem 7. Oktober, im Orpheum Graz unter dem Namen Die blauen Augen von Terrence Hill seine Uraufführung feierte.

Stücke sind bekanntlichja sehr abwechslungsreich, und nie weiß man, was einen erwarten wird. Dasselbe widerfährt einem auch bei diesem Stück, in dem die Antihelden Bud Spencer und Terrence Hill ihren neuen Streifen Harzen für ein Halleluja drehen.

Im Gegensatz zu anderen Theateraufführungen sind hier keine simplen Theatertexte zu erwarten, vielmehr anspruchsvolle und schnell gesprochene Essays und Monologe, die nicht leicht nachzuvollziehen sind. Im Stück versucht Regisseur Steffen Klewar, der gleichzeitig Terrence Hill spielt, die zwei Westernhelden Bud Spencer (Sebastian Thiers)und Terrence Hill in ein alltagsnahes Geschehen einzubinden und in Verbindung mit prekären Arbeitssituationen zu bringen. Harzen für ein Halleluja steht demnach für die Übertragung des Westerngenres auf ein aktuelles Thema, im Sinne von Hartz IV und Arbeitslosigkeit. Die vier Schauspieler zeigen in verschiedenen vorgespielten Episoden, die unter anderem durch das Bühnenbild ersichtlich werden, wie langwierig das Leben eines Arbeitslosen ist und wie viel Zeit diese trotzdem verschwenden.

Die Schauspieler zeigen sich facettenreich, singen, und treten aus ihren eigenen Rollen hinaus, um über ihre eigene Arbeit zu erzählen und darüber, wie schwer es ist als freier Schauspieler überleben zu können. Angedeutet wird dies durch einen Lichtwechsel und der Position des jeweiligen Schauspielers.

Die blauen Augen von Terrence Hill ist also ein Theaterstück, das eine gewisse Aufmerksamkeit erfordert, um die manchmal vorkommenden, gefühlten 180 km/h schnellen Sätze der Akteure zu verstehen und nachzuvollziehen, und um auch die witzigen Zeilen herauszuhören. Wird diese Forderung erfüllt, steht einem Abend mit tollen Szenenwechsel, lustigen aber auch berührenden Zwischenspielen, guter Musik und einem ernstem Thema nichts im Wege! (Melissa Erhard)

Doch lieber Hamlet?

Beklemmend wirft die Kamera Bilder von Elendssiedlungen und endlosen Gängen auf eine schlichte Sperrholzwand, die dem Zuschauer wie aus einem Traum gerissen erscheint, eine Stimme ertönt aus dem Off. Vier Schauspieler erscheinen, die ihre Rollen zwar gut spielen. Innerhalb der achtlos in die Runde geschleuderten Gags ("Auf zur Rampensauna!") und der hastig gesprochenen Dialoge aber unterzugehen drohen, ebenso wie die fast lyrisch anmutenden Texte Umso besser das Bühnenbild, das ständig neue Blickwinkel freigibt, unter anderem auf eine Küche und ein Trampolin. Der Zuschauer sitzt nach wie vor in seinem Sessel und ist sich über sein Handeln nicht klar. Soll er lachen, weinen, schlafen, begeistert applaudieren oder sich still unter seinen Sitz erbrechen, während auf der Bühne eine Geschichte erzählt wird, die in H4, einem Freizeitpark für Arbeitslose spielt, deren Handlung aber durchwegs nicht ersichtlich ist, ebenso wenig wie die Tatsache, dass einfach alle paar Minuten der Name Terence Hill in die Szenerie geschleudert wird. Ist das, was man sieht, eine Komödie? Man lacht, doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Ein Drama? Verwässert durch zu viele Witze. Spätestens wenn ein Videospiel, indem die Protagonisten um ihr Leben rennen müssen und Pilze essen, um Größer zu werden, als Metapher für das Leben hinhalten muss, die Prinzessin Peach mit ihren Münzen auf eine Art Hochsitz steigt, um vor der Unterschicht zu flüchten und traurige Reden über den wirtschaftlichen Verfall von "Mariotal" angestimmt werden, konzentriert sich der Zuschauer in erster Linie auf das kalte Neonlicht, das von der Küche kommt, den rauschenden Fernseher und die zwar zusammenhanglosen, aber guten Musikeinlagen. Kreativ, doch verwirrend, das alles. Man wünscht sich fast wieder zurück zu Hamlet, wo die Handlung wenigstens verständlich ist. Die Dialoge verstummen, das Saallicht geht an und ersetzt damit das mal warme, mal AMS-kalte Licht der Bühne, die Zuschauer schrecken aus ihrem Dornröschenschlaf hoch, registrieren, dass das Ende gekommen ist, manch einer möchte wegrennen und bleibt doch sitzen, manch einer sitzt da, lächelt, und schaut seinen Händen beim Klatschen zu. (Lena Hödl / DER STANDARD, 19.10.2011)

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