"Geschäft mit der Lebensmittelsicherheit ist gewaltig"

19. Oktober 2011, 17:14
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Michael Cembalest, Chefstratege bei JPMorgan, über Investmentchancen in der Eurokrise und die Schnäppchenjagd in China

Wie tickt ein Private Banker, der mehr als 500 Milliarden Euro verwaltet? Michael Cembalest, Chefstratege bei JPMorgan, über Investmentchancen in der Eurokrise und die Schnäppchenjagd in China. Von András Szigetvari.

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STANDARD: In den vergangenen Wochen sind die Börsen nach unten gerasselt. Vom Absturz waren auch kerngesunde Unternehmen wie zum Beispiel Siemens betroffen. War das eine Panikreaktion?

Cembalest: Das würde ich nicht sagen. Im März 2008 ist die US-Investmentbank Bear Stearns umgefallen. Die klugen Investoren haben damals erkannt, dass da nicht nur eine Bank ins Wanken geraten war, sondern ein ganzes Geschäftsmodell, das auf wenig Eigenkapital und vielen riskanten Krediten beruhte. Wer das verstand, reduzierte sein Risiko rechtzeitig im Sommer 2008. Dasselbe Muster finden wir im Oktober 1997: Damals bekam Thailand Probleme, obwohl es Asien gutging. Wer begriff, dass sich die Krise ausbreiten würde, konnte seine Verluste eingrenzen. Die klügsten Anleger sind jene, die früh verkaufen und früh wieder zuschlagen.

STANDARD: Das erklärt den Fall Siemens aber noch nicht.

Cembalest: Der Absturz hängt mit der Eurokrise zusammen. In Europa ist mit Griechenland, Irland und Portugal ein Land nach dem anderen umgefallen. Die deutsche Regierung wird vermutlich weitere Milliarden Euro ausgeben müssen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Woher sollen sie das Geld nehmen? Berlin wird die Steuern erhöhen, das könnte auch Unternehmen treffen. Höhere Steuern senken aber die Gewinne, was selbst Aktien von gesunden Firmen weniger interessant macht.

STANDARD: Der Crash hat viele europäische Unternehmen extrem billig gemacht. Ist jetzt der Zeitpunkt, um wieder einzusteigen?

Cembalest: Europäische Aktien haben tatsächlich inzwischen ein dem Risiko am Kontinent entsprechendes Preisniveau erreicht. Nun muss man aber aufpassen: Nur weil jemand eine Treppe hinunterfällt und unten aufschlägt, bedeutet es noch nicht, dass er wieder aufstehen kann. Obwohl zum Beispiel Bankaktien in Europa derzeit billig gehandelt werden, erscheinen sie uns nicht interessant. Wir rechnen nach der Teilverstaatlichung der belgischen Dexia mit weiteren Bankenrettungen in Europa, bei denen Investoren ihr Eigentum oder zumindest Mitspracherechte verlieren werden.

STANDARD: Wie sieht es mit Unternehmen in der Realwirtschaft aus?

Cembalest: Diese sind tatsächlich spannender. Es gibt derzeit einige global aufgestellte deutsche, britische und spanische Industriekonzerne, die billig zu haben sind. Dabei sind vor allem Firmen interessant, die nicht mehr als ein Drittel ihres Umsatzes in Europa machen.

STANDARD: Haben Sie auch Investmenttipps für außerhalb Europas?

Cembalest: Da sehen wir die Chancen vor allem in aufstrebenden Märkten wie Brasilien und China. Konkret interessiert uns besonders der Gesundheitssektor in diesen Ländern, und das Geschäft mit der Zulassung von Nahrungsmitteln ist interessant. Das ist ein boomender Geschäftszweig.

STANDARD: Die Zulassung von Nahrungsmitteln?

Cembalest: Ja, das Geschäft mit der Lebensmittelsicherheit ist gewaltig. China ist ein Land, in dem nach wie vor ein beträchtlicher Teil der Nahrung verschimmelt, ehe er in die Supermärkte gelangt, weil es nicht genug Kühltransporter gibt. Nach Angaben der Uno ist ein Drittel des Trinkwassers in China für den menschlichen Gebrauch nicht geeignet. Aber das Land wird immer wohlhabender. Wenn die Einkommen der Haushalte ansteigen, möchten die Menschen als Erstes dafür sorgen, dass ihre Nahrungsmittel sicher sind. Also werden gewaltige Summen in die Lebensmittelsicherheit investiert. In einigen Ländern sind es staatliche Behörden, die für diese Sicherheit sorgen. In China ist das nicht der Fall. Ein großer Teil dieser Aufgaben wird von Privatunternehmen übernommen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2011)

MICHAEL CEMBALEST ist Chefstratege von JPMorgan Asset Management und Chief Investment Officer von deren Private Bank. Er ist damit für die Portfoliokonstruktion vermögender Privatkunden verantwortlich, deren von JPMorgan verwaltetes Vermögen sich auf mehr als 500 Milliarden Euro beläuft.

  • Cembalest: "Wer Geld hat, investiert in gesunde Nahrung."
    foto: jp morgan

    Cembalest: "Wer Geld hat, investiert in gesunde Nahrung."

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