Rund 45.000 Tote im Kurden-Konflikt seit 1984
Ankara/Wien - Bei einem der schwersten PKK-Angriffe seit Jahren haben kurdische Kämpfer in der Türkei mindestens 26 türkische Soldaten und Polizisten getötet. Die türkischen Streitkräfte reagierten mit Bombenangriffen auf angebliche PKK-Einrichtungen im Irak. Nachfolgend Angaben zur türkischen PKK und der autonomen Kurden-Region im Irak:
- Die "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) wurde 1978 in der Türkei gegründet und begann 1984 mit ihrem bewaffneten Untergrundkampf für ein unabhängiges Kurdistan vor allem im Südosten der Türkei und auch den kurdischen Gebieten in den angrenzenden Staaten Syrien, Iran und Irak. Die PKK, die immer auch unter türkischen Kurden im westeuropäischen Ausland in Form von militanten Gruppen aktiv war, wurde bis zu dessen Festnahme 1999 maßgeblich von Abdullah Öcalan geprägt. Öcalan war vom türkischen Geheimdienst aus Kenia entführt und von einem Staatssicherheitsgericht zum Tod verurteilt worden. Sein Todesurteil wurde nach Abschaffung der Todesstrafe in lebenslange Haft umgewandelt.
Öcalan hatte nach seiner Festnahme 1999 den bewaffneten Kampf der Gruppe für beendet erklärt. Mitte 2004 kündigte die PKK jedoch den Waffenstillstand auf.
- Der bewaffnete Kampf der kurdischen Separatisten in der Türkei hat seit 1984 auf beiden Seiten rund 45.000 Menschenleben gekostet. Im Visier der PKK-Rebellen war in der Südosttürkei vor allem Vertreter der türkischen Staatsmacht wie Polizisten und Soldaten, doch auch eine große Zahl von Zivilisten bezahlte in dem jahrzehntelangen Guerilla-Krieg mit dem Leben.
- Im Irak stellen die Kurden rund ein Fünftel der Bevölkerung. Sie leben vor allem im gebirgigen Norden. Höhere kurdische Bevölkerungsanteile gibt es auch in den direkt angrenzenden Gebieten in den Nachbarstaaten Türkei, Iran und Syrien.
- Schätzungsweise 2.000 Kämpfer der türkischen PKK sollen sich laut Ankara in den Bergen im Nordirak versteckt halten. Von dort aus unternahmen sie in den vergangenen Jahren immer wieder Anschläge und Angriffe auf Ziele in der Türkei, vor allem gegen türkische Militärpatrouillen. Mehrfach hat die türkische Armee durch Luftschläge auf nordirakische PKK-Verstecke auf die Rebellenangriffe reagiert. Die USA befürchteten, die türkischen Militäreinsätze könnten den Irak weiter destabilisieren.
- Die Europäische Union, die USA und die Türkei betrachten die PKK als terroristische Organisation. In Deutschland und Frankreich ist die Gruppe verboten, in Österreich nicht. Hier sind sind türkische Kurden in diversen Vereinen organisiert, meist firmieren diese als Kulturvereine. Im Milieu ist bekannt, dass die PKK im Ausland Strukturen mit regionalen Zuständigkeiten unterhält und dass auch "Schutzgelder" eingehoben werden.
- Neben Angriffen der PKK-Kämpfer vom Irak aus fürchtet die Regierung in Ankara auch die Entstehung eines kurdischen Staates in unmittelbarer Nachbarschaft, der das Streben der Kurden in der Türkei nach Unabhängigkeit verstärken könnte. Die irakischen Kurden genießen eine großzügige regionale Autonomie unter Führung von Massoud Barzani, die auch der Regierung in Bagdad Probleme bereitet. Die kurdische Regionalregierung zeigt der irakischen Zentralregierung immer wieder, dass sie der eigentliche Herr im Haus ist. Barzanis kurdischer Gegenspieler Jalal Talabani ist gesamt-irakischer Präsident.
Nach wiederholten türkischen Luftangriffen auf Kämpfer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak hatte die Regierungspartei der autonomen Kurdenregion im Irak die Rebellen zum Gewaltverzicht aufgerufen. Die PKK müsse ihre Waffen niederlegen und "einen zivilen und parlamentarischen Kampf in der Türkei" aufnehmen, sagte der Vize-Chef der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP), Neshirvan Barzani, Neffe von Massoud Barzani, Ende August. Barzani rief auch die Partei für freies Leben in Kurdistan (PJAK) auf, "ihren bewaffneten Kampf aufzugeben und ihre Waffen niederzulegen". Die Regierung in Ankara müsse ihrerseits "eine Politik der Offenheit und Demokratie" verfolgen.
- Seit der US-geführten Invasion in den Irak und dem Sturz Saddams 2003 ist der Norden im Vergleich zum Rest des Landes anfangs weitgehend von Gewalt verschont geblieben. Viele Iraker unterschiedlicher Volksgruppen haben deshalb dort Zuflucht gesucht. In der Vergangenheit kam es jedoch auch in der Kurden-Region in immer stärkerem Maße zu Anschlägen. Zielscheibe wurden wiederholte irakische Christen und auch deren Geistliche.
- Mittlerweile tritt die türkische PKK unter verschiedenen Namen auf - von 2002 an als KADEK (Freiheits- und Demokratiekongress Kurdistans) oder seit 2003 als KONGRA GEL (Volkskongress Kurdistans).
- Seit August 2003 treten in der Türkei die "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK) in Erscheinung, die sich zu mehreren Anschlägen bekennen und weitere Aktionen ankündigen, so lange die "Angriffe auf das unterdrückte kurdische Volk" nicht eingestellt würden. Die Freiheitsfalken Kurdistans (Teyrebazen Azadiya Kurdistan) sind eine Splittergruppe der PKK. Nach türkischen Angaben wird die TAK von der PKK benutzt - besonders dann, wenn es bei Anschlägen zu zivilen Opfern kommt. Laut PKK liegt die Splittergruppe außerhalb ihrer Kontrolle. Auch die TAK steht mittlerweile nach offiziellen Angaben auf der Terrorliste der USA. (APA)