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Viele Menschen trinken um das Fehlen von sozialen Kontakten zu kompensieren.

Christian Wetschka: "Einsamkeit ist ein massiver Krankheitsfaktor"
Vier bis fünf Prozent der österreichischen Erwachsenen sind alkoholkrank, meint Sozialpädagoge Christian Wetschka, der in Wien zwei Wohngemeinschaften für schwerst Alkoholkranke gegründet hat. "In der Praxis ist es ein großes Elend, dass man von einer Alkoholdiagnose spricht, man müsste vielmehr von verschiedenen Alkoholismus-Erkrankungen sprechen", ist er überzeugt. Besonders in Zusammenhang mit Armut und Wohnungslosigkeit müsse die Therapie und Betreuung der Menschen differenziert gestaltet werden.
derStandard.at: Wie hängen Armut und Alkoholsucht zusammen?
Wetschka: Seitdem es soziologische Beobachtungen gibt, ist Armut verknüpft mit allen möglichen negativen Konsequenzen. Arme haben von jeher eine schlechtere Ernährung, mehr Stress und sterben früher. Das Fehlen von Bildung und ein schlechter sozioökonomischer Status verschlechtern alle Entwicklungen. Wenn man dann noch eine körperliche oder psychische Erkrankung wie eine Sucht hat, ist der Verlauf viel schlechter.
derStandard.at: Kommt Alkoholismus eher in ärmeren gesellschaftlichen Schichten vor?
Wetschka: Es ist ein Kurzschluss zu sagen, dass jemand alkoholkrank wird, weil er arm ist. Das ist eine viel zu einfache Korrelation. Die Menschen sind auch nicht arm, weil sie trinken. Gegen diese Aussage verwehre ich mich. Jede Krankheit hat einen sozialen Aspekt und der ist sehr hoch zu bewerten. Die Menschen sind arm und haben infolge dessen ein schlechteres Selbstmanagement und weniger soziale und ökonomische Ressourcen. Dadurch sind sie viel mehr belastet. Aus dieser Stresssituation heraus entstehen dann pathologische Kompensationsmechanismen wie die Sucht. Eine Krankheit ist ja auch der Versuch eines organischen oder psychischen Systems ein Gleichgewicht herzustellen. Sucht ist allerdings eine destruktive Möglichkeit ein gesünderes, zufriedeneres Leben zu führen.
derStandard.at: Ist der Verlauf einer Alkoholerkrankung bei Menschen unter der Armutsgrenze schwerer?
Wetschka: Selbstverständlich. Die wichtigsten Dinge im Leben fehlen: die Sicherung der Grundbedürfnisse und die soziale Sicherheit. Es gibt daher weniger psychische und soziale Kompensationsmöglichkeiten wie Freunde oder Familie. Schon ohne Alkoholismus leben arme Menschen sieben Jahre kürzer. Sie rauchen mehr, trinken früher Alkohol, konsumieren eventuell psychotrope Substanzen, Medikamentensucht kommt häufig dazu.
Unter wohnungslosen Menschen kommt daher die Typ IV- Erkrankung nach Otto M. Lesch besonders oft vor. Das sind die schweren Verlaufsformen, die vor allem bei den Männern auftreten. Bei dieser Untergruppe finden wir eine Kombination von belastenden Faktoren auf allen Ebenen: genetische Vorbelastung, lang anhaltender Stress in der Kindheit, oft auch Traumatisierungen, fehlende Bildung, Gehirnschädigungen durch Stürze oder Entzündungen, Epilepsien oder sogar psychotische Erkrankungen. Generell ist das Alkoholkonsum infolge "frühkindlicher Vorschädigung und Entwicklungsstörungen".
derStandard.at: An welchem Typ erkranken Menschen, die deutlich über der Armutsgrenze leben?
Wetschka: Eher nicht an Typ IV. Aber Erkrankungs-Typ III kann auch ein Primararzt, Manager oder Politiker sein, mit einer affektiven Störung: Alkoholiker dieses Typs verwenden Alkohol als Selbstmedikation bei Befindlichkeitsstörungen und Schlafproblemen. Das sind oft Menschen, die mit einem sehr hohen Anspruch durchs Leben gehen und oft eine sehr rigide, fast zwanghafte Persönlichkeit haben.
derStandard.at: Welche Typen nach Lesch gibt es noch?
Wetschka: Typ I-Alkoholiker trinken aufgrund von biologischem Verlangen, sie bauen Alkohol schneller ab, haben also eine spezifische Stoffwechsel-Variante. Auch sie können schwere Entzugssymptome haben. Typ II-Alkoholiker trinken aufgrund von psychologischem Verlangen zur Bewältigung von Konflikten und als Selbsttherapie bei Angst und Unruhe. Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sind in diesen Fällen hilfreich.
derStandard.at: Welche Folgeerkrankungen haben Typ IV-Patienten?
Wetschka: Das hängt wieder zusammen mit den schlechten Ausgangsbedingungen, das gesamte Selbstmanagement eines Menschen ist beeinträchtigt, Grundfähigkeiten fehlen. Sie haben oft negative Vorbilder in der Kindheit, gehen seltener zum Arzt. Diese Patienten leiden unter Mangelerscheinungen, die zu Nervenschäden führen. Die typischen Erkrankungen wie Kreislaufstörungen und hoher Blutdruck treten bei ihnen viel früher auf. Dazu kommen z. B. Magenentzündungen und schwere Polyneuropathien (Nervenschädigungen, Anm.). In weiterer Folge kommen Antriebsstörungen dazu und das führt wiederum zu sozialem Rückzug und Vereinsamung.
derStandard.at: Stichwort soziale Armut.
Wetschka: Die Zunahme der Einsamkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, es gibt z. B. immer mehr Single-Haushalte. Aber unsere Klienten haben wenige Kompensationsmöglichkeiten. Wenn eine Beziehung scheitert oder sie ihre Wohnung verlieren, ist der Weg zurück ungleich schwerer, meist ein jahrelanger. Und wenn sie dann wieder eine Wohnung haben, fehlen die sozialen Kontakte. Versuchen diese Menschen dann ohne Alkohol zu leben, verlieren sie auch noch die wenigen, die sie im Wirtshaus haben oder am Würstelstand. Gleichzeitig wissen wir, dass Einsamkeit ein massiver Krankheitsfaktor ist.
derStandard.at: Bei der sozialen Armut setzt auch Ihr Verein an?
Wetschka: Genau. Dort wo wir Typ IV-Patienten in eine Wohn- oder Hausgemeinschaft integrieren können, oder wenn sie das Glück haben einen Partner oder Freunde zu finden, haben wir enorme Erfolge. Nämlich weit über das hinaus, was wir in normalen psychotherapeutischen Einrichtungen schaffen können. In den beiden Wohngemeinschaften haben wir nie unter 80 Prozent Abstinenz. In der Sechshauserstraße haben wir seit Jahren sogar 99 Prozent. Das sind aber Menschen, die wirklich traumatisiert sind, die 20 bis 30 Jahre in Obdachlosenheimen und psychiatrischen Einrichtungen betreut worden sind. Hier sagen auch Experten, da sei keine Besserung zu erwarten, sondern man müsse zufrieden sein, wenn der Verlauf nicht schlechter wird.
derStandard.at: Gibt es genug ähnliche Angebote in Österreich?
Wetschka: Nein. Jede moderne Gesellschaft leistet sich eine Versorgung von Alkoholkranken nur in sehr geringem Ausmaß. Maximal ein bis zwei Prozent der Alkoholkranken nehmen überhaupt einmal im Leben in eine qualifizierte Behandlung in Anspruch. Es wird ihnen ja auch sehr schwer gemacht, zu ihrer Krankheit zu stehen. Das Image der Krankheit ist ganz schlecht. Es hat sich noch immer nicht durchgesetzt, dass es sich um eine Krankheit handelt. Selbst von Psychiatern hört man Sprüche wie "Hören Sie auf zu trinken und gehen Sie arbeiten". Wenn diese Menschen nicht das Glück haben, über irgendeine Einrichtung begleitet zu werden, ist das ganz schwierig.
Typ IV-Patienten, die obdachlos geworden sind, brauchen Angebote wie Streetwork, Tageszentren, Sozialarbeiter, die in die Wohnungen gehen. Das gibt es aber in zu geringem Ausmaß. Die Selektionsmechanismen der Psychiatrie sind relativ hoch - damit ist der Patient schon draußen. Für die Gruppe unter den Obdachlosen, die motiviert sind aufzuhören, haben wir zu wenig Ressourcen und Rehabilitationsprogramme. (Marietta Türk, derStandard.at, 28.10.2011)
CHRISTIAN WETSCHKA studierte Psychologie, Pädagogik, Germanistik und Philosophie. Seit 25 Jahren ist er tätig im Bereich der Wohnungslosenhilfe. 16 Jahre davon als Mitarbeiter im Vinzenzhaus der Caritas (sozialtherapeutisches Wohnheim für wohnungslose Alkoholkranke). Wetschka ist zudem Supervisor (ÖVS), tätig in der Mitarbeiterfortbildung, Pastoralassistent und Theaterpädagoge.
In Zusammenarbeit mit dem Wiener Mediziner Otto M. Lesch hat er die Wohngemeinschaft für Alkoholkranke ("Verein Struktur", seit 2006, Geschäftsführer) gegründet und entwickelt. Außerdem ist er Mitarbeiter und Vorstandsmitglied der Vinziprojekte von Cecily Corti (Wohngemeinschaft II).
Weiterführender Artikel
Reportage: Wohnen unter Abstinenzlern
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Buchtipp
Lesch O.M., Walter H., Wetschka C.: Alkohol und Tabak. Medizinische und soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit. Erschienen im Springer-Verlag.
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Ausserhalb von Oesterreich hat die Lesch-Typologie so gut wie keine Bedeutung erlangt. Nur ausgesprochene Spezialisten im Fach lächeln: Tu felix Austria .... Darauf Therapie-Empfehlungen abzuleiten, wäre alles andere als Evidenz-basiert.
Alles schöne Worte, doch nicht wenig Ärzte haben das Vorurteil, daß Alkoholiker idR nicht heilbar seien. Dies führt immer wieder dazu, daß Alkoholkranken Verachtung und Mißtrauen von ärztlicher Seite entgegenbracht wird, die Behandlung beschränkt sich dann auf eine Feststellung des Zustandes in dem sich ein Patient befindet, mehr nicht.
Ich kenne Menschen mit solchen Erfahrungen, nicht wenige haben nach einer derartigen "Behandlung", obschon der Wunsch nach Abstinenz zuvor gegeben war, gleich im Anschluß daran wieder zur Flasche gegriffen.
Alkoholismus ist nur das Symptom einer viel größeren Krankheit, unter welcher die Menschheit leidet - nämlich der Würdelosigkeit des menschlichen Daseins.
und eine weitere Lösung des Problems wäre eben Armut zu verhindern!.
Ein Ausweg wäre auch gratis Fitnessprogramme in netter Gesellschaft - denn Sport vermittelt auch Glückgefühle (muss ja nicht trioathlon sein). vorher!! Ist die sucht erst da wird es sehr schwierig!
Als ALG Bezieher habe ich mich bei Mit"gefangenen" die Gasthäuser aufsuchten, rauchten oder sich mit Fastfood vollfraßen, oft gefragt, wie diese Droge(n) den Menschen zerstören, sodass sie ihr weniges Geld noch in diese Drogen investieren....
Aber dann schreit die Wirtschaft dass plötzlich der Konsum zurückgeht ... Die Brauunion, die Schnapsbrenner, etc etc etc ....
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