Philippe Carré über den Diplomatenjob und "Grande Nation"-Vorurteile
Wien - "Ich fühle mich in erster Linie als Europäer." Philippe Carré, französischer Botschafter in Wien seit 2008, ist überzeugt von der europäischen Identität. Im Rahmen der Diskussionsreihe "Botschaften aus Europa" sprach er mit rund 100 Schülern in der Wiener Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz über seinen Berufsalltag: "Wie wird man überhaupt Botschafter?" Carré fand seine Berufung eher durch Zufall. "Es macht nichts, wenn ihr jetzt noch nicht wisst, was ihr genau machen wollt", ermutigt er die Jugendlichen. "Auch ich wusste das in diesem Alter nicht."
Jedoch war er sich seiner Interessen immer bewusst: Fremdsprachen, Geschichte, verschiedene Kulturen und Länder. Für einen Diplomaten perfekte Voraussetzungen, wie Carré meint: "Es gibt zwei Wege, Botschafter zu werden: Man studiert Wirtschaft, Recht oder Politik, oder man interessiert sich für ungewöhnliche Sprachen und fremde Kulturen."
Er selbst spricht Deutsch, Englisch und Russisch. Besonders Letzteres übte auf ihn schon in jungen Jahren große Faszination aus, denn Russland sei das Land gewesen, dass "in gewisser Weise ein Rivale" war, erinnert er sich.
Es gehört aber noch mehr zum Posten des Botschafters dazu, sagt Carré. "Man muss auf sein Bauchgefühl hören, zwischen Parteien vermitteln und manchmal auch überzeugen können."
"Was machen Sie, wenn Sie die Meinung der französischen Regierung nicht teilen?", fragte eine Schülerin. Das Für und Wider werde von der Regierung sorgfältig abgewogen, antwortet Carré: "Entscheidungen werden nicht einfach so getroffen, es gibt immer gute Gründe."
Auf einen Kommentar zu den Entscheidungen der österreichischen Politiker ließ er sich nicht ein. Nur so viel ließ er durchblicken: "Es gibt kein Land, in dem die Politiker besonders populär sind, dies trifft noch umso mehr in Zeiten einer Wirtschaftskrise zu."
"Wie ist eigentlich die Beziehung zwischen Österreich und Frankreich?", wollte die 18-jährige Kathrin wissen. Obwohl die Diskussion bisher auf Französisch stattgefunden hatte, wechselte der Botschafter an dieser Stelle ins Deutsche.
Falsches Bild von Frankreich
Die Beziehungen seien grundsätzlich gut, doch gebe es von beiden Seiten Vorurteile und falsche Vorstellungen. Als Beispiel für ein solches Klischee zog er den Begriff der "Grande Nation" heran. Diese Bezeichnung sei eine Erfindung der deutschsprachigen Länder. "In Frankreich existiert sie nicht", erklärt er. Es stimme nicht, dass nur Deutschland und Frankreich alle Entscheidungen in der EU träfen. Schmunzelnd fügt er hinzu: "Die Wahrheit ist viel komplizierter."
Einfacher fasst Carré das Rüstzeug eines Botschafters zusammen, man brauche "nämlich nicht viel mehr als den eigenen Kopf, ein Telefon und einen Stift". Damit sei man bestens gerüstet. (David Tiefenthaler, Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2011)