Kein Blowjob, danke, gehe zu Möslinger

    25. Oktober 2011, 16:29
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    Wild will sie: Interessante Angebote vor dem Essen im Stuwerviertel von unprofessionellen Professionellen - Und wo man Reh trinkt und Frischlinge beißt

    Wenn die geschätzte Profikosterin Karin Schnegdar das Gasthaus Möslinger als "Genuss Wirt des Jahres" handelt, dann schaut der Fidler schon einmal genauer hin. Hm. 23 Jahre im Stuwerviertel, und das mit diesem Namen, dazu gehört schon eine gewisse Ausdauer, auch im Wegstecken des einen oder anderen Kalauers. Was würde zum Beispiel eine Vegetarierin des Vertrauens davon halten, erzählte ich ihr, dass ich heut abend ins Stuwerviertel zum Möslinger geh, und das ohne sie. Es soll Vegetarierinnen geben, die sich überlegen, in diese Gegend zu ziehen, aber ich bin überzeugt, sie würden dann doch dem Grasen den Vorzug geben, und das völlig zu Recht. Hier wird wirklich viel Fleischliches angeboten.

    Unprofessionell professionell

    Sitz ich also im Möslinger und wart auf den R., der mich mit einer empörten Beschwerde begrüßt, dass die Professionellen aber wirklich zu Unrecht professionell genannt werden: Hat ihm doch eine junge Dame auf dem Weg ins Lokal einen Blowjob angeboten! Vielleicht ein bisschen direkt, aber man kann ja nein sagen, und wie soll die Dame das sehen, also warum die Aufregung? Professionell hätte er gefunden, wenn sie ihm angesehen hätte, dass er weder auf junge noch auf alte Damen steht. Da fällt mir ein: Gut, dass ich ja praktisch nur über Wirtshäuser blogge und nicht über Frauen oder Männer. Zum Thema also.

    Zugewürzt

    Wilde Wochen derzeit, zweifellos, und das muss ja nicht von Fehl sein. Die Wildheit meiner Bestellung überrascht freilich selbst das Personal bei Möslingers. Dabei hab ich nur gefragt, ob man mir zwei Vor- und eine Hauptspeise zutraut. Unerschütterliche Schmecks-Leserinnen wissen, dass mich die Antwort nicht weiter interessierte. Also: Tatare vom Hirsch - kein Fehler, wenngleich so zugewürzt, dass nicht nur mir Universaldilettanten, sondern auch dem geschmackssicheren R. schwer fiel, das geweihde Tier zu identifizieren. Beef tatart so auch nicht anders schmecken, kalauerte R. zu meiner Freude. Die seine war zu dem Zeitpunkt die Wildconsommé mit Wildbratnockerl, schien mir, zum Kosten kam ich jedenfalls nicht rechzeitig.

    Der Schwenk ein Schwank

    Gut, dafür musste er meine zweite Vorspeis abwarten. Wenn "Geschwenkte Trompetenpfifferlinge" auf der Karte stehen, hoff ich auf Totentrompeten aus der Pfanne, und muss jedenfalls zuschlagen. Der Dilettant in mir lässt sich natürlich auch nicht von der Warnung abschrecken, dass die Pilze heute aber nur in Rahm zu haben sind. Nicht grundsätzlich schlecht, aber halt schon sehr rahmig für Skeptiker der Dicksauce.

    Mit Rauch gehts auch, und das lang

    Vor allem hätte ich bedenken sollen, dass ich mit dem Hirschfilet auf Schwammerlsauce gleich wieder in denselben Rahmen falle - einen Hinweis darauf finde ich Gedankenloser übrigens immer nett. Den hätt ich mir auch am Millstätter See gewünscht, aber das ist eine andere Geschichte, die noch ein bisschen abliegen wird.

    Das Filet war vielleicht ein bisschen forsch gebraten, aber im Grunde schon ziemlich gut. Die Medaillons vom gleichen Tier in Apfel-Mostsauce kamen gegenüber auch durchaus gut an. Der a) kochtechnisch vielfach erfahrenere und b) ständig ungemein fein bekochte R. vermutete allerdings in seiner Sauce ein bisschen industrielle Hilfe. Wir sind hier quasi in einem Traditionswirtshaus, beruhige ich ihn, auch wenn das Maggi nicht auf dem Tisch steht (wenn ich nichts übersehen habe). Damit war also zu rechnen - wie mit dem beeindruckend lange anhaltenden Wirtshausgeruch selbst nach ausschließlichem Aufenthalt im Nichtraucherzimmer.

    Klinge ich unzufrieden? Definitiv nicht - ein guter Abend. Das liegt nicht daran, dass ich im Stuwerviertel noch Angebote eingeholt hätte. Wir nahmen ganz anständig ein Taxi zurück, praktisch direkt vor der Tür. Oder empfehlen Sie mir nach dieser Entscheidung professionelle Hilfe? Hab ich eingeholt. Die Psychiaterin meines Vertrauens geht ja noch immer mit mir essen, sie behauptet auch noch: gern. Muss sich um wissenschaftliches Interesse handeln.

    Wild will sie

    Wild will sie. Da frag ich den Holzer, sag ich mir, sicher ist sicher. Wild, sagt er. Gut, denk ich mir, das Gasthaus Wild war mir vor ewigen Zeiten einmal unsympathisch, wohl, weil es der Florian oder einer seiner Kollegen gerade hoch gelobt hatten und ich dann noch höhere Erwartungen in den Abend legte. Aber steht das Recht auf eine zweite Chance nicht irgendwo in der Charta der Menschenrechte?

    Die Psychiaterin meines Vertrauens jedenfalls verlangte: Wild. Das bekam sie nun doppelt. Und ich muss sagen: ein durchaus schöner Abend. Wenn frau Leber mag, nimmt sie zwar Zeug zu sich, das nur ausnahmsweise zum Verzehr zugelassen ist, hat aber gleich einen gewaltigen Sympathiepunkt mehr. Wenn für den überhaupt noch Platz war. Frau Doktor nimmt die Pralinen von der Rehleber und ersetzt nur en passant das vorgesehene Mangochutney durch Quitte. Ein bisschen viel Gigi (oder wie würden Sie schischi schreiben?) findet sich dann auf dem Teller, man muss ja nicht alles essen, zum Beispiel Ingwer, wenn wir uns da nicht gemeinsam verschmeckt haben. Und die Pralinchen waren ja durchaus anständig.

    Mir war mein dünn aufgeschnittener Hirsch trotzdem deutlich lieber - Parfaits & Co. sind mir nicht der allerliebste Aggregatzustand der Leber - aber wenns keinen anderen gibt...

    Rache am Frischling

    Noch einen Sympathiepunkt (wenn noch Platz dafür war) macht die Psychiaterin mit: Hirschschnitzel gern, aber gebacken sicher nicht. Also blieb noch Fasanenbrust und Frischlingsragout, für das einiges sprechen würde. Im Lainzer Tiergarten machte sie bei einem Picknick einmal den Fehler, Jungsäue mit Brot zu füttern. Nun kann gerade ich verstehen, dass man a) zu trocken Brot gern ein bisserl Fleisch hat, und b) sieht die Frau Doktor ja wirklich sehr appetitlich aus. Trotzdem steht es einem Frischling nicht an, die Hand, die ihn füttert, zu beißen, bei allem Verständnis.

    Dennoch will sie nicht nachtragend sein und die Gelegenheit nützen, ordentlich zurückzubeißen. Also nimmt sie sich die Fasanenbrust vor - zart, durchaus saftig, auch dank Speckmantel. Dann gebe ich halt den Racheengel und mache mich über die Frischlinge her - schon weil ich die lieben Kleinen aus Bierbaum am Kleebühel als ausgesprochen saftig und gut in Erinnerung habe. Im Wild sind sie einen Hauch weniger saftig, aber da hilft die dunkle, kräftige Sauce. Schon ziemlich gut.

    Nein, Dessert ging sich hier auch nicht aus.

    Geschmecksfrage der Woche

    Und nun zu unserer Frage der Woche: Was stimmt nicht an dieser Geschichte?

    PS, gerade aufgefallen: Nein, gemeint war nicht, dass im Untertitel etwas von Reh trinken steht - der Vorgang aber im ganzen Text nicht vorkommt. Aber das war Ihnen, kundige Userin, anmutiger User, ja ohnehin klar: Gemeint war natürlich Hannes Reeh und sein Heideboden. War einen Versuch wert.

    Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

    • Wenn es Nacht wird im Stuwerviertel... geht man anständigerweise zu Möslinger.
Gasthaus MöslingerEinmal drei, einmal zwei Gänge, Saft, Wein, Wasser, Kaffee: 72,60 Euro
      foto: harald fidler

      Wenn es Nacht wird im Stuwerviertel... geht man anständigerweise zu Möslinger.

      Gasthaus Möslinger
      Einmal drei, einmal zwei Gänge, Saft, Wein, Wasser, Kaffee: 72,60 Euro

    • Hirsch tatare, schon gut, aber das Tierchen trat würztechnisch doch ziemlich in den Hintergrund
      foto: harald fidler

      Hirsch tatare, schon gut, aber das Tierchen trat würztechnisch doch ziemlich in den Hintergrund

    • Schwenken war aus: Herbsttrompeten in ordentlich Rahm
      foto: harald fidler

      Schwenken war aus: Herbsttrompeten in ordentlich Rahm

    • Die Hirschmedaillons von gegenüber, kein Fehler
      foto: harald fidler

      Die Hirschmedaillons von gegenüber, kein Fehler

    • Mein Hirschfilet, wieder mit Pilzrahm - wieder einmal nicht aufgepasst
      foto: harald fidler

      Mein Hirschfilet, wieder mit Pilzrahm - wieder einmal nicht aufgepasst

    • Die Leber von gegenüber in Pralinenform im Wild, wo manchmal ein bisschen viel los ist auf dem Teller
Gasthaus WildRadetzkyplatz 11030 Wien01 9209477Zweimal zwei Gänge, Bier, Saft, Wein, Wasser, Kaffee: 86,70 Euro
      foto: harald fidler

      Die Leber von gegenüber in Pralinenform im Wild, wo manchmal ein bisschen viel los ist auf dem Teller

      Gasthaus Wild
      Radetzkyplatz 1
      1030 Wien
      01 9209477
      Zweimal zwei Gänge, Bier, Saft, Wein, Wasser, Kaffee: 86,70 Euro

    • Mein Frischling, schmeckt viel besser, als ich fotografierte
      foto: harald fidler

      Mein Frischling, schmeckt viel besser, als ich fotografierte

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