Politische Krise

"Charisma"-Therapie gegen Politikverdruss?

Kommentar der anderen | 18. Oktober 2011, 19:33

Warum Rufe nach "charismatischer Führung" weder dem Zustand der heimischen Innenpolitik gerecht werden noch dessen notwendiger Veränderung - Von Franz Klug

Die unlängst an dieser Stelle publizierte Diagnose des Soziologen Max Haller, in Österreich werde durch die Parteifunktionäre verhindert, dass charismatische Politiker an die Spitze der SPÖ und ÖVP gelangen, hält einer empirischen Überprüfung nicht stand. Und auch Gerfried Sperls Ruf nach charismatischer Führung ist eher Teil des Problems statt Teil der Lösung. (Anmerkung am Rande: Völlig unverständlich ist Sperls Verklärung von Peer Steinbrück zu einer charismatischen Lichtgestalt der SPD: Steinbrück hat bis jetzt alle Wahlen, bei denen er an der Spitze seiner Fraktion stand, verloren ...)

Wenn man Charisma mit Wahlerfolgen gleichsetzt, dann sind in Österreich die erfolgreichsten Parteipolitiker von SPÖ und ÖVP zweifellos Michael Häupl und Erwin Pröll. Dass sich beide bis jetzt weigerten, auf Bundesebene politische Führungsfunktionen zu übernehmen, war aber nicht den bösen Parteifunktionären geschuldet, sondern schlicht ihrem - nachvollziehbarem - Unwillen, ihre regionalen Machtpositionen aufzugeben.

Und: Dass in Österreich charismatische Führungspersönlichkeiten von Parteifunktionären nicht verhindert, sondern in Kampfabstimmungen auch gewählt werden, zeigt das Beispiel Jörg Haiders: Jörg Haider baute die FPÖ/BZO von einer 5-Prozent-Miniatur zu einer 30-Prozent-Partei aus. Auch wenn man Jörg Haider aus politischen Gründen ablehnt und er diese Zuwächse nur durch Wahlkämpfe lukriert hat, die den Anti-Ausländer-, Anti-EU- und Pro-Österreich-Reflex bedienten, so bleibt doch das Faktum bestehen, dass er seit 1945 der erfolgreichste Bundespolitiker nach Bruno Kreisky war.

Entscheidend ist aber vor allem dies: Strukturell steht die charismatische Führungspersönlichkeit im Widerspruch zu der zu Recht geforderten verstärkten innerparteilichen Demokratie und Mitbestimmung - eine Problematik, die etwa im Streit innerhalb der Liste Martin oder im Bürgerforum Tirols deutlich sichtbar wurde: Die vom charismatischen Fritz Dinkhauser gemeinsam mit dem charismatischen Fritz Gurgiser und Freunden gegründete Liste erreichte 2008 bei den Tiroler Landtagswahlen 18,35 Prozent und ist damit die erfolgreichste Parteineugründung der letzten Jahre. Sie ist allerdings inzwischen um ein charismatisches Mitglied ärmer, da Gurgiser wegen Problemen mit dem neofeudalen Führungsstil Dinkhausers aus dem Bürgerforum ausgeschieden ist.

Charismatische Führerschaft verlangt oft bedingungslose Gefolgschaft und reduziert die Partei auf einen Jasagerverein für den jeweiligen Parteichef. Tatsächlich hat sich in den Parteien um die jeweiligen Parteiobleute eine Art "demokratische Fürstenherrschaft" herausgebildet, die nicht nur ein spannendes innerparteiliches Leben verhindert, sondern - eben deshalb - auch dazu führt, dass sich die Menschen von den Parteien abwenden. Max Haller hat ja selbst sehr anschaulich am Fall des Eingriffes von "Fürst" Franz Voves in die Grazer SPÖ geschildert, wie diese neoabsolutistische Praxis funktioniert.

Der Vertrauensverlust der Menschen in die Politik und die Parteien wird im übrigen nicht nur durch individuelles Fehlverhalten - mangelnder Gestaltungswille, Korruption ... - verursacht sondern auch durch die permanente mediale Negativkampagne gegenüber den Parteien. Die Berichterstattung über Parteitage etwa folgt immer derselben negativen Dialektik: Wenn am Parteitag alles nach Plan läuft, wird das als "stalinistisch" denunziert; wenn man spannende Debatten führt, gegen die Parteiführung Abstimmungen gewinnt, dann wird ein "Putsch" diagnostiziert ...

Für die Wiederherstellung des Vertrauens in die Politik und in den Parteien bräuchte es jedenfalls einen sofortigen strukturellen Kraftakt seitens der regierenden Koalitionsparteien. Unverzichtbare Bestandteile eines entsprechenden Maßnahmepakets wären:

1.) verbindliche Abhaltung von Volksabstimmungen ab einer Unterschriftenanzahl von 100.000 nach dem Muster der Schweiz;

2.) Abänderung des Vorzugsstimmensystems, um sicherzustellen, dass man, so wie in Südtirol, eine Person seiner Wahl, auch innerhalb der Parteilisten, nachhaltig nach vorne reihen kann;

3.) gläserne Partei- und Politikerkassen - sprich: Offenlegung aller Parteispenden und Politiker-einkünfte;

4.) gesetzliche Begrenzung der Wahlkampfkosten.

Bleiben solche Strukturreformen aus, wird der nächste Wahlgewinner, unabhängig von vermeintlich fehlenden charismatischen Führungspersönlichkeiten bei SPÖ/ÖVP, wahrscheinlich H.-C. Strache heißen - auch wenn der jüngste FPÖ-Befund von Bürgermeister Häupl durchaus stimmen mag: "Die haben so viel Butter am Kopf, dass sie schon herumlaufen wie ein Germknödel." (Franz Klug, DER STANDARD; Printausgabe, 19.10.2011)

Der Autor ist Gründungsmitglied der österreichischen Grünen und langjähriger Abgeordneter in Tirol, lebt in Innsbruck und München.

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19 Postings
J. Reichhart
00
19.10.2011, 19:12
wie sagt man es mit wenigen worten, was faul ist im staate österreich?

wir brauchen weder charismatische politiker noch irgendwelche führerpersönlichkeiten.

woran das system krankt, ist folgendes:

1. korruption an allen ecken und enden, von der gemeindebudel bis zum höchsten amt!

2. nochmal korruption

3. gefälligkeitsrecht, klassenjustiz, ungleiches recht für alle

4. aushöhlung des rechtsstaats, willkürliche rechtsauslegung immer zuungunsten der opfer bzw. der schwächeren

5. völlig intransparente parteienfinanzierung und -gebarung. ein selbstbedienungsladen ohnegleichen.

6. überbordende verwaltung, ämterhierarchie und völlig abgehobene bezüge der spitzenbeamtenkaste

7. exzessive steuerungerechtigkeit zw. 'arbeit' und 'vermögen'

8. korruption und verlogenheit der eliten

9. siehe 8.

10. siehe 9.

Mensch0815
00
19.10.2011, 19:10

Kein Mensch braucht Sprücheklopfer und Almosenverteiler wie Haider. Es reicht schon, wenn einer oder eine Gesetze ernst nimmt und befolgt und als Chef oder Chefin Maßnahmen gegen die setzt (soll heißen rausschmeißt), die sich nicht daran halten. Und ohne ein Team, das den gleichen Vorgaben folgt, geht auch nix. Und Charisma braucht man, um Wahlen zu gewinnen und als "Leithammel" die Macht zu kriegen, um das auch umsetzen zu können. Kreisky war so einer, hat den Androsch rausgeschmissen, weil seine Steuerberaterkanzlei mit dem Job als Finanzminister schlicht und einfach unvereinbar war. Wir hatten mal die Lichtgestalt, die als Vorbild dienen kann.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
00
19.10.2011, 14:55

Ich denke dass beim "Charisma" ein Missverständnis vorliegt. Es geht nicht um den Volkstribunen, sondern um ein Minimum an Charakter und eigenständiger Persönlichkeit. Das ist genau das, was den in den Parteikellern gezüchteten Figuren wie Faymann, Bures, Rudas, Spindelegger, Kopf, usw usw abgeht.

Als zweiten Grund sehe ich die alles zerfressende Parteienkorruption, als dritten das völlige Fehlen von Sachpolitik.

Zur Rolle der Medien: Sie behandeln Politik als Kasperltheater. Schwer zu sagen, wo da Ursache und Wirkung liegen.

byron sully
00
19.10.2011, 16:00

seh ich recht ähnlich.

cipf
 
01
19.10.2011, 13:47

Ach, Charisma ist überbewertet.
Rückgrat reicht schon.
Und ein bisserle Unbestechlichkeit, eine Prise Ehrlichkeit und ein paar Bröckerln Persönlichkeit.

Dann wäre ich schon glücklich.

Traum aus!

slow motion
01
19.10.2011, 10:47
Auf seine Art war auch Alexander Van der Bellen charismatisch.

Aber da Charisma laut den Grünen bzw. dem Grünen Franz Klug böse ist, nehme ich zur Kenntnis, daß für die bzw. manche Grünen Van der Bellen böse ist.

hm tata
21
19.10.2011, 09:09
der letzte politiker mit charisma

war leider der selige jörg haider. seither wird unsere politik von grauen mäuschen regiert. es ist die zeit, die keine charismatischen persönlichkeiten mehr wachsen läßt. in zeiten des facebook und twitter-pallawatsch werden die leute von nebensechlichkeiten abgelentkt-.

Bumbu
 
00
20.10.2011, 11:40
es ist die zeit, die keine charismatischen persönlichkeiten mehr wachsen läßt

Ich finde HC charismatisch, sozusagen Charisma 2.0. Seit seinem Rap mit den unvergeßlichen Versen „ich kämpfe für Österreichs Sache Dein HC Strache“ ist der Mann bei mir lebenslang charismatisch gebrandmarkt.

rosa flieder
00
19.10.2011, 08:44
"neue Führerschaft"

Ideen prominenter Sozialdemokaten (z.B. F. Holland, Lula da Silva ..) werden heute konferiert, kann man sich im Live-Stream anhören:

http://www.fundacionideas.es/streaming

immerhin in dem Land, in dem die indignados als identitätsstiftendes Element die Horizonalität beibehalten und strukturell entwickeln (und bisher damit nicht handlungsunfähig geworden sind)

Bei der Konferenz wirds vermutlich mehr um inhaltliche (Meinungs-)Führerschaft gehen - ein Aspekt, der bei F. Klug fehlt Die beiden Gründe, die er für den Vertrauensverlust in die Politik verantwortlich macht, greifen viel zu kurz.
z.B.:
Am Anfang der "Grünen" waren ihre Strukturen noch Ausdruck einer anziehenden Idee (Basisdemokratie) - das hat sich aufgehört - wie auch sonstige

Pintinho
00
19.10.2011, 08:34
Franz Klug schreibt: "Unwillen (von Häupl und Pröll), ihre regionalen Machtpositionen aufzugeben"

das glaube ich nicht.

add häupl: afaik hat man spö-intern festgestellt, daß häupl außerhalb wiens nicht "funktioniert"

add pröll: wollte mwn präsident werden und wurde von seinem neffen gestoppt

ilse kleinschuster
 
11
19.10.2011, 08:04
Therapie gegen Politikverdruss? Eine Frage von direkter Demokratie .....

Franz Klug danke für diesen Artikel! Es ist eine lang gehegte Forderung der 'Initiative Zivilgesellschaft' die Demokratie zu verfeinern - Mit oder ohne charismatische Persönlichkeiten - sollte der Parlamentarismus um eine dreistufige Volksgesetzgebung (direkte Demokratie!) ergänzt werden. Ohne die gesellschaftliche Funktion der Medien, die Information und Kommunikation über das Pro und Contra einer zu entscheidenden Sache, ist eine demokratische Willensbildung nicht gut möglich, ohne faire Medien verkommen Massen-Abstimmungen zu Propaganda-Instrumenten. Zu diedem Thema mehr in der 9.Konferenz der IZ - 21./22.Oktober im MODUL/Kahlenberg/Wien - www.initiative-zivilgesellschaft.at (IG Eurovision, Volksgesetzgebung Jetzt)

Emil Sacklinger
 
01
19.10.2011, 07:59
ausgewogene, kluge politik

das alleine wünsch' ich mir.

(charisma ist mir schnurzegal)

Jepedaia Springfield
01
19.10.2011, 07:31
1.) verbindliche Abhaltung von Volksabstimmungen ab einer Unterschriftenanzahl von 100.000 nach dem Muster der Schweiz;

Sehr gute Möglichkeit. Direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild!

bad user
20
19.10.2011, 11:23
Völliger Blödsinn!

Sehen Sie sich die Wahlbeteiligung bei Volksbefragungen in der Schweiz an.
Ich wähle und bezahle Politiker und deren Experten dafür, dass sie nachhaltige Lösungen im Sinne der gesamten Bevölkerung zustande bringen und auch umsetzen.

Mir graust es ehrlich gesagt davor, wenn bauernschlaue Stammtisch-Besucher über die Weltwirtschaftskrise und deren Ursachen/Lösungen "deppat-ieren" ...
Wenn man solchen Individuen auch noch eine Stimme gibt, dann sag ich nur mehr "Gute Nacht, mein liebes Volksempfinden!"

Jepedaia Springfield
01
19.10.2011, 14:02
Johann Wolfgang von Goethe Welche Regierung die Beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren. Die Demokratie rennt nicht, aber sie kommt sicherer zum Ziel.

bauernschlaue Stammtisch-Besucher Regieren jetzt!

Dr. Fu Man Chu
20
19.10.2011, 07:24

ein grüner stellt für die grünen förderliche forderungen nach einer neuen politischen struktur - im sinne von mehr vertrauen in die politik schaffen? ich bin begeistert

slow motion
13
18.10.2011, 20:45
Ich halte H.C.Strache für uncharismatisch.

Und die meisten Merkmale eines Charismatikers fehlen ihm auch.
Umso mehr ist es ein Krisenzeichen, das ein schlechtes Licht auf alle anderen Parteien wirft, wenn ein derart unfaszinierender Politiker wie H.C.Strache die Wahlen gewinnt.

slow motion
00
18.10.2011, 20:55
Ganz abgesehen davon:

Steinbrück war nie Spitzenkandidat seiner Partei bei einer Bundestagswahl.

FloW ERlebnis
01
18.10.2011, 21:38
Aber als Ministerpräsident mit Bomben und Granaten gescheitert.

.
Und als großmäuliger FM zuerst mit Asmussen für weitere Deregulierung des Finanzbranche und nach dem Zusammenbruch für die 140 Mrd Rettung allein der HRE verantwortlich uswusf.

Und jetzt wird er von Bertelsmann-Springer-Spiegel (Standard) hochgeschrieben, um nur ja die Politik der "Genosse der Bosse" weiter zu führen und nur ja keine genuine sozialdemokratische (Finanz)Politik Fuß fassen zu lassen.

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